Vor 100 Tagen, am 19. Februar 2026, ist die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ) online gegangen, einen Tag später erschien die erste Printausgabe. Im Interview zieht Geschäftsführer Dirk Jehmlich Bilanz.

Dirk Jehmlich, Geschäftsführer der Ostdeutscher Verlag GmbH, wurde 1979 im brandenburgischen Altdöbern geboren. Abbildung: OAZ
ostdeutschland.info: Herr Jehmlich, vor 100 Tagen ist die erste Ausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung erschienen. Ein Grund zum Feiern?
Dirk Jehmlich: Unbedingt. Die letzten 100 Tage waren sehr anstrengend, aber jede einzelne Stunde wert. Ganz persönlich muss ich sagen, dass ich lange nicht mehr das Gefühl hatte, etwas zu tun, das wirklich gesellschaftliche Relevanz hat. Auch wenn wir noch weit von unserem eigenen Anspruch entfernt sind, bin ich stolz darauf, was das gesamte Team in diesen 100 Tagen auf die Beine gestellt hat.
Wie haben Sie die Aufnahme der OAZ wahrgenommen?
Ein gewisser Anfangshype war zu erwarten. Womit ich allerdings nicht gerechnet hatte, waren die vielen wirklich netten, dankbaren und anerkennenden Zuschriften sowie die zahlreichen Angebote, uns zu unterstützen, die wir von Beginn an erhalten haben. Daran hat man gemerkt, dass wir einen Nerv getroffen haben und der Launch der OAZ zum Zeitgeist passt.
Die Reaktionen anderer Medien auf den Start der OAZ erzählen dabei oft mehr über den Zustand unseres Mediendiskurses als über die OAZ selbst. Noch bevor die erste Ausgabe erschienen war, wussten viele etablierte Medien bereits ganz genau, was da kommt, und ordneten uns entsprechend gehässig ein. Wir haben gerade unseren Pressespiegel veröffentlicht. Diese Übersicht beantwortet die Frage eigentlich ganz gut.
Eine martialische Wortmarke, eine Art Homestory bei Tino Chrupalla, große Ansprüche und generell viel Eigen-PR – zum Start gab es dafür auch manche Kritik …
Ja, wir haben lange überlegt, ob wir die Schrift der FAZ übernehmen und die Idee mit der Himmelsrichtung von der Süddeutschen kopieren. Man würde doch sofort erkennen, auf wen wir abzielen ;-).
Der Schriftzug der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung ist letztlich ein Rorschachtest. Er sagt weniger darüber aus, wer die OAZ ist, sondern vielmehr darüber, wie der Betrachter selbst tickt. Chrupalla hat mich zunächst auch überrascht. Manche sehen darin eine Provokation – ich sehe darin eher eine Konfrontation mit unserer eigenen politischen Kultur. Es zeigt, dass wir teilweise oftmals weniger tolerant als unsere Verfassung sind. Ich möchte in einem Land leben, in dem Journalisten einen gewählten Bundespolitiker so behandeln dürfen wie jeden anderen Bundespolitiker auch – selbst wenn man seine Positionen nicht teilt.
Und ja: Gerade am Anfang braucht es auch große Ansprüche. Bei all der Kritik denke ich oft an die Zeile: „Vergiss die Spinner, die dich runterziehen. Weil sie selber nicht fliegen können.“ (Jan Delay)

Die Erstausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung. Seit 100 Tagen gibt es das neue Medium in Print und online. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung
Warum braucht es die OAZ?
Dass es mehr als 36 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer keine überregionale Zeitung aus Ostdeutschland gab, war eigentlich verrückt. Bis heute wird der gesamtdeutsche Mediendiskurs stark durch drei Himmelsrichtungen geprägt – und bewertet nach einem westdeutschen Maßstab.
Die OAZ möchte ostdeutsche Perspektiven ganz selbstverständlich in den gesamtdeutschen Diskurs einbringen und Ostdeutschland als eine der zukunftsstärksten Regionen Europas erzählen. Zudem haben wir uns vorgenommen, wieder mehr Menschen aus ihren Social-Media-Gruppen zurück auf eine journalistische Plattform zu holen, um eine starke Debattenkultur zu fördern.
Wer kauft die OAZ?
Ganz genau kann ich das noch nicht sagen. Unsere erste Leserbefragung läuft gerade an. Aus den vielen Zuschriften und persönlichen Gesprächen würde ich aber schließen, dass unsere Leser überwiegend über 45 Jahre alt sind, sich selbst als kritisch beschreiben und bemängeln, dass viele Medien zu selten Klartext sprechen – insbesondere wenn es um Verantwortungslosigkeit, Machtmissbrauch oder ineffiziente Systeme geht. Natürlich hat ein großer Teil unserer Leser eine ostdeutsche Sozialisierung. Auffällig ist zudem, dass sich unter ihnen viele Unternehmer befinden, die täglich sehr direkt mit der Realität konfrontiert werden, ebenso viele kulturinteressierte Menschen und Leser, die sich lieber selbst eine Meinung bilden möchten.

Die Erstausgabe der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung beim Andruck. Laut Dirk Jehmlich wird die Zeitung von vielen Unternehmern gelesen. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung
Gibt es regionale Unterschiede bei der Nachfrage?
Erstaunlich wenig. Natürlich haben wir in Sachsen deutlich mehr Leser als in anderen Bundesländern. Trotzdem überrascht es uns, wie viele Leser aus allen Teilen Ostdeutschlands kommen.
Bei den Abonnenten fallen zudem viele westdeutsche Kunden auf. Wir gehen davon aus, dass es sich dabei häufig um Menschen mit ostdeutscher Sozialisierung handelt, die heute im Westen Deutschlands leben.
Unter der Woche gibt es eine hohe Überschneidung mit Inhalten der Berliner Zeitung. Wird das auch künftig der Fall sein?
In Zukunft wird man vermutlich eher feststellen, dass man auch in der Berliner Zeitung viele OAZ-Beiträge findet. Gleichzeitig werden wir darauf achten, dass die Berliner Zeitung unsere Hauptstadtzeitung bleibt.
Bei vielen Themen ergibt es allerdings wenig Sinn, Inhalte künstlich nur für die BLZ oder nur für die OAZ vorzuhalten. Gute Beiträge bleiben gute Beiträge – unabhängig davon, wo sie erscheinen.
Die OAZ kann gut austeilen – gegen „Altparteien“, NGOs, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder vermeintliche Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Bei Kritik an ihr wirkt sie dagegen mitunter empfindlich. Wie passt das zusammen?
Ist das wirklich so? Diejenigen zu prüfen, die Verantwortung tragen, gehört zur zentralen Aufgabe von Medien. Wenn Institutionen ihrem Auftrag und ihren eigenen Versprechen nicht gerecht werden und dadurch das Vertrauen der Menschen enttäuschen, dann darf das nicht folgenlos bleiben. Das muss angesprochen werden.
Ich glaube allerdings, dass wir als OAZ auf Kritik nur sehr selten reagieren. Lediglich auf eine aus unserer Sicht diffamierende Berichterstattung durch den Volksverpetzer mussten wir reagieren. Aber „austeilen“ würde ich das nicht nennen. Jeder verantwortungsvolle Geschäftsführer würde sich genauso verhalten.

OAZ-Gründer und -Herausgeber Holger Friedrich mit Ehefrau Silke Friedrich. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung
In der OAZ ist das BSW recht präsent und es kommen Stimmen von rechts zu Wort – etwa Ulrich Siegmund, Götz Kubitschek oder Susanne Dagen. Bezweckt die OAZ eine Normalisierung der politischen Ränder?
Für uns gibt es nur eine Brandmauer – und die verläuft zwischen Demokraten und Extremisten. Egal ob links, rechts, oben oder unten: Solange sich jemand zur Demokratie bekennt, gehört er zum pluralistischen Blumenstrauß unserer Gesellschaft. Und Menschen auszugrenzen, die am Rand stehen, fand ich schon auf dem Schulhof falsch. Einfalt hat sich noch nie ausgezahlt. Dann lieber Positionen anhören und sich mit ihnen auseinandersetzen, auch wenn man sie nicht teilt. Nur so weiß man am Ende, warum man für oder gegen etwas ist – statt bloß Meinungen nachzuquatschen.
Wie würden Sie die Blattlinie der OAZ beschreiben?
Blattlinie bedeutet für uns: keine Lager, keine Ideologien, keine Moralisierung. Ostdeutschland optimistisch. Staatstreu, aber regierungskritisch. These gegen Antithese – die Synthese entsteht im Kopf der Leser.
Eigentlich sind das alles Selbstverständlichkeiten journalistischer Arbeit. Heute wirkt das fast schon ungewöhnlich. Wer vor 80 Jahren eine Zeitung gegründet hat, tat das bewusst aus einem politischen Lager heraus – das gehörte damals dazu. Wer heute ein Medium gründet, interessiert sich dagegen oft weniger für publizistische Grundsätze als für Aufmerksamkeit, Reichweite und algorithmische Dynamiken.
Dass wir ausgerechnet im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie den Anspruch haben, ein ernsthaft journalistisches Medium aufzubauen, ist aus meiner Sicht der eigentlich interessante Punkt unserer Linie.
Ursprünglich war von 14 Redaktionen in Ostdeutschland die Rede. Vorerst bleibt es aber beim Hauptstandort Dresden?
Heute sind wir in Dresden, Berlin und Schwerin vertreten. Bis Ende des Jahres wäre es großartig, wenn wir in allen ostdeutschen Bundesländern eigene Regionalredaktionen eröffnet hätten. Ob es irgendwann einmal 14 Redaktionen werden, kann ich heute noch nicht sagen. Entscheidend ist für uns, dort präsent zu sein, wo lokale Geschichten entstehen, um sie überregional erzählen zu können. Denn am Ende hat jede große nationale oder globale Geschichte einmal lokal begonnen.
Wie viele Mitarbeitende hat die OAZ derzeit – und wie viele sollen es perspektivisch werden?
Aktuell sind es zwischen 25 und 100 – je nachdem, wie man zählt. Wir bauen derzeit gemeinsam mit dem Berliner Verlag eine hybride Struktur auf, um agiler handeln zu können. Hinzu kommen zahlreiche freie Autoren.
Ich wäre allerdings kein guter Geschäftsführer, wenn ich unseren Erfolg an der Größe der Belegschaft messen würde. Unser Ziel ist Qualität in ausreichender Quantität – und eine Arbeitsbelastung, bei der die Menschen trotzdem Lust haben, morgens in die Redaktion zu kommen. Das allein ist schon ein ambitioniertes Ziel.
Wie kamen Sie zur OAZ und was haben Sie zuvor gemacht?
In den vergangenen 20 Jahren habe ich als Strategie- und Innovationsberater überwiegend große Unternehmen dabei unterstützt, neue Wachstumschancen zu erschließen. Vor einigen Jahren haben wir unsere Beratung erfolgreich verkauft. Seitdem habe ich große Freude daran, gemeinsam mit Unternehmern strategische Überraschungen auf die Straße zu bringen. Holger Friedrich kenne ich bereits seit über 15 Jahren. Als ich hörte, was er mit der OAZ vorhat, war für mich sofort klar: Da möchte ich unbedingt dabei sein. Ein Medienprojekt mit politischer Agenda fände ich persönlich furchtbar reizlos. Ebenso ein Medium, das Aufmerksamkeit ausschließlich über Empörung kapitalisiert. Aber an einem Leitmedium mitzuwirken, das dazu beiträgt, aus Ostdeutschland eine Erfolgsgeschichte zu machen – dafür investiere ich gern meine Lebenszeit.
Gründungs-Chefredakteur Dorian Baganz hat die OAZ bereits nach wenigen Wochen verlassen. Auch bekannte Journalistinnen wie Anja Reich-Osang oder Wiebke Hollersen sind aus dem Schwesterblatt Berliner Zeitung ausgeschieden …
… und gleichzeitig sind in dieser Zeit deutlich mehr Menschen zu uns gekommen. Dorians Weggang habe ich persönlich bedauert. Anja Reich-Osang und Wiebke Hollersen kenne ich nicht persönlich – allerdings waren beide meines Wissens deutlich länger als drei Wochen dabei.
Menschen verlassen Unternehmen nun einmal irgendwann. Die Frage ist selten ob, sondern eher wann. Als bei uns in der Beratung Mitarbeitende nach drei Monaten, drei Jahren oder 18 Jahren gegangen sind, wurde darüber allerdings nicht berichtet. Die Medienwelt liebt solche Geschichten naturgemäß besonders.
Die Ostdeutsche Medienholding gilt als sehr profitabel. Wie wurde der Start der OAZ finanziert – und wann sollen schwarze Zahlen geschrieben werden?
Wenn Gesellschafter eines profitablen Verlags über mehrere Jahre hinweg keine Gewinne entnehmen, entsteht irgendwann eine solide Kriegskasse – ganz ohne Sondervermögen. Tatsächlich brauchen wir diesen Puffer inzwischen nicht mehr, denn die OAZ arbeitet bereits profitabel.
So einen finanziellen Rückhalt zu haben, bedeutet für uns vor allem eines: vollständige publizistische Unabhängigkeit. Gleichzeitig gibt er uns die Möglichkeit, gezielt mit Anzeigenkunden zusammenzuarbeiten, die wirklich zur Region stehen und einen echten Beitrag leisten wollen. Ich empfinde diesen Freiraum als großes Privileg und als Inspiration weiter zu denken.
Rund um eine Zeitungsmarke lassen sich heute viele Formate entwickeln – Events, Podcasts, Merchandising oder sogar Fernsehen. Welche Pläne verfolgen Sie?
Die Welt ist voller Gelegenheiten. Wir werden aktuell von vielen Menschen angesprochen und probieren deshalb neue Ideen recht leichtfüßig aus. Dann schauen wir, ob sie echten Mehrwert für unsere Kunden schaffen und sich nachhaltig etablieren lassen. So vermeiden wir lange Planungsprozesse und lernen lieber direkt im Markt. Derzeit konzentrieren wir uns allerdings ganz klar auf Zeitung, Website und E-Paper. Ich glaube nicht, dass großes Wachstum noch durch neue Kanäle, Formate oder noch mehr Inhalte entsteht. Die Aufmerksamkeitsökonomie, neue Technologien und veränderte Konsumgewohnheiten schaffen gerade einen völlig neuen Markt mit neuen Spielregeln. Darum geht es uns langfristig. Um neue Märkte.
Was ist die nächste große Zielmarke für die OAZ?
Aus allen sechs ostdeutschen Bundesländern zu berichten, unsere publizistischen Leitlinien konsequent einzulösen und mit der OAZ einen Debattenraum zu schaffen, der so weit ist wie unsere Verfassung. Denn wo Worte enden, beginnt die Gewalt.
Vielen Dank.
Die Fragen stellte Robert Nehring.




























