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Buchvorstellung: „Arm aber sexy“. Stefan Wolle über Berlin

Dank Mau­er­fall und Wie­der­ver­ei­ni­gung sind Ost- und West­ber­lin wie­der mit­ein­an­der ver­schmol­zen. In sei­nem Buch erzählt der His­to­ri­ker Ste­fan Wol­le vom Wan­del, den die Stadt Ber­lin von 1990 bis heu­te durch­lebt hat.

BUCHTIPP:

Das Cover von Stefan Wolles Buch: Arm aber sexy

Ste­fan Wol­le: „Arm aber sexy – Die Geschich­te Ber­lins seit 1990“, BeBra Ver­lag, Ber­lin 2026, 224 Sei­ten, 24 € (Hard­co­ver mit Bildern).

Wol­les Buch beginnt mit der Sil­ves­ter­par­ty 1989. Sie­ben Wochen nach dem Mau­er­fall soll­te die Fei­er ein fröh­li­ches Hap­pe­ning wer­den, sie ende­te jedoch im Cha­os. Men­schen stie­gen aufs Bran­den­bur­ger Tor und beschä­dig­ten die Qua­dri­ga. Außer­dem wur­de auf die Kon­struk­ti­on der Video­wand geklet­tert, die dar­au­fin zusam­men­brach. Die Bilanz: ein Toter und 135 Ver­letz­te. Wäh­rend die Poli­zei in bei­den Tei­len Ber­lins die gute Zusam­men­ar­beit beton­te, ver­such­ten die Medi­en laut Wol­le einen poli­ti­schen Zusam­men­hang her­zu­stel­len. Für den Autor steht die­se Nacht sinn­bild­lich für den fol­gen­den Wan­del der Stadt – geprägt von Hoff­nun­gen und spä­te­ren Enttäuschungen.

Wol­le beschreibt die Umbruch­zeit 1989/1990 und das rasan­te Tem­po, mit dem sich der All­tag der Men­schen ver­än­der­te. Im Mit­tel­punkt ste­hen dabei die Stür­mung der Sta­si-Zen­tra­le am 15. Janu­ar 1990 sowie die Wirt­schafts- und Sozi­al­uni­on zwi­schen BRD und DDR, die am 1. Juli 1990 inkraft trat. Die anfäng­li­che Begeis­te­rung über die D-Mark wich schnell wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men. Durch die Umrech­nung von Löh­nen, Gehäl­tern und Ren­ten im Ver­hält­nis eins zu eins gerie­ten vie­le Betrie­be unter Druck. Ent­las­sun­gen und Betriebs­schlie­ßun­gen waren die Fol­ge. Gleich­zei­tig ver­än­der­ten sich die Kon­sum­ge­wohn­hei­ten in Ost­deutsch­land, wodurch vie­le Pro­du­zen­ten aus Indus­trie und Land­wirt­schaft auf ihren Waren sit­zen blieben.

Neben den wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen rücken auch die unter­schied­li­chen Haus­be­set­zer­sze­nen in Ost- und West­ber­lin in den Fokus. Dabei prall­ten ver­schie­de­ne poli­ti­sche Ansich­ten und Erfah­run­gen auf­ein­an­der. Ergänzt wird die­ser Blick durch die Ent­wick­lung der Lich­ten­ber­ger Nazi­sze­ne, die Anfang bis Mit­te der 1990er-Jah­re ihren Höhe­punkt erreichte.

Ein wei­te­rer Schwer­punkt des Buches ist die poli­ti­sche Ent­wick­lung Ber­lins nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Wol­le beschreibt die Ent­schei­dung für Ber­lin als Haupt­stadt am 20. Juni 1991 und den Antrag „zur Voll­endung der Ein­heit Deutsch­lands“. Außer­dem the­ma­ti­siert er die Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung der Stadt sowie den geschei­ter­ten Ver­such einer Län­der­fu­si­on zwi­schen Ber­lin und Brandenburg.

Der Autor wid­met sich auch der poli­ti­schen Ent­wick­lung unter Klaus Wowe­reit und der damit ver­bun­de­nen Neu­aus­rich­tung der Stadt. Dazu gehö­ren der Abschied von den Flug­hä­fen Tegel und Tem­pel­hof sowie der Bau des BER. Zudem greift Wol­le die Ber­li­ner Demons­tra­ti­ons­ge­schich­te auf – von Pro­tes­ten in den 1990er-Jah­ren bis zum Sturm auf den Reichs­tag 2020 und den Corona-Demonstrationen.

Im Kapi­tel „Der Sound der Metro­po­le“ beschreibt Wol­le den Wan­del der Ber­li­ner Kul­tur­sze­ne. Er erklärt die Ent­wick­lung der Club­sze­ne, die 1990er-Jah­re und Ber­lin als Ver­an­stal­tungs­ort der „Love­pa­ra­de“. Gleich­zei­tig zeigt Wol­le, wie sich die Stadt zuneh­mend zur Haupt­stadt der LGTBQ-Com­mu­ni­ty in Deutsch­land entwickelte.

Auch gro­ße Bau­pro­jek­te und Stadt­ent­wick­lun­gen spie­len im Buch eine wich­ti­ge Rol­le. Dazu zählt der Abriss des Palasts der Repu­blik und die Ent­ste­hung des Hum­boldt-Forums sowie die Pro­tes­te gegen die Abriss­ent­schei­dung. Eben­so beschreibt Wol­le das Ende und den geplan­ten Abriss des ehe­ma­li­gen Sport- und Erho­lungs­zen­trums (SEZ) an der Lands­ber­ger Allee/Ecke Dan­zi­ger Stra­ße. An die­ser Stel­le sol­len künf­tig 550 neue Woh­nun­gen entstehen.

Zum Abschluss zieht der Wol­le, ange­lehnt an den alle drei Jah­re erschei­nen­den Zukunfts­at­las des „Han­dels­blatts“, eine Bilanz zu The­men wie Woh­nungs­markt, ÖPNV, Schu­le, Kri­mi­na­li­tät, Tou­ris­mus und Demo­gra­fie. Das Buch endet, wie es beginnt, mit einer Sil­ves­ter­par­ty: der von 2024.

Dem Autor gelingt es, die Leser­schaft auf eine his­to­ri­sche Rei­se durch 36 Jah­re Ber­li­ner Stadt­ge­schich­te mit­zu­neh­men. Durch den klar struk­tu­rier­ten Auf­bau wird der enor­me Wan­del der Stadt seit 1990 deut­lich sichtbar.

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