Der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Pierre Sanoussi-Bliss, Schauspieler. Abbildung: Thilo Pulpanek
Meine Mutter ist eine unglaublich starke Frau, sie war (...) mir die beste Mutter, die man sich vorstellen kann. Soweit man das als Kind überhaupt einschätzen kann, habe ich mich immer als ganz normal empfunden, aber meine Mutter hat, wie ich heute weiß, auch eine Menge von mir ferngehalten. Jedenfalls habe ich sehr schnell und anhaltend eine Art Grundvertrauen in die Menschen meiner Umgebung entwickelt.
Als mein Vater mit seinem Studium in Mittweida 1962 fertig war, ging er nach Berlin zu einem Zusatzstudium. Meine Mutter fragte ihn, ob sie für mich die guineische Staatsbürgerschaft beantragen kann und ob er einverstanden sei. Ja, das sei er, war die Antwort. Sollte ich als Schwarzer hier in der DDR nicht klarkommen, sollten das Misstrauen, sollten die Anfeindungen so groß sein, dass ich es in diesem Land nicht aushalte, sollte ich mit 18 gehen können, wohin ich möchte, so dachte meine Mutter. Der Mann vom Rat des Kreises, mit dem sich meine Mutter dann beriet, war nett und meinte, natürlich könne sie diesen Antrag stellen. Das Problem sei nur, wenn der guineische Staatspräsident eines Tages sagen würde: Alle Guineer müssen ins Heimatland, dann müsste ich dahin, und ein Zurück in die DDR gäbe es nicht. Deswegen stellte meine Mutter den Antrag dann doch nicht. Ich denke allerdings nicht, dass mich die DDR nach meinem 18. Geburtstag 1980 gegen den Willen meiner Mutter und als in der DDR sozialisiertes Wesen ausgeliefert hätte, wenn ein afrikanisches Staatsoberhaupt mal wieder gegen seine Nachbarn mobil macht. Aber sicher war sicher und das Thema war vom Tisch.

Der erste Drehtag im Leben: für „Weihnachtsgeschichten“, DDR 1986. Abbildung: Pierre Sanoussi-Bliss/privat
Dass meine Mutter nicht zusammen mit Sanoussi die DDR verlassen hat, war überhaupt kein Thema. Sie hat gern in der Umgebung mit ihren Freunden und Verwandten in der DDR gelebt und war sich ehrlich gesagt nicht sicher, ob Sanoussi der Mann gewesen wäre, mit dem sie ein Leben in Afrika hätte leben wollen. Man darf nicht vergessen, dass es damals keine Computer mit Wikipedia und Youtube gab, wo man sich einfach so über Land und Leute oder Sitten und Bräuche hätte informieren können. Alles war Hörensagen und 1962 gab es sicher nicht die angenehmsten Gerüchte und Vermutungen, was afrikanisches Leben anging. Das hat sich schließlich bis heute kaum gewandelt, obwohl man sich besser informieren könnte, wenn man das wollte.
Meine erste und einzige bewusste Begegnung mit meinem Vater Amirou Sanoussi fand im Frühjahr 1989 statt. Ich war 28 Jahre alt und schon diplomierter Schauspieler, der vor Kurzem die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ absolviert hatte. Mein Vater war zu der Zeit Botschafter von Guinea in Kanada und machte einen Kurzbesuch in der DDR. Er nahm Kontakt zu meiner Mutter auf, weil er seinen inzwischen erwachsenen Sohn kennenlernen wollte. Zum letzten Mal gesehen hatte er mich, als ich noch ein Kleinkind war und woran ich mich natürlich nicht erinnern konnte.
Da der Botschafter von Guinea in der DDR schon seit Kindertagen sein Freund war, arrangierte dieser unser Treffen im guineischen Botschaftsgebäude in Berlin-Buchholz. Vor dieser merkwürdigen Begegnung hatte ich noch eine anstrengende Theaterprobe im „Jugendtreff“ im Palast der Republik mit meinen Schauspielerkollegen Walter Plathe, Simone Thomalla und Matthias Freihof. Der Abend hieß „Plattenspiele“ und war ein heiter-ironischer Ritt durch die Untiefen ostdeutschen Humors – mit ein paar kuscheligen Seitenhieben auf die sozialistische Realität, um es einigermaßen nett zu umschreiben.

Staatsschauspiel Dresden: „Die Unbeständigkeit des Herzens“, 1994. Abbildung: Pierre Sanoussi-Bliss/privat
Nachmittags fuhr ich also direkt von der Probe nach Buchholz. Ich war erschöpft und etwas nervös. Vor der Botschaft wartete meine Mutter. Wir gingen gemeinsam hinein und wurden sehr freundlich von einer Art Hausdame mit Tine-Wittler-Figur empfangen, die in einen lilafarbenen afrikanischen Fummel gewandet war. Wir setzten uns, mein Vater erschien. Er sprach noch relativ gut Deutsch, jedenfalls besser als ich Russisch, das man mir jahrelang in der Schule erfolglos in den Kopf trichtern wollte, was bis heute ein ungutes Gefühl in mir aufkommen lässt, wenn ich slawische Sprachen höre.
Ein junger Mann betrat den Raum, sicher ein guineischer Student, der in der Botschaft offensichtlich als eine Art „Butler“ arbeitete, und fragte uns, was wir trinken wollen. Fanta? Cola? Whisky? Als Ossi waren das für mich natürlich alles selten zu konsumierende Herrlichkeiten und ich sagte, ich hätte gern ganz viel Coca Cola und einen Whisky. Daraufhin mischte sich sofort mein Vater ein und sagte: „Mein Sohn trinkt keinen Whisky!“
Damit war die Sache eigentlich gelaufen. Ich habe das natürlich als anmaßend empfunden. Wie kam dieser (schwarze) fremde Schnösel dazu, mir sofort nach dem Gutentagwünschen Vorschriften zu machen und seinen inzwischen 27-jährigen Sohn erziehen zu wollen? Und das nach über einem Vierteljahrhundert ohne Kontakt zu mir? Meine Mutter, die mich ziemlich gut kannte, stieß mich mit dem Knie an und in ihrem leicht flehentlichen Blick sah ich, dass ich das bitte einfach schweigend ertragen sollte. Ich akzeptierte.

Als Axel Richter in „Der Alte“, ZDF 2014. Abbildung: Pierre Sanoussi-Bliss/privat
Im vor sich hinplätschernden Gespräch äußerte mein Vater dann sein Unverständnis darüber, dass ich nicht mit meiner Mutter zusammen leben würde. Das wunderte mich wiederum sehr. Gut, er kommt aus einem anderen Kulturkreis, in Afrika leben viele Familien generationsübergreifend zusammen. Aber als jemand, der in der DDR studiert hatte bzw. weltbürgerlich in Kanada als Botschafter tätig war, hätte er eigentlich wissen müssen, dass das bei uns nicht gerade Sitte ist. Außerdem war und ist das Verhältnis zu meiner Mutter gerade deswegen ein gutes, WEIL wir nicht zusammenwohnten. Wir kamen und kommen beide sehr gut allein zurecht.
Es ging dann so problematisch weiter. Im Grunde gerieten wir ständig aneinander, obwohl ich mich schon stark zurückhielt. Auch deswegen, weil mein Knie schon fast blau wurde, da meine Mutter mich unter dem Tisch permanent anrempelte, um mir zu verstehen zu geben, dass ich nicht so aufmüpfig sein und besser die Klappe halten sollte. Die ganze Situation war ihr sichtlich peinlich. Am Ende fuhren wir in die Gastwohnung der Botschaft, in der mein Vater wohnte. Er wollte mir diverse Anzüge von sich schenken, führte mich zu seinem Kleiderschrank und sagte sehr bestimmt: „Such dir was aus!“ Ich antwortete, dass ich das alles nicht brauchte, außerdem sei er ja einen Kopf kleiner als ich und die Sachen würden mir auf keinen Fall passen.
Es war absurd. Er ließ sich nicht abbringen und bestand darauf, dass ich etwas nehme, weil es sehr teure Anzüge seien. Schließlich gab er mir einfach zwei aus dem Schrank. Und auch ein paar Schuhe – kackbraune Slipper mit fürchterlichen goldenen Bommeln – musste ich (...) mitnehmen. Auf meinen Einwand, dass ich viel größere Füße hätte als er und diese Schuhe mir mindestens zwei Nummern zu klein seien, sagte er lediglich: „Die Schuhe haben 700 Dollar gekostet.“ Um diesen ganzen Unsinn zu beenden, nahm ich alles und sagte nichts mehr.

Titelrolle im „Götz von Berlichingen“, Jagsthausen 2020. Abbildung: Pierre Sanoussi-Bliss/privat
Beim Abschied gab er mir auch noch einen Umschlag. Als ich ihn öffnete, fand ich darin 3.000 DDR-Mark. Ich muss sehr enttäuscht geguckt haben, denn natürlich hatte ich eher auf Westgeld spekuliert. Damit hätte ich mir im Intershop eine Jeans und ein paar Platten kaufen können – zu der Zeit hörte ich Kate Bush. Kates Platten und mir wirklich gut passende Hosen gab es nur im Intershop. DDR-eigene Jeanskreationen wie „Wisent“, „Boxer“ oder „Goldfuchs“ kamen mir nicht an die Beine. Ich hatte in einem „Jugendmode“-Geschäft mal einige dieser Ost-Jeans anprobiert und konnte mich nicht entscheiden – zwischen Lachen und Weinen. Dass man in der DDR Westgeld besitzen durfte, wusste mein Vater angeblich nicht. Natürlich freute ich mich am Ende (...) über die 3.000 Ost-Mark, das war schließlich (...) sehr viel Geld, wenn man bedenkt, dass der Durchschnittsverdienst in der DDR 800 Mark im Monat betrug. Außerdem waren 3.000 Ost-Mark knapp 5.400 Feierabendbiere à 0,56 Mark der DDR. Wir hatten es doch eigentlich gar nicht so schlecht.
Tja, so war das mit meinem Vater. (...) Ich denke, er wollte mir, menschlich absolut verständlich, einfach nur zeigen, wozu er es gebracht hat. Wie ein amerikanischer Rapper, der aus der Gosse kommt und nach seinem Durchbruch Videos dreht, in denen er sich mit Diamanten, Ketten und Schmuck behängt, die schönsten Frauen am hauseigenen Pool um ihn herumtanzend, die fettesten Autos vor der Tür cruisend und der damit allen unmissverständlich zeigen will, dass er es geschafft hat. Ich bin meinem Vater nicht böse, aber das alles hatte auf mich wirklich eine abschreckende Wirkung. Wir haben nach diesem Aufeinandertreffen keinen Kontakt mehr gesucht und uns nie wieder gesehen. Ich weiß nicht, wie es ihm geht. Ich weiß nicht, wo er wohnt, nur dass er wieder in Guinea ist. Er müsste jetzt schon Mitte 70 sein. Vielleicht informiert er sich im Internet über mich. Ich google ihn jedenfalls ab und an, allerdings ohne neuen Erkenntnisgewinn. Meine Mutter hat ihm nach einem schlimmen Ebola-Ausbruch in dieser Region geschrieben, an die letzte Adresse, die sie von ihm hatte. Der Brief kam zurück.
Die Anzüge habe ich damals irgendwann in die Altkleidersammlung gegeben, die Schuhe irgendwo auf die Straße gestellt. Ich konnte niemanden in meinem Freundeskreis finden, der diese von meinem Vater gebrauchten, selbst für DDR-Verhältnisse hässlichen Slipper hätte tragen wollen.
Von den 3.000 Mark habe ich mir eine schicke Waschmaschine gekauft. Vorher hatte ich nur eine WM 66. Die Ossis unter Ihnen werden sich mit Schaudern erinnern. Ein fürchterliches Teil, das, wenn es schleuderte, durch die ganze Küche rutschte und einen selbst, versuchend die Bestie zu bändigen, gleich mit. Nun hatte ich eine richtig moderne, wunderbare Waschmaschine. Und ehrlicherweise muss ich gestehen, dass sie rein praktisch gesehen mehr Sinn machte als die neue Scheibe von Kate, auch wenn das jetzt blasphemisch klingt.
So habe ich dann jedes Mal, wenn ich Wäsche gewaschen habe, an meinen Vater gedacht. Allerdings ging die Maschine ziemlich schnell kaputt. Aber dann war auch schon „Westen“. Glücklicherweise. Jedenfalls was neue Waschmaschinen betraf.
Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch von Pierre Sanoussi-Bliss „Den Rest habe ich verdrängt“, Querverlag 2025.

Pierre Sanoussi-Bliss: „Den Rest habe ich verdrängt“, Querverlag 2025. Abbildung: Detlef Eden
Pierre Sanoussi-Bliss
GEBOREN: 1962/Ostberlin
WOHNORT (aktuell): Berlin
MEIN THEATERTIPP: „Mauerstücke: Erinnerungsgeschichten“, Bettina Buske und Patricia Koelle (Hg.), 2009
MEIN FILMTIPP: „Ich war neunzehn“, 1968
MEIN URLAUBSTIPP: Insel Hiddensee
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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