@mrjackson

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard

Banner Leaderboard 2

Banner Leaderboard AmbulanzMobile

„Der Osten muss seine Geschichte selbst erzählen“ Interview mit Joerg Fieback von der Zebra Group

Die 1991 in Chem­nitz gegrün­de­te Zebra Group hat sich zu einer der größ­ten inha­ber­ge­führ­ten Agen­tu­ren in Deutsch­land ent­wi­ckelt. Im Inter­view spricht CEO und Mit­grün­der Joerg Fie­back über Ost­deut­sche und Ost­mar­ken, über „Osti­mis­mus“ und „Ost­wah­len“.

Joerg Fieback, geboren 1974 in Ostberlin, Mitgründer und CEO der Chemnitzer Zebra Group, einer der 30 größten deutschen inhabergeführten Agenturen. Abbildung: Zebra Group

Joerg Fie­back, gebo­ren 1974 in Aue-Bad Schle­ma, Mit­grün­der und CEO der Chem­nit­zer Zebra Group, einer der 30 größ­ten deut­schen inha­ber­ge­führ­ten Agen­tu­ren. Abbil­dung: André Forner

ostdeutschland.info: Joerg, wir haben uns 2025 auf dem MACHN Festival in Leipzig kennengelernt. Wie war das MACHN 2026 für dich?

Joerg Fie­back: Das MACHN ist für mich inzwi­schen viel mehr als ein Fes­ti­val. Es gilt als das größ­te Busi­ness-Fes­ti­val Ost­deutsch­lands, aber es ist viel mehr, als man unter einem Fes­ti­val ver­steht, denn es ist ein Stim­mungs­ba­ro­me­ter für den Osten. Dort spürt man sehr schnell, wie die Men­schen auf die Zukunft bli­cken. Mit wel­cher Ener­gie sie unter­wegs sind. Wo Opti­mis­mus ent­steht. Wo Sor­gen sind. Und wel­che The­men die Regi­on wirk­lich bewegen.

Mich beein­druckt jedes Jahr aufs Neue, wie vie­le Men­schen dort zusam­men­kom­men, die nicht dar­auf war­ten, dass sich etwas ver­än­dert, son­dern Ver­än­de­rung selbst gestal­ten wol­len. Grün­der, Unter­neh­mer, Wis­sen­schaft­ler, Krea­ti­ve, Kom­mu­nal­po­li­ti­ker, Inves­to­ren, Stu­die­ren­de. Men­schen, die etwas auf­bau­en wol­len. Genau das gefällt mir am MACHN. Der Osten wird dort nicht als Pro­blem­fall behan­delt. Er wird nicht auf Defi­zi­te redu­ziert. Er wird als Gestal­tungs­raum betrach­tet. Das klingt banal, ist aber tat­säch­lich ein gro­ßer Unterschied.

Wenn über Ost­deutsch­land gespro­chen wird, geht es häu­fig um Wahl­er­geb­nis­se, Struk­tur­pro­ble­me, Abwan­de­rung oder Fach­kräf­te­man­gel. Alles wich­ti­ge The­men. Aber eben nicht die gan­ze Wahr­heit. Wer über das MACHN läuft, erlebt etwas ande­res: Inno­va­ti­ons­kraft, Unter­neh­mer­tum, Krea­ti­vi­tät und Auf­bruch. Kurz gesagt: Zukunft. Für mich zeigt das Fes­ti­val jedes Mal wie­der, dass die span­nends­te Geschich­te des Ostens nicht sei­ne Ver­gan­gen­heit, son­dern sei­ne Zukunft ist. Und viel­leicht ist genau das die wich­tigs­te Erkennt­nis: Der neue Osten ent­steht längst. Man muss nur hinschauen.

Das Titelbild zu Joerg Fiebacks Keynote „Der Osten nervt“, die er auf dem MACHN Festival gehalten hat. Abbildung: Zebra Group

Das Titel­bild zu Joerg Fie­backs Key­note „Der Osten nervt“, die er auf dem MACHN Fes­ti­val gehal­ten hat. Abbil­dung: Zebra Group

Du hast auf dem MACHN die Keynote „Der Osten nervt“ gehalten ...

Der Titel sorgt zunächst immer für Irri­ta­ti­on. Das ist durch­aus beab­sich­tigt. Denn: Der Osten nervt tat­säch­lich. Er nervt in poli­ti­schen Debat­ten. Er nervt in Wahl­ana­ly­sen, Talk­shows, Feuil­le­tons und manch­mal nervt er auch sich selbst. Aber mich inter­es­siert die Fra­ge: War­um eigent­lich? Mei­ne Ant­wort lau­tet: Weil der Osten bis heu­te Pro­jek­ti­ons­flä­che ist. Für die einen ist er das Sym­bol des Schei­terns. Für die ande­ren das Sym­bol des Wider­stands. Für man­che ist er ein Sehn­suchts­ort. Für ande­re eine Problemregion.

Was dabei oft ver­lo­ren geht, ist die Wirk­lich­keit. Ich glau­be, wir haben in Deutsch­land über Jahr­zehn­te hin­weg ein sehr ein­sei­ti­ges Bild vom Osten erzählt. Ein Bild, das stark von Defi­zi­ten geprägt war: Arbeits­lo­sig­keit, Struk­tur­bruch, Abwan­de­rung und Rechts­extre­mis­mus. Vie­les davon hat­te rea­le Ursa­chen. Wenn aber eine Regi­on über Jahr­zehn­te vor allem über Pro­ble­me beschrie­ben wird, ent­steht irgend­wann ein Nar­ra­tiv. Und Nar­ra­ti­ve haben Macht. Sie beein­flus­sen, wie über Regio­nen gespro­chen wird. Sie beein­flus­sen Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen. Sie beein­flus­sen Kar­rie­re­we­ge. Und sie beein­flus­sen auch das Selbst­bild der Men­schen, die dort leben.

Der Osten hat nicht nur ein Struk­tur­pro­blem. Er hat vor allem ein Nar­ra­tiv­pro­blem. Wir brau­chen eine voll­stän­di­ge­re Erzählung.“

Des­halb lau­tet mei­ne The­se: Der Osten hat nicht nur ein Struk­tur­pro­blem. Er hat vor allem ein Nar­ra­tiv­pro­blem. Wir brau­chen kei­ne Schön­fär­be­rei. Aber wir brau­chen eine voll­stän­di­ge­re Erzäh­lung. Denn der Osten ist eben nicht nur Pro­test, Man­gel oder Rück­stand. Er ist auch Inno­va­ti­ons­kraft, Unter­neh­mer­tum, Krea­ti­vi­tät, Kul­tur und Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­rung. Genau die­se Geschich­ten müs­sen sicht­ba­rer werden.

Gibt es so etwas wie eine Superkraft der Ostdeutschen? Was bringen Ostdeutsche mit, das wir in ganz Deutschland benötigen?

Wenn ich eine Eigen­schaft nen­nen müss­te, wäre es Trans­for­ma­ti­ons­er­fah­rung. Ost­deut­sche muss­ten erle­ben, was vie­le Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen heu­te erst ler­nen: radi­ka­len Wan­del. Nach der Wen­de ver­schwan­den gan­ze Sys­te­me inner­halb weni­ger Mona­te. Beru­fe ver­lo­ren ihre Grund­la­ge. Unter­neh­men ver­schwan­den. Lebens­ent­wür­fe muss­ten neu gedacht wer­den. Vie­le Men­schen muss­ten sich mehr­fach neu erfin­den. Das war für vie­le schmerz­haft. Für man­che exis­ten­zi­ell. Aber dar­aus ist auch etwas ent­stan­den, das heu­te enorm wert­voll sein kann: Resilienz.

Wir leben wie­der in einer Zeit gro­ßer Umbrü­che. Digi­ta­li­sie­rung, künst­li­che Intel­li­genz, geo­po­li­ti­sche Unsi­cher­heit und demo­gra­fi­scher Wan­del. Fast jede Bran­che steht vor tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen. Plötz­lich wer­den Fähig­kei­ten wich­tig, die vie­le Ost­deut­sche schon ein­mal trai­nie­ren muss­ten: Anpas­sungs­fä­hig­keit, Prag­ma­tis­mus, Impro­vi­sa­ti­ons­ver­mö­gen und die Bereit­schaft, Neu­es zu wagen. Ich sage des­halb manch­mal bewusst pro­vo­kant: Der Osten hat Trans­for­ma­ti­on nicht stu­diert. Der Osten hat sie erlebt. Viel­leicht liegt genau dar­in eine Stär­ke, die Deutsch­land heu­te gut gebrau­chen kann.

Wo liegen die Schwächen der Ostdeutschen?

Ich glau­be, wir sind häu­fig zu beschei­den. Vie­le Ost­deut­sche haben gelernt, Leis­tung nicht an die gro­ße Glo­cke zu hän­gen. Erst machen, dann reden. Das ist mensch­lich sym­pa­thisch. In einer Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie ist es aber nicht immer hilf­reich. Wir erle­ben das auch bei Unter­neh­men. Vie­le ost­deut­sche Mit­tel­ständ­ler sind in ihrem Bereich Welt­klas­se. Aber kaum jemand kennt sie.

Dazu kommt ein zwei­ter Punkt: Netz­wer­ke. Der aktu­el­le Eli­ten­mo­ni­tor zeigt erneut, wie stark Ost­deut­sche in Füh­rungs­po­si­tio­nen unter­re­prä­sen­tiert sind. Das hat vie­le Ursa­chen. Eine davon ist sicher­lich, dass Netz­wer­ke, Men­to­ren und Zugän­ge im Osten his­to­risch schwä­cher aus­ge­prägt sind. Wer weni­ger Ver­mö­gen ver­erbt bekommt, weni­ger Kon­tak­te in Macht­zen­tren hat und sel­te­ner Vor­bil­der in Spit­zen­po­si­tio­nen sieht, star­tet oft mit ande­ren Vor­aus­set­zun­gen. Das hat nichts mit Talent zu tun. Es hat mit Struk­tu­ren zu tun. Des­halb glau­be ich, dass wir im Osten stär­ker ler­nen müs­sen, uns gegen­sei­tig sicht­bar zu machen. Nicht aus Eitel­keit, son­dern aus Verantwortung.

Der Ostimist-Sticker. Ostimismus bedeutet laut Joerg Fieback, die Opferrolle zu verlassen und mehr Selbstwirksamkeit zu zeigen. Abbildung: Zebra Group

Der Osti­mist-Sti­cker. Osti­mis­mus bedeu­tet laut Joerg Fie­back, die Opfer­rol­le zu ver­las­sen und mehr Selbst­wirk­sam­keit zu zei­gen. Abbil­dung: Zebra Group

Du bist bekennender „Ostimist“. Was hat es damit auf sich?

Osti­mis­mus ist für mich kei­ne poli­ti­sche Hal­tung. Es ist eine kul­tu­rel­le Hal­tung. Der Begriff ent­stand aus der Beob­ach­tung, dass vie­le Debat­ten über Ost­deutsch­land zwi­schen zwei Extre­men pen­deln. Auf der einen Sei­te steht die Defi­zi­ter­zäh­lung: Der Osten als Pro­blem. Auf der ande­ren Sei­te die Ver­klä­rung: Frü­her war alles bes­ser. Bei­des führt nicht wei­ter. Osti­mis­mus bedeu­tet für mich etwas ande­res. Es bedeu­tet, Pro­ble­me klar zu benen­nen und trotz­dem an Gestal­tungs­kraft zu glauben.

Ich bin nicht Osti­mist, weil alles gut ist. Ich bin Osti­mist, weil ich glau­be, dass es bes­ser wer­den kann, und weil ich über­zeugt bin, dass die Men­schen hier viel mehr Poten­zi­al haben, als ihnen oft zuge­traut wird. Der neue Osten ent­steht nicht auf poli­ti­schen Podi­en und auch nicht in Leit­ar­ti­keln. Er ent­steht in Unter­neh­men, in Ver­ei­nen, in Initia­ti­ven, in Netz­wer­ken und in den Köp­fen der Men­schen. Osti­mis­mus heißt des­halb für mich: weni­ger Jam­mern, mehr Gestal­ten. Weni­ger Opfer­rol­le, mehr Selbst­wirk­sam­keit. Und viel­leicht vor allem: den Osten nicht län­ger nur erklä­ren las­sen, son­dern anfan­gen, ihn selbst zu erzählen.

Osti­mis­mus bedeu­tet, Pro­ble­me klar zu benen­nen und trotz­dem an Gestal­tungs­kraft zu glau­ben. Und viel­leicht vor allem: den Osten nicht län­ger nur erklä­ren las­sen, son­dern anfan­gen, ihn selbst zu erzählen.“

Ist der Begriff „Ostimist“ eigentlich schon final? Pessimisten lesen vielleicht „OstistMist“, aber du bist der Werber …

(lacht) Groß­ar­tig. Das habe ich wirk­lich noch nie gehört. Aber viel­leicht ist das sogar ein gutes Zei­chen. Denn Wör­ter, über die nie­mand stol­pert, blei­ben sel­ten hän­gen. Mir geht es ohne­hin weni­ger um den Begriff, als um die Idee dahin­ter. Osti­mis­mus beschreibt für mich eine Hal­tung: Pro­ble­me sehen, ohne sich von ihnen defi­nie­ren zu las­sen. Die eige­ne Her­kunft ernst neh­men, ohne in Nost­al­gie zu ver­fal­len. Die Zukunft gestal­ten, statt Ver­gan­gen­heit zu ver­wal­ten. Wenn Men­schen über das Wort dis­ku­tie­ren, reden sie meis­tens schon über genau die­se Idee. Und dann hat es sei­nen Job erfüllt.

Als Mitgründer und CEO der Zebra Group – was macht eure Agentur aus?

Zebra wur­de vor 35 Jah­ren in Chem­nitz gegrün­det. Damals war die Stadt für vie­le noch Sym­bol einer Regi­on im Umbruch. Mitt­ler­wei­le war sie unter ande­rem Euro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt 2025 – viel­leicht steckt dar­in auch ein Teil unse­rer eige­nen Geschichte.

Wir haben nie ver­sucht, eine ost­deut­sche Agen­tur zu sein. Aber wir haben auch nie ver­sucht, kei­ne ost­deut­sche Agen­tur zu sein. Wir kom­men von hier. Wir ver­ste­hen die Men­ta­li­tät, die Men­schen, die Unter­neh­men, die Her­aus­for­de­run­gen. Gleich­zei­tig arbei­ten wir längst weit über Sach­sen hin­aus. Für Mar­ken, Insti­tu­tio­nen und öffent­li­che Auf­trag­ge­ber in ganz Deutsch­land. Was uns aus­zeich­net, ist die Ver­bin­dung aus stra­te­gi­scher Mar­ken­ar­beit, Krea­ti­vi­tät und Unter­neh­mer­tum. Wir glau­ben an die Kraft von Mar­ken und dar­an, dass sie etwas bewe­gen – in Köp­fen, Her­zen und Bilanzen.

Kom­mu­ni­ka­ti­on ist auch mehr als Wer­bung. Kom­mu­ni­ka­ti­on schafft Wahr­neh­mung. Und Wahr­neh­mung schafft Rea­li­tät. Des­halb inter­es­sie­ren wir uns nicht nur für Kam­pa­gnen, son­dern für Nar­ra­ti­ve. Für Bil­der. Für die Geschich­ten, die Men­schen über Mar­ken, Unter­neh­men oder Regio­nen erzäh­len. Viel­leicht erklärt das auch, war­um uns das The­ma „Osten“ so beschäf­tigt. Denn am Ende ist auch eine Regi­on eine Mar­ke. Mit Stär­ken. Mit Schwä­chen. Mit Kli­schees. Mit Poten­zia­len. Genau dort beginnt unse­re Arbeit.

Nach der Kampagne für die Landesmarke „So geht sächsisch“ 2025 habt ihr euch kürzlich auch den Etat für das Standortmarketing des Freistaats Thüringen gesichert.

Dar­über freu­en wir uns natür­lich sehr. Vor allem des­halb, weil wir glau­ben, dass ost­deut­sche Regio­nen heu­te selbst­be­wuss­ter über ihre Stär­ken spre­chen dür­fen. Lan­ge Zeit wur­den vie­le ost­deut­sche Stand­or­te vor allem über För­der­mit­tel, Struk­tur­wan­del oder Pro­ble­me defi­niert. Das greift jedoch viel zu kurz.

Wenn ich durch Thü­rin­gen fah­re, sehe ich Inno­va­ti­ons­kraft, Mit­tel­stand, Welt­markt­füh­rer, Kul­tur, Lebens­qua­li­tät, Hoch­schu­len, For­schung, ... Natür­lich gibt es auch Her­aus­for­de­run­gen. Die gibt es über­all. Aber Kom­mu­ni­ka­ti­on soll­te nicht nur Defi­zi­te ver­wal­ten. Sie soll­te auch Poten­zia­le sicht­bar machen. Des­halb geht es bei Stand­ort­mar­ke­ting heu­te nicht mehr dar­um, schö­ne Bil­der zu pro­du­zie­ren. Es geht dar­um, glaub­wür­di­ge Geschich­ten zu erzäh­len. Geschich­ten, die zei­gen, war­um Men­schen hier leben, arbei­ten, inves­tie­ren oder grün­den wol­len. Genau das macht die­se Auf­ga­be so spannend.

Du bist Vorstandsmitglied im GWA, dem Verband der führenden Kommunikations­agenturen Deutschlands. Wie ist die Stimmung in der Agenturbranche?

Die Bran­che befin­det sich wahr­schein­lich in der größ­ten Trans­for­ma­ti­on seit dem Auf­kom­men des Inter­nets. Künst­li­che Intel­li­genz ver­än­dert Pro­zes­se, Rol­len­bil­der, Wert­schöp­fungs­ket­ten und Geschäfts­mo­del­le. Vie­le klas­si­sche Agen­tur­leis­tun­gen wer­den güns­ti­ger oder auto­ma­ti­sier­bar. Das sorgt natür­lich für Unsi­cher­heit. Gleich­zei­tig erle­be ich aber auch enor­me Neugier.

Die span­nends­te Fra­ge lau­tet aus mei­ner Sicht nicht, wel­che Jobs ver­schwin­den, son­dern wel­che neu­en ent­ste­hen. Denn Kom­mu­ni­ka­ti­on wird nicht weni­ger wich­tig, eher das Gegen­teil ist der Fall. In einer Welt, in der Inhal­te immer schnel­ler und güns­ti­ger pro­du­ziert wer­den kön­nen, steigt der Wert von Ori­en­tie­rung. Von Stra­te­gie. Von Urteils­kraft. Von Kreativität.

Wir bei Zebra spre­chen von „Human Intel­li­gence“. Denn KI macht Out­put bil­li­ger. Aber gute Ent­schei­dun­gen wer­den dadurch nicht auto­ma­tisch leich­ter. Ich glau­be des­halb, dass erfolg­rei­che Agen­tu­ren künf­tig weni­ger Pro­du­zen­ten und stär­ker Navi­ga­to­ren sein wer­den. Men­schen und Unter­neh­men brau­chen jeman­den, der Tech­no­lo­gie, Mar­ken­füh­rung, Daten, Krea­ti­vi­tät und Wir­kung zusam­men­bringt. Genau dort ent­steht der neue Agenturwert.

2024 hat die Zebra Group eine Ost-West-Studie veröffentlicht: Wie isser denn, der Ossi?

Die wich­tigs­te Erkennt­nis unse­rer Stu­die war zunächst ein­mal: Es gibt den Ossi noch. Also, nicht den Kli­schee-Ossi. Aber durch­aus auch den Unter­schied zwi­schen Ost und West in Sachen Ein­stel­lun­gen, Wer­te und Wahr­neh­mun­gen. Und das hat uns selbst über­rascht. Vor allem des­halb, weil wir fest­ge­stellt haben, dass man­che Unter­schie­de bei den Nach­wen­de-Gene­ra­tio­nen sogar stär­ker aus­ge­prägt sind als bei den Älte­ren. Das deu­tet dar­auf hin, dass Her­kunft und kul­tu­rel­le Prä­gung län­ger wir­ken, als von vie­len vermutet.

Beson­ders span­nend fan­den wir die Unter­schie­de bei den The­men Hei­mat­lie­be und Lebens­qua­li­tät. Wäh­rend West­deut­sche ihre Regi­on stär­ker über Lebens­qua­li­tät beschrei­ben, spielt bei Ost­deut­schen der Begriff Hei­mat eine deut­lich grö­ße­re Rol­le. Nicht im nost­al­gi­schen Sinn. Son­dern als Aus­druck von Verbundenheit.

Wäh­rend West­deut­sche ihre Regi­on stär­ker über Lebens­qua­li­tät beschrei­ben, spielt bei Ost­deut­schen der Begriff Hei­mat eine deut­lich grö­ße­re Rol­le, als Aus­druck von Verbundenheit.“

Ein wei­te­res inter­es­san­tes Ergeb­nis war die Medi­en­nut­zung. Die ost­deut­sche Nach­wen­de-Gene­ra­ti­on zeig­te sich deut­lich digi­ta­ler als ihre west­deut­schen Pen­dants. Das ist ins­be­son­de­re mit Blick auf poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on und gesell­schaft­li­che Debat­ten hochinteressant.

Auf der ande­ren Sei­te haben wir auch etwas fest­ge­stellt, das oft über­se­hen wird: Die Deut­schen sind sich ähn­li­cher, als vie­le Debat­ten ver­mu­ten las­sen. Fami­lie, Ver­trau­en, Ver­läss­lich­keit oder Mar­ken­bin­dung spie­len in Ost und West eine gro­ße Rol­le. Die Unter­schie­de lie­gen oft weni­ger zwi­schen den Regio­nen als in den Details. Genau die­se Details machen gute Kom­mu­ni­ka­ti­on aus. Des­halb war die Stu­die für uns nicht nur gesell­schaft­lich span­nend, son­dern auch fach­lich hoch relevant.

Wie sind Ostdeutsche als Konsumenten? Muss Werbung für sie anders sein?

Die kur­ze Ant­wort lau­tet: Ja und nein. Nein, weil Men­schen über­all Men­schen sind. Sie suchen Ori­en­tie­rung, Ver­trau­en, Zuge­hö­rig­keit und Lösun­gen für ihre Bedürf­nis­se. Die gro­ßen Mecha­nis­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on funk­tio­nie­ren in Ros­tock genau­so wie in Köln oder Mün­chen. Ja, weil Bio­gra­fien einen Unter­schied machen. Men­schen kau­fen Pro­duk­te nicht nur mit ihrem Geld, son­dern auch mit ihren Erfah­run­gen. Und die Erfah­run­gen vie­ler Ost­deut­scher unter­schei­den sich bis heu­te von denen vie­ler Westdeutscher.

Unse­re Ost-West-Stu­die hat gezeigt, dass Her­kunft, Hei­mat und Authen­ti­zi­tät für vie­le Ost­deut­sche eine grö­ße­re Rol­le spie­len. Gleich­zei­tig begeg­nen sie über­zo­ge­nen Wer­be­ver­spre­chen häu­fig skep­ti­scher. Viel­leicht liegt das an der eige­nen Trans­for­ma­ti­ons­ge­schich­te oder dar­an, dass vie­le Men­schen hier gelernt haben, genau­er hin­zu­schau­en. Für Mar­ken bedeu­tet das vor allem eines: Glaub­wür­dig­keit schlägt Insze­nie­rung. Wer­bung muss des­halb nicht grund­sätz­lich anders sein. Aber sie soll­te ehr­li­cher sein. Nah­ba­rer. Weni­ger laut und dafür rele­van­ter. Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet ohne­hin nicht: „Wie errei­che ich Ost­deut­sche?“ Son­dern: „Ver­ste­he ich die Men­schen, mit denen ich spre­chen möch­te?“ Gute Kom­mu­ni­ka­ti­on beginnt immer mit Respekt vor den Lebens­rea­li­tä­ten ihrer Zielgruppen.

  • Die ersten Kampagnen der Zebra Group waren für Ostprodukte wie Rondo Melange von Röstfein Kaffee. Abbildung: Zebra Group
    Die ers­ten Kam­pa­gnen der Zebra Group war­ben für Ost­pro­duk­te wie Ron­do Melan­ge von Röst­fein Kaf­fee. Abbil­dung: Zebra Group

Vita Cola, Rondo Melange, Senf aus Born und Bautzen, Knusperflocken und Bambina – funktionieren Ostprodukte noch als solche?

Ja, aber anders als frü­her. In den 1990er-Jah­ren war der Erfolg vie­ler Ost­mar­ken häu­fig eine Form kul­tu­rel­ler Selbst­be­haup­tung. Men­schen woll­ten sich ein Stück Iden­ti­tät bewah­ren. Das war ver­ständ­lich. Heu­te erle­ben wir etwas ande­res. Mar­ken wie Vita Cola, Bautz’ner oder Knus­per­flo­cken pro­fi­tie­ren zuneh­mend von Eigen­schaf­ten, die weit über Ost­al­gie hin­aus­ge­hen. Sie wir­ken authen­tisch. In einer Welt vol­ler aus­tausch­ba­rer Pro­duk­te suchen Men­schen nach Her­kunft, Glaub­wür­dig­keit und Cha­rak­ter. Genau das brin­gen vie­le Ost­mar­ken mit. Sie haben eine Geschich­te. Sie haben Ecken und Kan­ten und wir­ken oft weni­ger kon­stru­iert als man­che inter­na­tio­na­le Markeninszenierung.

Die bes­ten Ost­mar­ken ver­kau­fen heu­te nicht Ver­gan­gen­heit. Sie ver­kau­fen Haltung.“

Span­nend ist dabei: Vie­le erfolg­rei­che Ost­mar­ken wer­den längst nicht mehr nur im Osten gekauft. Sie funk­tio­nie­ren zuneh­mend als eigen­stän­di­ge Mar­ken­per­sön­lich­kei­ten. Das zeigt etwas sehr Inter­es­san­tes. Her­kunft kann eine Stär­ke sein. Aber nur dann, wenn sie nicht zum Selbst­zweck wird. Die bes­ten Ost­mar­ken ver­kau­fen heu­te nicht Ver­gan­gen­heit. Sie ver­kau­fen Haltung.

Ost und West: Wo stehen wir heute generell?

Wir sind wei­ter als vie­le den­ken und gleich­zei­tig nicht weit genug. 35 Jah­re nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung haben wir wirt­schaft­lich, infra­struk­tu­rell und gesell­schaft­lich enor­me Fort­schrit­te gemacht. Vie­le ost­deut­sche Städ­te haben sich beein­dru­ckend ent­wi­ckelt. Uni­ver­si­tä­ten, Unter­neh­men und For­schungs­stand­or­te spie­len längst auf natio­na­lem und inter­na­tio­na­lem Niveau. Wer behaup­tet, die Wie­der­ver­ei­ni­gung sei geschei­tert, ver­kennt die­se Rea­li­tät. Eben­so falsch wäre es jedoch zu behaup­ten, die Unter­schie­de hät­ten sich voll­stän­dig auf­ge­löst. Der Eli­ten­mo­ni­tor zeigt eine wei­ter­hin deut­li­che Unter­re­prä­sen­ta­ti­on Ost­deut­scher in Füh­rungs­po­si­tio­nen. Bei Ver­mö­gen, Erb­schaf­ten und Netz­wer­ken bestehen eben­falls erheb­li­che Unterschiede.

Wir soll­ten die Ost-West-Debat­te nicht been­den. Wir soll­ten sie erwach­se­ner füh­ren. Weni­ger als Kon­flikt. Mehr als eine gemein­sa­me Aufgabe.“

Hin­zu kommt etwas, das mich beson­ders beschäf­tigt: die Wahr­neh­mung. Vie­le Men­schen im Osten haben bis heu­te das Gefühl, dass ihre Erfah­run­gen, Per­spek­ti­ven und Bio­gra­fien nicht aus­rei­chend reprä­sen­tiert wer­den. Das ist kein Rand­the­ma. Denn gesell­schaft­li­cher Zusam­men­halt ent­steht nicht nur durch Infra­struk­tur oder Wirt­schafts­wachs­tum. Er ent­steht auch durch Aner­ken­nung. Des­halb glau­be ich, dass wir die Ost-West-Debat­te nicht been­den soll­ten. Wir soll­ten sie erwach­se­ner füh­ren. Weni­ger als Kon­flikt. Mehr als eine gemein­sa­me Auf­ga­be. Denn am Ende geht es nicht dar­um, Unter­schie­de weg­zu­dis­ku­tie­ren. Son­dern dar­um, sie anzu­er­ken­nen und gemein­sam dar­aus Stär­ke zu entwickeln.

Wie blickst du auf die „Ostwahlen“ 2026?

Zunächst ein­mal stört mich der Begriff ein wenig. Er sug­ge­riert häu­fig, dass Wah­len im Osten etwas grund­sätz­lich ande­res sei­en als Wah­len im Rest des Lan­des. Dabei zei­gen vie­le Ent­wick­lun­gen, dass The­men wie Ver­trau­ens­ver­lust, poli­ti­sche Pola­ri­sie­rung oder Zukunfts­ängs­te längst gesamt­deut­sche Phä­no­me­ne sind.

Natür­lich schau­en Medi­en bei Wah­len im Osten beson­ders genau hin. Manch­mal habe ich aller­dings den Ein­druck, dass dabei mehr über den Osten gespro­chen wird als mit ihm. Mich inter­es­siert des­halb weni­ger die Fra­ge, wer gewinnt oder ver­liert, son­dern die Fra­ge, was Men­schen bewegt. Wo ent­steht Zuver­sicht? Wo ent­steht Frus­tra­ti­on? Wo füh­len sich Men­schen gese­hen und wo nicht?

Der Osten ist kein Son­der­fall, oft ist er ein Frühindikator.“

Ich glau­be, Poli­tik wird in Zukunft stär­ker als bis­her zei­gen müs­sen, dass sie Gestal­tung ermög­licht. Nicht nur Ver­wal­tung. Denn vie­le Men­schen seh­nen sich nach Ori­en­tie­rung, Ver­läss­lich­keit und Per­spek­ti­ve. Der Osten ist dabei kein Son­der­fall, aber er ist oft ein Früh­in­di­ka­tor. Vie­le Ent­wick­lun­gen, die spä­ter bun­des­weit sicht­bar wer­den, zei­gen sich hier frü­her und deut­li­cher. Des­halb lohnt sich der Blick in den Osten nicht nur für Ost­deut­sche, son­dern für ganz Deutschland.

Viel­leicht ist das sogar die wich­tigs­te Bot­schaft, die ich der­zeit mit­neh­me. Der Osten ist kein Rand­the­ma. Er ist ein Teil der Zukunft die­ses Lan­des und viel­leicht wird er gera­de des­halb wie­der so inten­siv dis­ku­tiert.  Weil sich in ihm vie­le Fra­gen bün­deln, die uns alle betref­fen: Wie gehen wir mit Wan­del um? Wie schaf­fen wir Zuge­hö­rig­keit? Wie orga­ni­sie­ren wir Zusam­men­halt? Wie erzäh­len wir unse­re gemein­sa­me Zukunft? Wenn wir dar­auf gute Ant­wor­ten fin­den, gewinnt nicht nur der Osten. Dann gewinnt Deutschland.

Vielen Dank.

Die Fra­gen stell­te Robert Nehring.

Banner Footer 1

Test Half Banner

Banner Footer 2

Test Half Banner

Banner Footer 3

Test Half Banner