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Chemie verbindet: Warum eine starke Industrie für die Zukunft Ostdeutschlands entscheidend ist

Die Che­mie ist für die ost­deut­sche Wirt­schaft tra­di­tio­nell von wesent­li­cher Bedeu­tung. Die Haupt­ge­schäfts­füh­re­rin der Nord­ost­che­mie-Ver­bän­de Nora Schmidt-Kes­se­ler beschreibt in ihrem Gast­bei­trag die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen der Bran­che und wirft einen Blick in die Zukunft.

Nora Schmidt-Kesseler ist seit 2017 Hauptgeschäftsführerin der Nordostchemie-Verbände und führt in Personalunion den Verband der chemischen Industrie Nordost und den Arbeitgeberverband Nordostchemie. Sie vertritt die Interessen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Ostdeutschland. Abbildung: Anette Koroll

Nora Schmidt-Kes­se­ler ist seit 2017 Haupt­ge­schäfts­füh­re­rin der Nord­ost­che­mie-Ver­bän­de. Sie führt den Ver­band der che­mi­schen Indus­trie Nord­ost und den Arbeit­ge­ber­ver­band Nord­ost­che­mie in Per­so­nal­uni­on. Abbil­dung: Anet­te Koroll

Wenn ich durch Ost­deutsch­land fah­re und mit Unter­neh­men, Beschäf­tig­ten und Aus­zu­bil­den­den spre­che, wird eines immer wie­der deut­lich: Che­mie ist hier nicht ein­fach eine Bran­che. Sie ist Teil der Regio­nen – ihrer Geschich­te, ihrer Arbeits­plät­ze und ihrer Zukunft.

Wer über die wirt­schaft­li­che Zukunft Ost­deutsch­lands spricht, kommt an unse­rer Bran­che des­halb nicht vor­bei. Rund 63.000 Men­schen arbei­ten in den Unter­neh­men. Hin­zu kom­men wei­te­re Arbeits­plät­ze bei Zulie­fe­rern, in der Logis­tik, im Hand­werk und bei Dienst­leis­tun­gen. Was hin­ter den Werks­to­ren pas­siert, wirkt weit dar­über hin­aus – auf Fami­li­en, auf Kom­mu­nen und auf gan­ze Regionen.

In weni­gen Wochen ste­hen in Ost­deutsch­land drei wich­ti­ge Wah­len an: in Sach­sen-Anhalt, Ber­lin und Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Sie fal­len in eine Zeit, in der die Indus­trie erheb­lich unter wirt­schaft­li­chem Druck steht. Für uns als Nord­ost­che­mie-Ver­bän­de ist das der Anlass, mit unse­rer Kam­pa­gne „Che­mie ver­bin­det. Heu­te Arbeit. Mor­gen Zukunft.“ sicht­bar zu machen, was indus­tri­el­le Stär­ke für die Men­schen und die Regio­nen bedeutet.

Der Druck auf Industriestandorte wächst

„Die Hüt­te brennt“ – die­ser Satz beschreibt die Situa­ti­on inzwi­schen lei­der sehr tref­fend. Die che­misch-phar­ma­zeu­ti­sche Indus­trie befin­det sich im drit­ten Jahr in einer schwe­ren wirt­schaft­li­chen Kri­se. Hohe Ener­gie- und Pro­duk­ti­ons­kos­ten, schwa­che Nach­fra­ge, zuneh­men­der inter­na­tio­na­ler Wett­be­werb und lang­wie­ri­ge Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren belas­ten die Unternehmen.

Vie­le Unter­neh­men haben über Jah­re ver­sucht, Beschäf­ti­gung und Aus­bil­dung trotz die­ser schwie­ri­gen Rah­men­be­din­gun­gen sta­bil zu hal­ten. Inzwi­schen ver­schärft sich die Ent­wick­lung: Stand­or­te wer­den geschlos­sen oder Pro­duk­ti­ons­an­la­gen zurückgebaut.

Auch die Inves­ti­ti­ons­be­reit­schaft lei­det. Eine aktu­el­le Umfra­ge des VCI Nord­ost unter ost­deut­schen Che­mie- und Phar­ma­un­ter­neh­men zeigt: Jedes zwei­te befrag­te Unter­neh­men will sei­ne Inves­ti­tio­nen in Deutsch­land in den Jah­ren 2026 und 2027 redu­zie­ren. Mehr als jedes drit­te Unter­neh­men denkt dar­über nach, Inves­ti­tio­nen teil­wei­se oder voll­stän­dig ins Aus­land zu ver­la­gern. Nur rund zehn Pro­zent pla­nen höhe­re Investitionen.

Unse­re Unter­neh­men wol­len inves­tie­ren. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist jedoch zuneh­mend: Wo wer­den sie inves­tie­ren? Im inter­na­tio­na­len Wett­be­werb ver­glei­chen Unter­neh­men Ener­gie- und Pro­duk­ti­ons­kos­ten eben­so wie Pla­nungs- und Geneh­mi­gungs­zei­ten und die Ver­läss­lich­keit poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen. Eine Inves­ti­ti­on, die heu­te nicht in Ost­deutsch­land statt­fin­det, fehlt mor­gen bei Wert­schöp­fung, Beschäf­ti­gung und Innovation.

Weniger Ausbildungsplätze sind ein Warnsignal

Auch bei der Aus­bil­dung wer­den die Fol­gen der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung sicht­bar. Die Zahl der neu­en Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­se in der ost­deut­schen Che­mie­in­dus­trie ist zuletzt deut­lich zurück­ge­gan­gen. Das ist kein Zei­chen nach­las­sen­den Enga­ge­ments. Wenn aller­dings Anla­gen zurück­ge­baut oder Stand­or­te geschlos­sen wer­den, hat das Fol­gen für Aus­bil­dungs­plät­ze – und damit für die Fach­kräf­te­ba­sis der kom­men­den Jah­re. Wer heu­te indus­tri­el­le Per­spek­ti­ven ver­liert, ris­kiert, dass jun­ge Men­schen ihre Zukunft anders­wo suchen. Das kön­nen wir uns in Ost­deutsch­land nicht leisten.

Che­mie und Phar­ma sind sys­tem­re­le­vant. Ihre Pro­duk­te und Vor­pro­duk­te wer­den in zahl­rei­chen Berei­chen des täg­li­chen Lebens und in indus­tri­el­len Wert­schöp­fungs­ket­ten gebraucht – sei es, für Arz­nei­mit­tel, Halb­lei­ter, Bat­te­rien, erneu­er­ba­re Ener­gien, Bau, Land­wirt­schaft oder Mobi­li­tät. Gera­de die ver­gan­ge­nen Jah­re haben gezeigt, wie schnell Lie­fer­ket­ten unter Druck gera­ten kön­nen. Eine star­ke hei­mi­sche Pro­duk­ti­on ist des­halb eine Fra­ge von Ver­sor­gungs­si­cher­heit und indus­tri­el­ler Resi­li­enz. Wer­den wich­ti­ge Grund­stof­fe und Pro­duk­te nicht mehr in Deutsch­land her­ge­stellt, wächst die Abhän­gig­keit von ande­ren Län­dern und Märkten.

Ost­deutsch­land ver­fügt über eine indus­tri­el­le Basis, die sich nicht belie­big erset­zen lässt: tra­di­ti­ons­rei­che und zugleich moder­ne Stand­or­te, leis­tungs­fä­hi­ge Che­mie­parks und Ver­bund­struk­tu­ren, qua­li­fi­zier­te Beschäf­tig­te und Unter­neh­men, die mit ihren Regio­nen eng ver­bun­den sind.

Chemie verbindet – ganz konkret

Mit unse­rer Kam­pa­gne „Che­mie ver­bin­det“ wol­len wir die­se Ver­bin­dung sicht­bar machen. Wir wol­len zei­gen, was hin­ter den Werks­to­ren steckt: Men­schen, Fami­li­en, Aus­bil­dung, Inno­va­ti­on und Wert­schöp­fung. Wir wol­len dar­an erin­nern, dass indus­tri­el­le Arbeits­plät­ze das Ergeb­nis von Inves­ti­tio­nen, unter­neh­me­ri­schem Mut, qua­li­fi­zier­ten Beschäf­tig­ten sowie poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen sind, die Inves­ti­tio­nen hier­zu­lan­de ermög­li­chen. Unse­re Unter­neh­men kön­nen die Kam­pa­gne an ihren Stand­or­ten und über ihre eige­nen Kanä­le aufgreifen.

Ich bin über­zeugt: Ost­deutsch­land hat alle Vor­aus­set­zun­gen, auch künf­tig ein star­ker Indus­trie­stand­ort zu sein. Wir soll­ten die­se Stär­ke nicht klein­re­den – wir soll­ten sie sichern und wei­ter­ent­wi­ckeln. Über die Zukunft unse­rer Indus­trie zu spre­chen, heißt auch, über Arbeits­plät­ze, Wert­schöp­fung und wirt­schaft­li­che Per­spek­ti­ven in Ost­deutsch­land zu spre­chen. Des­halb ist Che­mie für mich mehr als eine Bran­che. Che­mie ver­bin­det Men­schen, Unter­neh­men und Regio­nen. Sie ver­bin­det Ver­gan­gen­heit und Zukunft.

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