Einmal ausbrechen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Diesen Wunsch haben vier DDR-Jugendliche mit Beeinträchtigung. Karsten Krampitz beschreibt in seinem Roman „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, wie aus diesem Wunsch eine einzigartige Kommune entstand. Nach einer wahren Begebenheit.
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Arnstadt, Thüringen, Ende der 1970er-Jahre: Die Jugendlichen Gruns, Schröder, Rose und Christian beschließen, aus dem Marienstift auszubrechen. Gruns, der Kopf der Gruppe, ist Absolvent einer Predigerschule in Eisenach und stellt den Kontakt zur Thüringer Landeskirche her. Er fragt nach der Möglichkeit zur Gründung einer Wohngemeinschaft. Die Kosten für die „Latscher“ (Pfleger) sollen durch die Rente und das Pflegegeld der Bewohner gedeckt werden.
Die Kirche stellt ein verlassenes Pfarrhaus in Hartroda im Altenburger Land in Thüringen zur Verfügung. Zusammen mit den vier Gründern ziehen die Pfleger Franky Lohmann, Biene Mayer und Timo Schüller ein – die „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“ ist gegründet. Während Christian die Kommune bald wieder verlässt, schließt sich Gruns Schwester Lena der Gruppe an. Auch der schweigsame ehemalige Grenzer Bernd Mozeck kommt nach Hartroda. Er pflegt Gruns und widmet sich in seiner Freizeit dem Fernschach.
Als weiterer Pfleger stößt Schlotter zur Kommune. Er ist Roadie der Bluesrockband „Mischpoke“ und hat vom Staat ein Berlin-Verbot erteilt bekommen. In Hartroda findet er sein Exil. Gemeinsam mit ihm kommen auch die übrigen Bandmitglieder um den Bandleader Eisen nach Hartroda und werden fester Bestandteil der Gemeinschaft. Zwischen Lena und Schlotter entwickelt sich eine enge Verbindung, sie verlieben sich ineinander und heiraten. An den Wochenenden ist Mischpoke bei sogenannten „Muggen“ (Konzerten) in der gesamten DDR unterwegs. Für die Auftritte in Berlin tritt mit der Zeit Mozeck anstelle von Schlotter als Roadie ein.
Eine offene Atmosphäre, die durch Rüstzeiten, Gartenfeste und Konzerte entsteht, zieht bald Menschen aus ganz Thüringen und darüber hinaus an. Hippies, Punks und Existenzialisten kommen nach Hartroda. Auch Gruns Predigten sorgen für Aufmerksamkeit und Besucher. In seinen Predigten in der Dorfkirche übt er Kritik an den Verhältnissen in der DDR und schafft es dabei immer wieder, Konsequenzen durch die Staatsmacht zu entgehen. Hartroda bleibt ein scheinbar geschützter Raum, in dem alles, was gesagt wird, auch dort bleibt.
Doch das Leben der Kommune bleibt nicht ohne Brüche. Im Frühjahr 1985 tritt Mischpoke beim Steinbrücken Open Air auf. Als die Bandmitglieder zurückkehren, erfahren sie, dass Lena sich während ihrer Abwesenheit bei einem Sturz schwer verletzt hat. Zwar erholt sie sich teilweise, bleibt aber gesundheitlich angeschlagen. Schlotter kümmert sich verstärkt um sie und Mozeck springt häufiger als Roadie ein. Ende der 1980er-Jahre erhält die Band ein Lizenzverbot und arbeitet deshalb in wechselnden Side-Projekten unter neuen Namen weiter.
Mit dem Jahr 1989 verändert sich schließlich alles. Während Mischpoke unter dem Namen „Gruppe Kongress“ auf Tour in der Sowjetunion ist, gerät die DDR ins Wanken. Als die Musiker zurückkehren, spüren sie die revolutionäre Stimmung im Land. In diese Zeit fällt Lenas Tod, der für die Gemeinschaft ein schwerer Schlag ist.
Nach dem Mauerfall droht der Kommune das Aus. Schröder und Rose gehen und Gruns bleibt allein zurück. Er will sich davon nicht unterkriegen lassen und sucht Unterstützung bei der Organisation „Ambulante Hilfe e. V.“, um ein Hotel für Menschen mit Beeinträchtigung aufzubauen. Dafür muss Gruns die frühere Wirtschaftlichkeit der Kommune belegen. Bei Recherchen in Stasi-Akten stößt er auf Mozecks Vergangenheit und erfährt, warum dieser so lange geschwiegen hat und wie Mozeck als IM Interna aus Hartroda weitergeleitet hat. Zwar versöhnen sich die beiden, doch die Zukunft Hartrodas bleibt offen.
Karsten Krampitz gelingt ein eindringlicher Roman nach einer wahren Begebenheit, der zeigt, wie Menschen trotz widriger Umstände ihre eigene Form von Freiheit und Gemeinschaft schaffen. Die Band Mischpoke ist der DDR-Bluesband Freygang nachempfunden, und auch die Geschichte der vier Jugendlichen, die aus dem Arnstädter Marienstift ausbrechen, beruht auf historischen Ereignissen.



Karsten Krampitz: „Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung“, Edition Nautilus, Hamburg 2025, 200 Seiten, 22 € (Hardcover).
























