@mrjackson

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard 2

Banner Leaderboard AmbulanzMobile

Buchvorstellung: „Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand“

Bei­na­he über Nacht setz­te mit der Wen­de die Demon­ta­ge der ost­deut­schen Lite­ra­tur ein. Mil­lio­nen Bücher ver­schwan­den und wur­den ver­nich­tet. Cars­ten Gan­sel ist die­sem Vor­gang auf den Grund gegan­gen. Er zeigt Bei­spie­le und Hintergründe.

BUCHTIPP:

Das Buchcover von Carsten Gansel: Ausradiert

Cars­ten Gan­sel: „Aus­ra­diert? Wie die Lite­ra­tur der DDR ver­schwand“, Reclam Ver­lag, Dit­zin­gen 2026, 383 Sei­ten, 28 € (Hard­co­ver mit Bildern).

Die Idee für das Buch ent­stand aus Tagun­gen und Dis­kus­sio­nen, die Gan­sel in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten seit der Wen­de besuch­te. Den ent­schei­den­den Anstoß erhielt er vom Lite­ra­tur­agen­ten Tho­mas Schmoll, der ihn auf das Ver­schwin­den der DDR-Lite­ra­tur auf­merk­sam machte.

Gan­sel beschreibt in sei­nem Buch, wie ost­deut­sche Lite­ra­tur ver­schwand und wel­che per­sön­li­chen Schick­sa­le damit ver­bun­den waren. Er erzählt unter ande­rem vom Illus­tra­tor und Kari­ka­tu­ris­ten Tho­mas Schleu­sing, der in der DDR zu den gefrag­tes­ten Buch­il­lus­tra­to­ren gehör­te. Nach dem Ver­schwin­den der Ost-Ver­la­ge soll­te er sich bei West-Ver­la­gen bewer­ben, erhielt jedoch immer wie­der Absa­gen. Mit die­ser Situa­ti­on kam er nicht zurecht und nahm sich 1993 das Leben. Ähn­lich erging es dem Lyri­ker Man­fred Streu­bel, dem Autor des „Lieds der jun­gen Natur­for­scher“. Nach 1990 woll­te kein Ver­lag mehr sei­ne Gedich­te dru­cken, er leb­te von Sozi­al­hil­fe und beging 1992 Suizid.

Dar­über hin­aus schil­dert Gan­sel, wie DDR-Lite­ra­tur ent­sorgt wur­de. Der west­deut­sche Pfar­rer Mar­tin Wes­kott wur­de durch einen Arti­kel der Süd­deut­schen Zei­tung dar­auf auf­merk­sam, dass ton­nen­wei­se Bücher aus DDR-Ver­la­gen in still­ge­leg­te Tage­baue gekippt wur­den. In Thü­rin­gen fand er Wer­ke von DDR-Autoren neben Büchern von Fjo­dor Dos­to­jew­ski, Jaros­lav Sei­fert und Hein­rich Mann auf Müll­hal­den und begann, Lite­ra­tur vor der Ver­nich­tung zu retten.

Auch die Schlie­ßung von Dorf­bi­blio­the­ken trug zur Ver­nich­tung ost­deut­scher Lite­ra­tur bei. Gan­sel berich­tet von einer Dorf­bi­blio­thek in Dieck­hof bei Güs­trow, die Anfang der 1990er-Jah­re geschlos­sen wur­de. Dort fand er zahl­rei­che DDR-Titel, die vor dem Mau­er­fall schon jeweils kurz nach Erschei­nen ver­grif­fen waren, dar­un­ter Chris­toph Heins „Der frem­de Freund“. Gleich­zei­tig mach­ten Volks­buch­hand­lun­gen Platz für west­deut­sche Best­sel­ler und schick­ten DDR-Lite­ra­tur an die Ver­la­ge zurück. Dies führ­te zum Kol­laps des Leip­zi­ger Kom­mis­si­ons- und Groß­buch­han­dels und zur mas­sen­haf­ten Ent­sor­gung von Büchern. Hin­zu kam die Rol­le der Treu­hand: Rund 95 Pro­zent der DDR-Ver­la­ge gin­gen an west­deut­sche Unter­neh­men. Der frü­he­re Auf­bau-Ver­lag-Mana­ger René Strien erklär­te, die finanz­schwa­chen Ost-Ver­la­ge hät­ten juris­tisch kei­ne Chan­ce gegen west­deut­sche Kon­kur­ren­ten gehabt. Laut dem Ver­lags­his­to­ri­ker Chris­toph Links blie­ben von einst 78 DDR-Ver­la­gen nur noch acht übrig.

Gan­sel wid­met sich auch den Hin­ter­grün­den und den Kon­flik­ten zwi­schen Ost und West, die zur Demon­ta­ge der DDR-Lite­ra­tur führ­ten. Dabei geht er auf Johan­nes R. Becher ein, den ers­ten Prä­si­den­ten des Kul­tur­bun­des, DDR-Kul­tur­mi­nis­ter und Autor des Tex­tes zur DDR-Natio­nal­hym­ne. Anlass ist ein Bericht aus der „Mär­ki­schen All­ge­mei­nen“ von März 2025, wonach Bechers Name von einem Kul­tur­zen­trum in Rathe­now ent­fernt wer­den soll­te. Gan­sel sieht dar­in den Ver­such, einen Dich­ter aus ideo­lo­gi­schen Grün­den aus dem kul­tu­rel­len Gedächt­nis zu ver­drän­gen. Obwohl er Bechers Rol­le in der DDR kri­tisch bewer­tet, lehnt er es ab, des­sen Werk aus­schließ­lich auf die SED-Ideo­lo­gie zu reduzieren.

Zur Ver­deut­li­chung der Hin­ter­grün­de befasst sich Gan­sel mit den unter­schied­li­chen Lite­ra­tur­ge­schich­ten bei­der deut­scher Staa­ten. Er zeigt etwa, dass Exil­li­te­ra­tur in der DDR kul­tur­po­li­tisch geför­dert wur­de, wäh­rend sie in der BRD lan­ge wenig Beach­tung fand. Zudem beschreibt er die unter­schied­li­chen Erin­ne­rungs­kul­tu­ren und zen­tra­le Ein­schnit­te der DDR-Lite­ra­tur­ge­schich­te. Gan­sel the­ma­ti­siert den Volks­auf­stand von 1953, den Mau­er­bau 1961, das 11. Ple­num der SED 1965 sowie Wolf Bier­manns Köl­ner Kon­zert 1976, des­sen Fol­gen der Autor als Beginn des Endes der DDR bezeich­net. Außer­dem beschreibt er die ver­schie­de­nen Ent­wick­lungs­pha­sen der DDR-Lite­ra­tur und Kon­flik­te wie das Ver­bot des „Rummelplatz“-Manuskripts von Wer­ner Bräunig.

Gan­sel geht auch auf die west­deut­sche Sicht auf die DDR-Lite­ra­tur ein. Er beschreibt, wie Kli­schees und Vor­ur­tei­le ent­stan­den und wie sich der Lite­ra­tur­streit von 1990 ent­wi­ckel­te, der durch Ulrich Grei­ners Rezen­si­on von Chris­ta Wolfs „Was bleibt“ aus­ge­löst wur­de. Anhand eines Bei­spiels der Autorin Teré­zia Mora ver­deut­licht Gan­sel zudem die unter­schied­li­chen Erfah­run­gen von Ost- und West­deut­schen mit prä­gen­den poli­ti­schen Ereig­nis­sen, etwa dem Mau­er­fall. In einem Gespräch mit einem West-Autor hat­te Mora den Mau­er­fall als bio­gra­phisch his­to­ri­sche Zäsur bezeich­net, wäh­rend ihr Gegen­über kei­ne ver­gleich­ba­re Erfah­rung mach­te und wenig Ver­ständ­nis zeigte.

Cars­ten Gan­sel ver­deut­licht in sei­nem Buch ein­drucks­voll, war­um der Osten den Wes­ten bis in die Gegen­wart oft als domi­nant und über­grif­fig wahr­nimmt. Gleich­zei­tig erklärt er die unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen bei­der Lite­ra­tur­sze­nen, ohne die DDR-Lite­ra­tur­ge­schich­te unkri­tisch dar­zu­stel­len. Sein Buch wirbt für eine neue Betrach­tung der DDR-Lite­ra­tur und ihre Rehabilitierung.

Banner Footer 1

Test Half Banner

Banner Footer 2

Test Half Banner

Banner Footer 3

Test Half Banner