Bodo Ramelow, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und ehemaliger Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, Die Linke, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Bodo Ramelow, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, ehemaliger Ministerpräsident des Freistaates Thüringen (2014–2024), Die Linke. Abbildung: Inga Haar/Deutscher Bundestag
Am 28. Februar 1990 kam ich zum ersten Diensttermin nach Erfurt zu einer Belegschaftsversammlung im Centrum Warenhaus. Es begann für mich eine Reise aus dem Westen in den Osten. Thüringen als Bundesland gab es noch gar nicht und die Centrum Warenhäuser gibt es längst nicht mehr.
Als ich ins heutige Thüringen kam, wusste ich nicht, dass ich hier meine politische und persönliche Heimat finden würde. Ich war ein Gewerkschafter, ein Westdeutscher, der in den Brüchen der Zeit an der Seite der Beschäftigten nach Lösungen und Perspektiven gesucht hat, nicht, um „blühende Landschaften“ zu versprechen, sondern um mitzuhelfen, dass die Menschen im Osten selbst entscheiden können, wie sie ihre neue Realität gestalten.
Thüringen hat mich mit offenen Armen empfangen. Schnell merkte ich: Hier, zwischen Eichsfeld und Altenburger Land, herrschte eine Mischung aus Aufbruchsstimmung und tiefem Misstrauen. Viele fühlten sich überrumpelt – die eigene Lebensleistung war infrage gestellt, der Staat, in dem sie geboren waren, war verschwunden, und nun bestimmten andere die Regeln. Ich wusste: Ich muss zuhören, verstehen, gemeinsam neue Wege finden.
Ostdeutschland braucht keine Bevormundung – es braucht Anerkennung Vertrauen, echte Partnerschaft. [...] Ostdeutschland ist kein Opfer – es ist ein Zukunftslabor.”
Die Wendezeit – Aufbruch mit Brüchen
Die Wendezeit war für viele Menschen in Ostdeutschland ein tiefer Einschnitt. Sie war nicht nur politisch, sondern auch emotional ein Bruch. Von heute auf morgen verschwanden Betriebe, Berufe, Lebenspläne. Die Treuhand überzog die neuen Bundesländer mit einem radikalen Umbau, der oft an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiging. Es ging nicht um Teilhabe, sondern um Abwicklung.
Ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit Arbeiterinnen und Arbeitern, die mir ihre Geschichten erzählten: von Ungleichbehandlung, von Arroganz, von Entwurzelung. In diesen Jahren wurde das Fundament gelegt für ein dauerhaftes Gefühl des „Zurückgesetzt- Seins“, das bis heute anhält. Es war der Moment, in dem mir klar wurde: Ostdeutschland braucht keine Bevormundung – es braucht Anerkennung, Vertrauen, echte Partnerschaft.
Wenn ich einen Ort benennen müsste, der für mich die tiefste Wunde dieser Zeit symbolisiert, dann ist es Bischofferode. Der Kalistreik dort 1993 war ein Aufschrei. Hunderte Bergleute kämpften nicht nur um ihre Arbeitsplätze, sondern um ihre Würde. Wochenlang streikten sie, hungerten, harrten aus – und doch siegten am Ende wirtschaftliche Interessen und politische Kälte.
Ich war oft in Bischofferode. Die Gespräche mit den Bergleuten haben mich geprägt. Ihre Entschlossenheit, ihre Solidarität, aber auch ihre Enttäuschung gegenüber der Politik – das alles hat sich mir eingebrannt. Für mich ist Bischofferode Mahnung und Auftrag zugleich: Wenn wir von Transformation reden, dürfen wir die Menschen nicht vergessen. Wir dürfen ihre Lebenswirklichkeit nicht zu Zahlenkolonnen degradieren.

Von 2014 bis 2024 war Bodo Ramelow Ministerpräsident von Thüringen. Abbildung: Janine Schmitz/photothek
Zuhören, Einmischen, Handeln
Als ich 1999 in den Thüringer Landtag einzog, wusste ich, dass ich keine Karriere anstrebte, sondern eine Aufgabe übernahm. Ich wollte der Stimme des Ostens Gehör verschaffen – nicht, indem ich alte Gegensätze vertiefe, sondern indem ich Brücken baue. Politik heißt für mich, konkret zu werden: Schulen sanieren, Busverbindungen erhalten, Pflege stärken.
2014 wurde ich Ministerpräsident. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik führte ein Politiker der Linken ein Bundesland. Das war für viele ein Schock, für andere ein Hoffnungsschimmer. Ich wusste: Ich muss ein Landesvater für alle sein, nicht nur für meine Wählerinnen und Wähler. Thüringen ist vielfältig – und das ist seine Stärke.

25. März 2025: Bodo Ramelow nimmt die Wahl zum Vizepräsidenten des 21. Deutschen Bundestages an. Abbildung: Tobias Koch/Deutscher Bundestag
Mehr als ein Herkunftsort
35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Ostdeutschland noch immer nicht gleichwertig. Die Löhne sind niedriger, die Vermögen kleiner, die Repräsentation in Führungspositionen unzureichend. Doch Ostdeutschland ist mehr als eine Problemregion. Es ist ein Ort voller Talente, voller Ideen, voller Menschen, die gelernt haben, sich durchzubeißen. Was mir Hoffnung macht, sind junge Menschen, die hierbleiben oder zurückkehren, um zu gestalten. Es gibt Gründerinnen, die neue Wege gehen, engagierte Bürgermeisterinnen, die sich dem demografischen Wandel entgegenstemmen, und Bürgerinitiativen, die für ihre Dörfer kämpfen. Ostdeutschland ist kein Opfer – es ist ein Zukunftslabor.
Wenn ich auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicke, dann sehe ich, wie wichtig es ist, Geschichte nicht nur zu erinnern, sondern auch aus ihr zu lernen. Die Wendezeit zeigt uns: Transformation braucht Zeit, Teilhabe und Transparenz. Sie darf nicht über die Köpfe hinweg geschehen. Sie braucht aber auch in der Gegenwart eine Form der kulturellen Sichtbarkeit, die die Erfahrungen vieler Menschen repräsentieren und materialisieren hilft. Das Deutsche Nationaltheater (DNT) in Weimar beispielsweise hat mit seinen Theaterstücken „Wir sind das Volk“ und „Treuhandkriegspanorama“ eine eigene kulturelle Form gefunden, um diesem Wunsch der Menschen nach Sichtbarkeit ihrer Erfahrungshorizonte Rechnung zu tragen. Auch die sogenannten Erzählsalons von Katrin Rohnstock gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung haben Plattformen geschaffen, auf denen individuelle Erlebnisse aus der Zeit des Umbruchs 1989/1990 der Nachwelt überliefert werden können.
Eine der größten Herausforderungen bleibt, das Vertrauen in Demokratie und Institutionen zu stärken. Viele Menschen fühlen sich bis heute nicht repräsentiert. Sie erleben, dass ihre Sorgen kleingeredet werden. Das öffnet Tür und Tor für Populismus und Radikalisierung. Dem müssen wir entschlossen entgegentreten – durch Dialog, durch Ernsthaftigkeit, durch konsequentes Handeln.

11. Februar 2022: Bundestagspräsidentin Bärbel Bas empfängt Bodo Ramelow, damals auch Präsident des Bundesrates. Abbildung: Janine Schmitz/photothek
Ein anderer Osten ist möglich
Was braucht Ostdeutschland in den kommenden Jahren? Zuerst: Respekt. Es muss Schluss sein mit dem Blick von oben herab. Die Erfahrung, die in den ostdeutschen Biografien liegt, ist eine Ressource. Der Osten hat gelernt, mit Brüchen zu leben, mit Wandel umzugehen – das kann ein Vorteil sein in einer Welt, die sich immer schneller verändert.
Zweitens: Beteiligung. Die Menschen wollen mitreden. Sie wollen nicht nur als Betroffene gesehen werden, sondern als Gestalter. Bürgerbeteiligung darf kein Feigenblatt sein, sondern muss echte Mitsprache ermöglichen – in der Regionalentwicklung, beim Klimaschutz, in der Bildungsplanung.
Und drittens: Investitionen. Wir brauchen eine kluge Strukturpolitik, die gezielt in Regionen investiert, die bisher abgehängt wurden. Es geht nicht ums Gießkannenprinzip, sondern um gezielte Förderung von Infrastruktur, Digitalisierung, Bildung und Kultur.
Ich bin in Thüringen angekommen – als Mensch, als Politiker, als Mitbürger. Dieses Land hat mir viel gegeben. Ich habe versucht, etwas zurückzugeben. Unsere Herausforderungen sind groß: Der demografische Wandel, der Strukturwandel, die politische Polarisierung. Aber ich bin überzeugt: Wenn wir zusammenhalten, wenn wir zuhören, wenn wir uns gegenseitig ernst nehmen, dann hat Thüringen – und der ganze Osten – eine gute Zukunft.
Ich werde auch weiterhin meine Stimme erheben – nicht als moralische Instanz, sondern als jemand, der weiß, wie viel Kraft in diesem Land steckt. Thüringen ist mein Zuhause. Und ich glaube an seine Zukunft.

14. Juni 2017: Filmpremiere des Kinderfilms des Deutschen Bundestages „Applaus für Felix“. Abbildung: Sylvia Bohn
Bodo Ramelow
GEBOREN: 1956/Osterholz-Scharmbeck (Niedersachsen)
WOHNORT (aktuell): Erfurt und Saalburg-Ebersdorf
MEIN THEATERTIPP: „Treuhandkriegspanorama“, 2022
MEIN FILMTIPP: „Barbara“, 2012
MEIN URLAUBSTIPP: Thüringen, besonders die Bleilochtalsperre
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




BUCHTIPP:
























