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Königs Wuster… wo? Brandenburg als Standortvorteil

Ost­deutsch­land wird als Grün­dungs­stand­ort oft unter­schätzt. Dabei bie­ten vie­le Regio­nen gute Bedin­gun­gen für inno­va­ti­ve Fir­men. War­um Bran­den­burg für sein Unter­neh­men zum Stand­ort­vor­teil wur­de, erläu­tert Fla­vio Hol­stein, Grün­der und CEO des Sport­ge­rä­te­her­stel­lers Augletics.

Für Flavio Holstein, CEO und Gründer von Augletics, passt die Wahrnehmung von Ostdeutschland als strukturschwache Region schon lange nicht mehr zur Realität. Abbildung: Augletics

Für Fla­vio Hol­stein, CEO und Grün­der von Augle­tics, passt die Wahr­neh­mung von Ost­deutsch­land als struk­tur­schwa­che Regi­on schon lan­ge nicht mehr zur Rea­li­tät. Abbil­dung: Augletics

„Königs Wus­ter… was?“ Das höre ich erstaun­lich oft. Wenn ich erzäh­le, dass wir unser Unter­neh­men in Königs Wus­ter­hau­sen auf­ge­baut haben, müs­sen vie­le erst ein­mal nach­fra­gen, wo das über­haupt liegt. Kurz dar­auf folgt fast immer die Fra­ge: „War­um denn dort?“

Die ehr­li­che Ant­wort lau­tet: Am Anfang gab es gar kei­nen gro­ßen Plan. Mein Mit­grün­der Ste­fan Kötitz hat­te dort bereits sei­ne Maschi­nen­bau­fir­ma Lina­tec. Wir haben uns eine klei­ne Flä­che in sei­ner Pro­duk­ti­ons­hal­le geteilt und ein­fach ange­fan­gen. Aus die­ser klei­nen Ecke ist inzwi­schen eine eige­ne Hal­le gewor­den und bald kommt eine wei­te­re dazu. Je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to kla­rer wird mir aber: Es war viel­leicht kein Plan, trotz­dem war es genau die rich­ti­ge Ent­schei­dung. Und ich wür­de sie heu­te wie­der so treffen.

Flavio Holstein (links) und Stefan Kötitz (rechts) in der Produktionshalle von Augletics. Die beiden Unternehmensgründer haben sich beim Rudersport kennengelernt. Abbildung: Augletics

Fla­vio Hol­stein (links) und Ste­fan Kötitz (rechts) in der Pro­duk­ti­ons­hal­le von Augle­tics. Die bei­den Unter­neh­mens­grün­der haben sich beim Ruder­sport ken­nen­ge­lernt. Abbil­dung: Augletics

Ich kom­me aus dem Leis­tungs­sport. Jah­re­lang war Rudern mein Leben, zwei­mal bin ich deut­scher Vize­meis­ter gewor­den. Irgend­wann wur­de mir klar, dass der Weg an die Welt­spit­ze zwar mög­lich, aber kei­ne beruf­li­che Per­spek­ti­ve für mich ist. Also habe ich an der TU Ber­lin Infor­ma­tik und Elek­tro­tech­nik stu­diert und ange­fan­gen, das zu ent­wi­ckeln, was mir als Sport­ler immer gefehlt hat­te: ein Ruder­ge­rät, das sich wirk­lich wie Rudern anfühlt. Ste­fan, den ich aus dem Ruder­sport kann­te, stieg zunächst als Busi­ness Angel ein und wur­de spä­ter Mit­grün­der. Vier Jah­re haben wir ent­wi­ckelt, bevor wir das ers­te Gerät ver­kauft haben. Nicht, weil wir kein Kapi­tal gefun­den hät­ten, son­dern weil wir erst ver­kau­fen woll­ten, wenn das Pro­dukt unse­ren Ansprü­chen wirk­lich genügte.

Die­ser Ansatz ist ver­mut­lich kein typi­sches Start-up-Den­ken. Ber­lin zieht Grün­der mit dem Ver­spre­chen von Netz­wer­ken, Inves­to­ren und schnel­lem Wachs­tum an. Ich ver­ste­he die­sen Reiz. Aber manch­mal habe ich den Ein­druck, dass dadurch zu früh zu viel ver­spro­chen wird und zu wenig Zeit bleibt, ein wirk­lich gutes Pro­dukt zu ent­wi­ckeln. Wir haben den umge­kehr­ten Weg gewählt: erst ent­wi­ckeln, dann ver­kau­fen. Erst pro­fi­ta­bel wer­den, dann wach­sen. Seit zwei Jah­ren wächst Augle­tics orga­nisch um rund 30 Pro­zent pro Jahr, ohne Risi­ko­ka­pi­tal und ohne Abomodell.

Brandenburg – alles andere als strukturschwach

Rück­bli­ckend glau­be ich, dass Bran­den­burg dabei kein Zufall war, son­dern ein ech­ter Stand­ort­vor­teil. Vie­le stel­len sich den Osten noch immer als struk­tur­schwa­che Regi­on vor. Die­se Wahr­neh­mung passt aus mei­ner Sicht aber längst nicht mehr zur Rea­li­tät. Wir sit­zen im Land­kreis Dah­me-Spree­wald, einer der dyna­mischs­ten Regio­nen Deutsch­lands, und pro­fi­tie­ren gleich­zei­tig von der unmit­tel­ba­ren Nähe zu Ber­lin. Vie­le unse­rer Mit­ar­bei­ten­den kom­men täg­lich mit der Regio­nal­bahn aus der Haupt­stadt, ande­re woh­nen in Bran­den­burg und müs­sen heu­te nicht mehr nach Ber­lin pen­deln, um einen anspruchs­vol­len Arbeits­platz zu fin­den. Über Auto­bahn und Flug­ha­fen BER sind wir her­vor­ra­gend mit Kun­den, Lie­fe­ran­ten und inter­na­tio­na­len Part­nern ver­bun­den. Gleich­zei­tig bie­tet die Tech­ni­sche Hoch­schu­le Wildau für tech­no­lo­gie­ori­en­tier­te Unter­neh­men ein inno­va­ti­ves Umfeld und gut aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te. Als wir für unse­re Expan­si­on nach Frank­reich und Ita­li­en Mut­ter­sprach­le­rin­nen und Mut­ter­sprach­ler gesucht haben, hat­ten wir über­ra­schend schnell qua­li­fi­zier­te Bewer­bun­gen. Gute Fach­kräf­te gibt es eben nicht nur in den bekann­ten Start-up-Hotspots.

Min­des­tens genau­so wich­tig ist für mich aber die Unter­neh­mens­kul­tur. Wäh­rend sich Unter­neh­men in man­chen Metro­po­len mit immer neu­en Bene­fits über­bie­ten, erle­ben wir häu­fig etwas ande­res. Vie­le Men­schen wün­schen sich vor allem span­nen­de Auf­ga­ben, Ver­läss­lich­keit und einen Arbeit­ge­ber, der sie fair behan­delt. Wer Ver­ant­wor­tung über­trägt, pünkt­lich bezahlt und ehr­lich mit sei­nen Mit­ar­bei­ten­den umgeht, bekommt dafür oft außer­ge­wöhn­lich viel Loya­li­tät und Enga­ge­ment zurück. Das emp­fin­de ich als ech­ten Wettbewerbsvorteil.

Vorteil persönliche Nähe

Auch die Zusam­men­ar­beit mit Poli­tik und Wirt­schafts­för­de­rung fühlt sich oft per­sön­li­cher an. In einer Mil­lio­nen­stadt geht man als jun­ges Unter­neh­men leicht unter. In Bran­den­burg hat man dage­gen häu­fi­ger das Gefühl, dass wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung wirk­lich gewollt ist. Man kennt sich, kommt ins Gespräch und fin­det prag­ma­ti­sche Unter­stüt­zung. Die­se Nähe kann kei­ne För­de­rung erset­zen, sie macht aber häu­fig den ent­schei­den­den Unterschied.

Ich erzäh­le das nicht, weil ich glau­be, dass jeder Grün­der in den Osten zie­hen soll­te. Aber ich hal­te es für einen Denk­feh­ler, ambi­tio­nier­te Unter­neh­mens­grün­dun­gen fast aus­schließ­lich mit weni­gen Metro­po­len zu ver­bin­den. Der Osten bie­tet etwas, das in vie­len Regio­nen Deutsch­lands knapp gewor­den ist: Raum. Raum zum Bau­en, Raum zum Pro­du­zie­ren, Raum zum Wach­sen und Raum für lang­fris­ti­ges Den­ken. Genau die­sen Raum haben wir in Königs Wus­ter­hau­sen gefun­den. Am Anfang war das kein Plan. Heu­te bin ich über­zeugt, dass es genau der rich­ti­ge Ort für uns ist.

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