Sabine Rennefanz, Journalistin und Autorin bei Der Spiegel und Tagesspiegel, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Sabine Rennefanz, Journalistin, Autorin Der Spiegel, Tagesspiegel. Abbildung: Sven Gatter
Traditionelle Rollen- und Familienbilder werden wieder beliebter. Das betrifft auch die Bundesländer, für die Ex-Kanzlerin Merkel prototypisch stand. Kaum ein Zufall. In der vergangenen Woche wurde viel über die frühere Kanzlerin und Memoiren-Schreiberin Angela Merkel geredet. Wie sie es als ostdeutsche Frau an die Spitze der Regierung geschafft hat, und wie viel sie darauf verwandt hat, in einer männerdominierten Welt voranzukommen. Sie stand damit prototypisch für viele DDR-sozialisierte Frauen, die sich dank guter Ausbildung und Ehrgeiz im wiedervereinigten Deutschland nach 1990 zurechtfanden.
Bis heute gibt es in den ostdeutschen Ländern eine höhere Erwerbsquote von Frauen als im Westen, mehr weibliche Führungskräfte und eine geringere Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Ostdeutsche Frauen inspirierten zu Gedichten wie „Die Ostfrau an sich“ von Bert Papenfuß, zu Filmen („Frauen in Landschaften“), zu Büchern wie „Ostfrauen verändern die Republik“ (2019) oder jüngst „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“. Selbst Netzwerktreffen im Kanzleramt gibt es speziell für ostdeutsche Frauen, organisiert vom Ostbeauftragten der Bundesregierung. Doch damit könnte bald Schluss sein, und zwar nicht nur, weil es womöglich in der nächsten Bundesregierung keinen Ostbeauftragten mehr geben wird.
Wenn man sich die aktuelle Stimmungslage in den ostdeutschen Bundesländern anschaut, scheinen Frauen (und Männer) einen eher traditionellen Staat im Blick zu haben. Devise: zurück an den Herd. Alte, längst überwunden geglaubte Rollenbilder sind nicht nur im Westen, sondern besonders im Osten auf dem Vormarsch.
Kürzlich wurde in Berlin die neue Autoritarismus-Studie 2024 der Universität Leipzig vorgestellt. Seit 22 Jahren untersuchen die Forscher, wie sich autoritäre und antidemokratische Tendenzen entwickeln. Rund 2.500 repräsentativ ausgewählte Männer und Frauen in Ost und West werden dazu angesprochen, seit 2006 werden auch Einstellungen zu Sexismus und Rollenbildern abgefragt. Bisher waren die Antworten der Ostdeutschen progressiver. Das sei „häufig auf die Rolle der Frau und die Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit in der DDR zurückgeführt worden“, schreiben die Forscher.
2024 stimmten bei einzelnen Aspekten zum ersten Mal mehr Ostdeutsche als Westdeutsche sexistischen und antifeministischen Thesen zu. So finden 31 Prozent der Befragten in den Ostländern, dass Frauen sich wieder stärker auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter konzentrieren sollten, bei den Westdeutschen sind es 26 Prozent. Dass sich Frauen in der Politik häufig lächerlich machen, findet mehr als jeder dritte Ostdeutsche (35 Prozent), das ist eine Zunahme gegenüber 2020 um 15 Prozent. 19 Prozent sind es bei Westdeutschen.
Ist das ein Anti-Merkel-Effekt? Eine Art Backlash, nachdem 16 Jahre eine Frau regiert hat? Negativer als früher wird übrigens Kinderlosigkeit empfunden: Ein Drittel der Ostdeutschen hält Frauen, die auf Kinder verzichten, für egoistisch (Westdeutschland 18 Prozent).
Was steckt dahinter? Ist es eine Krisenreaktion? Eine Folge rechter Propaganda? Die Forscher urteilen vorsichtig, dass die Rolle der Mutter im Osten und die Bedeutung von Familie im Wandel begriffen zu sein scheinen. Es ist wohl auch eine Konsequenz der veränderten Bevölkerungszusammensetzung.
In mehreren Wellen sind nach 1990 Hunderttausende Frauen in den Westen oder ins Ausland gegangen, vor allem die jungen, die agilen. Dass die Frauen sich eher trauten wegzugehen, ist vielleicht auch ihren selbstbewussten Ostmüttern zu verdanken. Aber sie fehlen heute. Und diejenigen, die geblieben sind, beklagen sich über mangelnde Unterstützung.
Angela Merkel war nicht für ihre frauenpolitische Politik bekannt. Noch 2017 sagte sie, sie würde sich nicht als Feministin bezeichnen, das nahm sie zwar am Ende ihrer Amtszeit zurück, aber da war es schon zu spät.
Dieser Beitrag ist zuerst im Tagesspiegel erschienen, am 3. Dezember 2024.
Sabine Rennefanz
GEBOREN: 1974/Beeskow
WOHNORT (aktuell): Berlin
MEIN BUCHTIPP: „Das Narrenschiff“, 2025
MEIN FILMTIPP: „Engel aus Eisen“, 1981
MEIN URLAUBSTIPP: Stechlinsee
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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