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„Born in the GDR“: Interview mit Podcast-Host Antje Riis

Ant­je Riis ist Host des Pod­casts „Born in the GDR“. Jeden Monat erscheint eine neue Fol­ge mit „Geschichte(n) aus einem ver­schwun­de­nen Land“. Im Inter­view gewährt sie einen Blick hin­ter die Kulissen.

Antje Riis ist 1971 in Leipzig geboren und lebt heute in Ostberlin. Sie war Talkshow-Redakteurin (unter anderem „Schreinemakers“ und „Johannes B. Kerner) und Künstlermanagerin. Heute ist sie als Politikberaterin und Podcast-Host unterwegs. borninthegdrgeschichten.podigee.io Abbildung: Rene Riis

Ant­je Riis wur­de 1971 in Leip­zig gebo­ren und lebt heu­te in Ost­ber­lin. Sie war Talk­show-Redak­teu­rin (unter ande­rem „Schrei­ne­ma­kers“ und „Johan­nes B. Ker­ner“ ) und Künst­ler­ma­na­ge­rin. Heu­te ist sie als Poli­tik­be­ra­te­rin und Pod­cast-Host unter­wegs. „Born in the GDR“ Abbil­dung: Rene Riis

ostdeutschland.info: Frau Riis, seit November 2023 gibt es Ihren Podcast. Was ist das Konzept von „Born in the GDR“?

Ant­je Riis: In „Born in the GDR“ spre­che ich mit pro­mi­nen­ten und nicht pro­mi­nen­ten Men­schen, die wie ich in der DDR gebo­ren sind. Sie erzäh­len aus­führ­lich über ihr Leben in der DDR, wie sie den Mau­er­fall, die Zeit danach und die Umbrü­che, die dar­aus folg­ten, erlebt haben.

Warum machen Sie den Podcast?

Mir fehl­te ein sol­ches For­mat selbst. Mei­ne Beob­ach­tung war und ist, dass die Gene­ra­ti­on, die am Ende der DDR Jugend­li­che waren, im aktu­el­len Dis­kurs nicht so rich­tig statt­fin­det. Die Gene­ra­ti­on unse­rer Eltern wird über die Öffent­lich-Recht­li­chen gut ver­sorgt, es gibt auch eini­ges für jun­ge Men­schen, aber für uns dazwi­schen eben doch wenig. In den Gesprä­chen mit mei­nen Gäs­ten ist Zeit für Tie­fe, Lus­ti­ges und auch Trau­ri­ges. Mei­ne Höre­rin­nen und Hörer sind ab Mit­te 30. Sie wol­len sich in ihrer Geschich­te wider­spie­geln und sich dabei auch gut unter­hal­ten füh­len, oder sie sind neu­gie­rig auf den Osten und sei­ne Geschichte.

Wie ist „Born in the GDR“ entstanden?

Schon län­ger woll­te ich etwas dazu bei­tra­gen, dass der Osten sei­ne Geschich­ten selbst erzählt und nicht nur von außen gedeu­tet wird. Inter­views für TV-Talk­shows vor­zu­be­rei­ten war vie­le Jah­re mein Beruf. Mei­nen ers­ten Gast traf ich durch mei­ne Arbeit regel­mä­ßig und er hat mir gleich zuge­sagt, obwohl ich nichts vor­zu­wei­sen hat­te. Das war Peter Brink­mann, der Jour­na­list, der in der legen­dä­ren Schab­ow­ski-Pres­se­kon­fe­renz am 9. Novem­ber 1989 die Nach­fra­ge „Ab sofort?“ gestellt hat. Die Ant­wort dar­auf ist heu­te Weltgeschichte.

Wie viele Folgen gibt es bereits und wie viele Hörer haben Sie?

Es gibt schon mehr als 30 Fol­gen und mein Pod­cast ist durch die media­le Prä­senz mei­ner Gäs­te einer der erfolg­reichs­ten zu die­sem Thema.

Antje Riis hat bisher mehr als 30 Folgen von „Born in the GDR“ produziert. Abbildung: Antje Riis

Ant­je Riis hat bereits mehr als 30 Fol­gen von „Born in the GDR“ pro­du­ziert. Abbil­dung: René Riis

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Podcast-Host?

Mei­ne Gesprä­che füh­re ich direkt und ohne Ver­klä­rung. Dabei bin ich Gast­ge­be­rin, Fra­ge­stel­le­rin und Zuhö­re­rin. Da mei­ne Gäs­te und ich oft ähn­li­che Erfah­run­gen gemacht haben, wer­den die­se abge­gli­chen. Ab und zu gibt es Son­der­fol­gen, in denen ich aus mei­nem Leben erzäh­le, von mei­ner Teen­ager­zeit in den 1980er-Jah­ren mit DDR-Bands, mei­nen Teil­nah­men an den Miss­wah­len 1989 und 1990 in Leip­zig und eini­gem mehr.

Was zählt zu Ihren Highlights von „Born in the GDR“?

Es gibt in jeder Fol­ge Höhe­punk­te, die hän­gen­blei­ben. Mei­ne Gäs­te erzäh­len im Gespräch oft Über­ra­schen­des, noch Unbe­kann­tes. Ein Gedan­ke von Welt­star-DJ Paul van Dyk ist mir beson­ders im Gedächt­nis geblie­ben. Sei­ne Mut­ter und er hat­ten über vie­le Jah­re einen Aus­rei­se­an­trag aus der DDR gestellt, der nicht bewil­ligt wur­de und für bei­de Repres­sa­li­en bedeu­te­te. Erst im Som­mer 1989 wur­de er end­lich geneh­migt. Im Gespräch wur­de Paul nach­denk­lich und frag­te sich, wie es sein kön­ne, dass jener Sta­si-Mit­ar­bei­ter, der ihnen das Leben schwer gemacht und ihm einst gesagt hat­te, sei­ne Mut­ter dür­fe aus­rei­sen, wenn er selbst in der DDR blie­be, nun infol­ge des Mau­er­falls die­sel­ben Frei­hei­ten genie­ßen kön­ne wie alle ande­ren. Groß­ar­tig ist auch die Erfolgs­ge­schich­te von Judy Lyb­ke, der an die Künst­ler der Leip­zi­ger Schu­le glaub­te und es als Gale­rist schaff­te, dass deren Bil­der heu­te zu Höchst­prei­sen gehan­delt wer­den. Oder die Jour­na­lis­tin Anja Mai­er, die zu DDR-Zei­ten einen Eng­län­der zum Freund hat­te und dies – sie war Kind von Funk­tio­nä­ren – die Sta­si auf den Plan rief. Im Gespräch beschrieb sie die „ver­hee­ren­de“ Familiensituation.

Paul van Dyk, Dagmar Frederic, Leander Haußmann, Matze Hielscher, Steffen Baumgart und Flake stehen nicht im Telefonbuch. Wie kommen Sie an solche Persönlichkeiten heran?

Eini­ge Gäs­te kom­men aus mei­nem per­sön­li­chen Umfeld, zu ande­ren habe ich Kon­takt auf­ge­baut. Das Schöns­te ist, dass mir mei­ne Gäs­te ver­trau­en. Ich wur­de auch schon von einem Gast an einen ande­ren emp­foh­len. Sicher hilft mir zudem mei­ne lang­jäh­ri­ge Erfah­rung bei TV-Talkshows.

Die wenigsten können von Podcasts leben. Gibt es Unterstützer oder machen Sie noch etwas nebenher?

Noch habe ich kein Team, alles pas­siert in mei­ner Frei­zeit, von der Idee über die Recher­che bis zur Pro­duk­ti­on des Pod­casts. Gera­de ler­ne ich noch die Post­pro­duc­tion, da hilft mir bis­her mein Mann. Ich hät­te sehr gern Part­ner oder Spon­so­ren, die mei­ne Arbeit und mein Archi­vie­ren von ost­deut­schen Bio­gra­fien unter­stüt­zen. Also, wenn sich jemand ange­spro­chen fühlt, gern melden.

Born in the GDR: Wo sind Sie geboren und wie war Ihr Weg ins Heute?

Leip­zig ist mei­ne Geburts­stadt. Dort habe ich mei­ne Kind­heit und Schul­zeit ver­bracht und mei­ne Aus­bil­dun­gen absol­viert. Mit­te der 1990er-Jah­re habe ich dann hin­ter­fragt, was ich wirk­lich machen möch­te. Es soll­te eigent­lich was mit Musik sein. Bei einer Plat­ten­fir­ma zu arbei­ten war ein Traum. Über ver­schie­de­ne Prak­ti­ka bin ich dann zum Fern­se­hen gekom­men und habe redak­tio­nell gear­bei­tet, viel für Talk­shows, aber auch für Maga­zi­ne. Mit Men­schen über ihre Lebens­ab­schnit­te zu spre­chen war schon immer mein Ding. Es hat mich nach Köln, Ham­burg, zurück nach Leip­zig und nach Ber­lin geführt, zuletzt, um als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­exper­tin in der Poli­tik zu arbei­ten. Ich den­ke, es gibt sehr vie­le ost­deut­sche Lebens­läu­fe wie mei­nen, die nicht strin­gent sind. Es ist eine gro­ße Stär­ke, sich immer wie­der in neue Berei­che ein­ar­bei­ten zu kön­nen und sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Das soll­te viel mehr aner­kannt wer­den. Da liegt sehr viel Potenzial.

Und der Klassiker: Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

Zu Hau­se, am Fern­se­her, aber: Einen Tag nach dem Mau­er­fall spiel­te die DDR-Top-Band „Pan­kow“ in Hal­le an der Saa­le. Wäh­rend alle nach Ber­lin oder in den Wes­ten gefah­ren sind, war für mich klar, dass das Kon­zert wich­ti­ger ist. Ich war gro­ßer Fan und mit der Band befreun­det. Spon­tan bin ich dann mit ihnen mit­ge­fah­ren und lan­de­te unver­hofft am sel­ben Abend noch in West­ber­lin. Das war per­fekt und ist eine herr­li­che Erinnerung.

Ostscham, Ostalgie, Oststolz, ... – wo verorten Sie Ihren Standpunkt?

Die­se Begrif­fe sagen mir nicht viel. Mir geht es dar­um, dass die Ost­deut­schen ihre Geschich­te selbst erzäh­len – so, wie sie war und ist. Ihre Geschich­ten sol­len gese­hen wer­den, ohne Deu­tung von außen, ohne Zuschrei­bun­gen, die viel­leicht nicht stim­men. Das müs­sen wir selbst machen, das macht kei­ner für uns. Wir brau­chen ein Selbst­be­wusst­sein, das dar­aus resul­tiert, dass wir durch die Erfah­rung der gesell­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­on eine Stär­ke und eine Resi­li­enz ent­wi­ckelt haben. Davon kann unse­re Gesell­schaft profitieren.

„Einheit gut, alles gut.“, „Ostwärts“, ... – mittlerweile gibt es einige Ost-Podcasts. Es erscheinen auch viele Bücher zur Thematik. Wie beobachten Sie das wachsende Interesse am Thema Ostdeutschland?

Ich fin­de es toll, dass sich vie­le dem The­ma wid­men. Schön wäre es, wenn sich nicht nur Men­schen aus dem Osten dafür inter­es­sie­ren wür­den. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Nach­rich­ten aus Baden-Würt­tem­berg oder Düs­sel­dorf bekom­me. Sogar in den USA wird mein Pod­cast gehört, ein Leh­rer nutzt ihn für sei­nen Geschichts­un­ter­richt. Wie groß­ar­tig ist das?!

Wie blicken Sie auf das „Ostwahljahr“ 2026?

Es wird sicher­lich ein span­nen­des Wahl­jahr und ja, mit dem Ergeb­nis muss dann umge­gan­gen werden.

Wie geht’s weiter mit „Born in the GDR“?

Mein ers­ter Video­pod­cast steht in den Start­lö­chern. Dabei hat mir ein Freund mit sei­nem pro­fes­sio­nel­len Stu­dio und Team gehol­fen. Um das dau­er­haft zu eta­blie­ren, wäre ein Part­ner toll, der mich unter­stützt, gemein­sam auf die­sem nächs­ten Level wei­ter­zu­ma­chen. Denn „Born in the GDR“ macht den Höre­rin­nen und Hörern genau­so viel Spaß wie mir. Und er ist sinnvoll.

Vielen Dank.

Die Fra­gen stell­te Robert Nehring.

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