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Faszination E-Musik in der DDR

Durch einen Zufall wur­de die Musi­ke­rin und Musik­wis­sen­schaft­le­rin Hea­ther Moo­re aus Kali­for­ni­en auf Elek­tro-Musik aus der DDR auf­merk­sam. Hier beschreibt sie ihre Lei­den­schaft und schil­dert, wie aus einer You­tube-Recher­che ein Dis­ser­ta­ti­ons­the­ma wurde.

Paule Fuchs (POND), Jan Bilk (SERVI), die Autorin, und Tomaš Nawka (SERVI) (von links nach rechts) im Januar 2025. Abbildung: Heather Moore

Von links nach rechts: Pau­le Fuchs (POND), Jan Bilk (SERVI), Hea­ther Moo­re und Tomaš Naw­ka (SERVI) im Janu­ar 2025. Moo­re pro­mo­vier­te an der Uni­ver­si­ty of Sou­thern Cali­for­nia, Los Ange­les, über E-Musik in der DDR. Abbil­dung: Hea­ther Moore

Eines Nachts, im ers­ten Semes­ter mei­nes Dok­to­rats­stu­di­ums, blieb ich viel zu lan­ge wach und ver­lor mich in den Tie­fen von You­tube. Ich woll­te etwas Neu­es hören, wäh­rend ich an einem Geschichts­auf­satz arbeitete.

Ich weiß gar nicht mehr so recht, war­um ich nach „East Ger­man elec­tro­nic music“ gesucht habe. Ich inter­es­sie­re mich für die Geschich­te der DDR und lie­be elek­tro­ni­sche Musik. Aller­dings dach­te ich bis­her, dass es in der DDR kei­ne elek­tro­ni­sche Musik gab und Kraut­rock sowie ver­wand­te Gen­res aus­schließ­lich Pro­duk­te des Wes­tens waren.

Man kann sich also mei­ne Über­ra­schung vor­stel­len, als ein Account namens „SERVI Elec­tro­nics“ auf­tauch­te – mit einer Play­list, die den Unter­ti­tel „Songs and instru­men­tals from the ear­ly days of our elec­tro­nic con­certs in churches in the GDR“ trug.

Elektronische Konzerte … in der DDR?

Anstatt in jener Nacht mei­nen Auf­satz fer­tig­zu­schrei­ben, ver­brach­te ich die nächs­ten Stun­den damit, im Inter­net nach wei­te­ren Infor­ma­tio­nen über eine Musik­sze­ne zu suchen, die es nach allem, was ich bis­her über die DDR gele­sen hat­te, eigent­lich gar nicht geben soll­te. Ich konn­te kaum glau­ben, was ich fand. Zum Bei­spiel ein Foto von jeman­dem, der mit­ten auf dem beleb­ten Alex­an­der­platz einen Moog [modu­la­rer Syn­the­si­zer mit Ana­log­tech­nik; Anm. d. Red.] spiel­te. Ein AMIGA-„Kleeblatt“-Album mit elek­tro­ni­scher Musik. Einen Aus­schnitt aus der Sen­dung „Stop! Rock“ mit zwei in Jump­suits geklei­de­ten Key­boar­dern, umge­ben von Syn­the­si­zern. In die­sem Moment wuss­te ich genau, wor­über ich mei­ne Dis­ser­ta­ti­on schrei­ben würde.

POND spielen bei einem Auftritt in der Sendung „Stop!Rock“ den Hit „Jumbo“. Die Band war in den 1980er-Jahren die bekannteste DDR-Elektro-Band und existiert bis heute. Abbildung: Youtube/POND

POND spie­len bei einem Auf­tritt in der Sen­dung „Stop! Rock“ den Hit „Jum­bo“. Die in den 1980er-Jah­ren bekann­tes­te DDR-Elek­tro-Band exis­tiert bis heu­te. Abbil­dung: Youtube/POND

Wie sich her­aus­stell­te, exis­tier­te ost­deut­sche elek­tro­ni­sche Musik nicht nur, son­dern blüh­te auch regel­recht auf. In den 1980er-Jah­ren hat­ten meh­re­re vom Kraut­rock inspi­rier­te Elek­tronik­mu­si­ker, die vor­wie­gend in Ost­ber­lin ansäs­sig waren, erfolg­rei­che Musik­kar­rie­ren. Die bekann­tes­te Grup­pe war POND, die bereits 1982 mit „Pla­ne­ten­wind“ für Auf­se­hen gesorgt hat­te. Es gab jedoch vie­le ande­re, dar­un­ter SERVI, ein sor­bisch-deut­sches Duo, das als Kir­chen­band begann, sowie KEY, die ihre klas­si­sche Musik­aus­bil­dung beton­ten. Zu den Solo­künst­lern zähl­ten Wolf­gang Paul­ke, Juli­us Krebs und Hans-Has­so Stamer. Selbst Rein­hard Lako­my ver­such­te sich an die­sem Stil und ver­öf­fent­lich­te zwi­schen 1981 und 1984 drei Elek­tro­nik-Alben, von denen zwei in Zusam­men­ar­beit mit Rai­ner Oleak entstanden.

SERVI spielt 1987 im Musikantenclub Steinhaus in Bautzen. Abbildung: Jan Bilk

SERVI spielt 1987 im Musi­kan­ten­club Stein­haus in Baut­zen. Abbil­dung: Jan Bilk

Die­se Musi­ker waren vor­wie­gend im Live-Bereich tätig, tra­ten aber auch im Radio und Fern­se­hen auf. Vie­le von ihnen ver­öf­fent­lich­ten Alben bei AMIGA – ein Pri­vi­leg, das Krebs als den „Hei­li­gen Gral“ der Musi­ker­kar­rie­re bezeich­ne­te. Sti­lis­tisch ver­füg­te jeder Künst­ler über einen unver­wech­sel­ba­ren Klang. POND begann als Pro­gres­si­ve-Rock-Band – ein Ein­fluss, der auch ohne Gitar­ren und Schlag­zeug deut­lich spür­bar ist. SERVI beweg­te sich eher im expe­ri­men­tel­len Bereich und inte­grier­te Ein­flüs­se aus moder­ner Klas­sik. Die Arbei­ten von Lako­my und Oleak erkun­de­ten weit­läu­fi­ge, kos­mi­sche Klang­land­schaf­ten, wäh­rend KEY klas­si­sche Kla­vier­tech­ni­ken mit einem rhyth­mi­schen, pop­pi­gen Dri­ve ver­band. Was sie jedoch alle eint, ist das Inter­es­se am Kraut­rock der 1970er-Jah­re (Tan­ge­ri­ne Dream, Kraft­werk, Ashra usw.). Daher gaben sie sich wäh­rend mei­ner Inter­views selbst die Bezeich­nung „Ost-Ber­lin School (OBS)“.

In der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur wur­de die OBS nicht erwähnt. Daher muss­te ich auf ande­re Mit­tel zurück­grei­fen. Jan Bilk von SERVI war dabei eine enor­me Hil­fe. Wäh­rend mei­ner For­schungs­rei­sen nach Ber­lin hat­te er nicht nur per­sön­li­che Tref­fen mit mir ver­ein­bart, son­dern auch Inter­views mit Pau­le POND und Oleak arran­giert sowie Mate­ri­al aus sei­nem per­sön­li­chen Archiv für mich bereit­ge­stellt. Von da an wuchs mein Netz­werk immer wei­ter. Ich sprach mit ande­ren DDR-Syn­the­si­zer­spie­lern sowie mit wei­te­ren wich­ti­gen Akteu­ren der Musik­sze­ne wie Lutz Schramm, dem Mode­ra­tor der DT64-Radio­sen­dung „Parock­ti­kum“. Ich durch­fors­te­te die Bestän­de des Deut­schen Rund­funk­ar­chivs und las alte Zei­tungs­ar­ti­kel in Biblio­the­ken. Ich besuch­te die Aka­de­mie der Küns­te, um das Sub­h­archord, ein sel­te­nes in der DDR gebau­tes Tas­ten­in­stru­ment, zu spie­len. Natür­lich habe ich auch prak­tisch jeden Plat­ten­la­den in Ber­lin auf­ge­sucht, um rele­van­te AMI­GA-Schall­plat­ten zu finden.

Zwischen Protest und Stiltrends

Mei­ne Dis­ser­ta­ti­on gestal­te­te sich durch vie­le the­ma­ti­sche Inspi­ra­tio­nen äußerst far­ben­reich. Ich habe über die weni­gen Syn­the­si­zer geschrie­ben, die es in der DDR gab (etwa den Ver­mo­na Syn­the­si­zer), aber auch dar­über, war­um ost­deut­sche Key­boar­der statt­des­sen auf dem Schwarz­markt Zehn­tau­sen­de von Ost­mark für Instru­men­te aus dem Wes­ten aus­ga­ben. Ich ana­ly­sier­te den ein­zig­ar­ti­gen Musik­stil und die Ein­flüs­se der ein­zel­nen Künst­ler und erzähl­te die fas­zi­nie­ren­den Ent­ste­hungs­ge­schich­ten ihrer Alben. Ich beschrieb die leben­di­ge Live-Sze­ne – von inti­men Kir­chen­kon­zer­ten bis hin zu rie­si­gen Open-Air-Shows vor Tau­sen­den von Zuschauern.

Der schwie­ri­ge­re Teil war die Ein­ord­nung. Ich hat­te das Pro­jekt mit einer ziem­lich nai­ven „Kalter-Krieg“-Mentalität begon­nen; mei­ne Gedan­ken kreis­ten um die Sta­si, die Regie­rung, die Zen­sur, die Mau­er – die übli­chen Kli­schees. Wie es in Dis­kus­sio­nen über die DDR so üblich ist, nahm ich an, dass die­se Musik einen poli­ti­schen Cha­rak­ter haben müss­te. Je mehr ich jedoch recher­chier­te, des­to unpas­sen­der erschien mir die­ser Deu­tungs­rah­men. Die OBS pro­tes­tier­te weder gegen die Staats­macht, noch unter­stütz­te sie die­se. Ihre Musik folg­te glo­ba­len Stil­trends und wur­de nicht als kul­tu­rel­le Reprä­sen­ta­ti­on der DDR ange­prie­sen (abge­se­hen davon, dass POND ein­mal als „Der Man­da­ri­nen­traum des Ostens“ bewor­ben wur­de). Sie hiel­ten sich weit­ge­hend an Vor­schrif­ten und hat­ten kaum mit staat­li­chen Ein­grif­fen oder der Sta­si zu tun. Alles in allem hat­ten die­se Musi­ker nor­ma­le Kar­rie­ren, ver­gleich­bar mit denen west­li­cher Musi­ker. Die­ses Bild kon­kur­riert lei­der oft mit vor­herr­schen­den Nar­ra­ti­ven über die DDR.

  • Hans-Hasso Stamer gehörte zu den bekanntesten Solomusikern der DDR-Elektromusik. Abbildung: Discogs
    Hans-Has­so Stamer gehör­te zu den bekann­tes­ten Solo­mu­si­kern der DDR-Elek­tro­mu­sik. Abbil­dung: Discogs

Reduzierung auf die Identität

Viel­leicht ist das der Grund, war­um die OBS außer­halb der ehe­ma­li­gen DDR so lan­ge unbe­merkt geblie­ben ist. Wenn Leu­te erfah­ren, dass es in der DDR popu­lä­re Musik gab (was vie­le nicht wis­sen, ins­be­son­de­re in den USA), neh­men sie oft an, dass die­se ver­steck­te poli­ti­sche Bot­schaf­ten ent­hielt, oder sie äußern sich her­ab­las­send über die Musi­ker, die ihr Bes­tes gaben, um west­lich-ori­en­tier­te Musik inner­halb der gege­be­nen Gren­zen der DDR zu repro­du­zie­ren. Die­se qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Musik wird meist auf ihre ost­deut­sche Iden­ti­tät redu­ziert, wäh­rend all das igno­riert wird, was sie eigent­lich inter­es­sant macht: der Stil, das musi­ka­li­sche Kön­nen, die Covergestaltung.

Es steht mir fern, die Tat­sa­che, dass die­se Musik aus der DDR stammt, zu igno­rie­ren. Sie ist ein unum­stöß­li­cher Teil der Iden­ti­tät die­ser Musi­ker und hat sicher­lich Ein­fluss dar­auf gehabt, wie ihre Musik kom­po­niert, ange­nom­men und auf­ge­führt wur­de. Mit mei­ner Dis­ser­ta­ti­on und der der­zeit in Arbeit befind­li­chen Buch­ver­si­on hof­fe ich, die Men­schen dazu zu ermu­ti­gen, die Kunst und die Künst­ler der DDR nicht auf einen mini­ma­len Aspekt ihrer Iden­ti­tät zu redu­zie­ren. Da steckt noch so viel mehr dahin­ter. Ein­fach mal reinhören ...

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