Das Netzwerk der gemeinnützigen Initiative DenkRaumOst hat es sich zum Ziel gesetzt, Ostdeutschlands Charme sichtbar zu machen. In Teil 14 ihrer Kolumne widmet sich die Ökonomin Dr. Daphne Hering der Kultur Ostdeutschlands und fördert wertvolle Ressourcen zutage.

Dr. Daphne Hering ist Ökonomin, Unternehmerin, Investorin und Transformationsrednerin. Die gebürtige Düsseldorferin hat von 2000 bis 2006 Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg in Sachsen studiert. Abbildung: Initiative Denkraum Ost
Als ich im Herbst 2001 das erste Mal in die Semperoper in Dresden ging, um Wagners Walküre zu hören, betrat ich das Foyer und lief entlang der Eingangstüren zum Opernsaal. Über den Türen waren die Namen berühmter Opern, Komponisten und Dichter angebracht. Plötzlich blieb ich verblüfft stehen. Nicht wegen der Architektur. Auch nicht wegen des Goldes oder der Geschichte des Hauses. Sondern wegen eines Opernnamens. Über einer dieser Türen stand in goldenen Buchstaben: „Daphne“.
Der Moment, als ich durch diese Tür in den Innenraum des Opernsaals ging, berührte mich auf eine Weise, die ich damals noch nicht ganz verstand. Irgendetwas in mir spürte, dass dort etwas still weiterlebte. Etwas, das tiefer reichte als die Gegenwart. Eine Schöpferkraft aus der Vergangenheit, die für unsere Zukunft wegweisend werden könnte. Erst später erfuhr ich, dass die Oper Daphne von Richard Strauss 1938 in der Semperoper uraufgeführt wurde. Rückblickend erscheint es mir fast symbolisch, dass ausgerechnet diese Oper mich damals so tief berührte. Nicht nur wegen meines Vornamens, sondern auch, weil die Figur Daphne in der griechischen Mythologie für Transformation steht – und kaum eine Region Deutschlands hat tiefgreifendere gesellschaftliche Transformationen erlebt als der Osten.
Kulturelle Tiefe Ostdeutschlands
Während meines Studiums an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg – der ältesten Montanuniversität der Welt – fiel mir etwas auf, das sich nur schwer beschreiben lässt. Ich begegnete einer stillen und zugleich lebendigen, kulturellen Tiefe. Nicht laut, inszeniert oder getragen von einem Bedürfnis nach Selbstvermarktung. Sondern eher wie eine kraftvolle Meeresströmung, die an der Oberfläche ruhig, ja fast still erscheint.
Meine Großmutter Dorothea öffnete meinen Blick für die weltberühmten Silbermann-Orgeln. Den Klang der größten Silbermann-Orgel durfte ich oft im Dom St. Marien in Freiberg erleben – und ihre monumentale Kraft werde ich nie vergessen. Je länger ich in Freiberg lebte, desto deutlicher wurde mir die kulturelle, intellektuelle und wissenschaftliche Tiefe, der ich im Osten Deutschlands begegnete:
- Dresden. Semperoper. Frauenkirche. Caspar David Friedrich. Gerhard Richter. Otto Dix.
- Leipzig. Thomaskirche. Johann Sebastian Bach. Clara und Robert Schumann. Felix Mendelssohn Bartholdy. Richard Wagner. Gottfried Wilhelm Leibniz.
- Weimar und Jena. Friedrich Schiller. Johann Wolfgang von Goethe. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Gotthold Ephraim Lessing. Alexander von Humboldt. Novalis. Abraham Gottlob Werner.
- Und die Bergakademie Freiberg – an der über Jahrhunderte hinweg Wissen entstand, das industrielle und wirtschaftliche Entwicklung weit über Deutschland hinaus, ja sogar weltweit geprägt hat.
Mich berührte dabei nie nur die Größe dieser Namen. Vielmehr stellte ich mir die Frage, warum diese kulturelle und geistige Tiefe oft eher subtil präsent ist. Möglicherweise liegt für mich gerade darin eine der interessantesten Erfahrungen des Ostens: dass kulturelle Schönheit dort weniger ausgestellt als getragen wird. Und dass darin eine Form von Würde liegt, die in einer Zeit permanenter Selbstinszenierung fast aus der Zeit gefallen scheint.
Umbruch als Erfahrungswert
Der Fall der Mauer bedeutete für Millionen Menschen nicht nur das Ende eines politischen Systems. Er bedeutete einen tiefgreifenden Umbruch in ihrem Leben. Lebensrealitäten, Sicherheiten und Identitäten veränderten sich innerhalb kürzester Zeit. Ganze Wirtschaftsstrukturen wandelten sich. Berufswege mussten neu gedacht werden. Existenzen wurden erschüttert und vielfach neu aufgebaut. Je länger ich mich mit diesen Umbrüchen und den Geschichten der Menschen im Osten beschäftigte, desto stärker entstand in mir der Eindruck, dass genau in dieser Erfahrung eine oft unterschätzte Fähigkeit liegt: die Fähigkeit zur Transformation.
Eine gute Freundin aus dem Osten sagte einmal zu mir: „Wir Ostdeutschen sind Migranten im eigenen Land.“ – Dieser Satz erinnert mich an das, was ich viele Jahre später in meiner Forschung über Migration untersuchte. Menschen, die zwischen Welten leben oder tiefgreifende Umbrüche erleben, entwickeln häufig eine besondere Kompetenz: Sie lernen, Unsicherheit auszuhalten, sich neu zu orientieren und durch ihre Lebenserfahrungen und ihr Wissen Möglichkeiten dort zu erkennen, wo andere zunächst vor allem Verlust sehen. In der Entrepreneurship-Forschung sprechen wir von „Opportunity Identification“, der Fähigkeit, in Zeiten von Unsicherheit und Veränderung, genauer gesagt: innerer kognitiver Dissonanz, neue Möglichkeiten wahrzunehmen, um daraus neue Unternehmen und damit Zukunft zu gestalten. Oft entsteht Innovationskraft nämlich genau dort: nicht trotz des Bruchs, sondern durch die Verbindung unterschiedlicher Erfahrungen, Perspektiven und Informationen. Plötzlich erschien mir der Osten in einem anderen Licht. Nicht nur als Region historischer Umbrüche. Sondern als Erfahrungsraum gesellschaftlicher Neuerfindung. Möglicherweise besteht die eigentliche Avantgarde des Ostens genau darin. Nicht im Festhalten an Vergangenem. Sondern in einer bemerkenswerten Fülle an Erfahrungen:
- Der Erfahrung, dass Wandel schmerzhaft sein kann und dennoch Neues entstehen lässt.
- Der Erfahrung, dass Brüche nicht nur Verlust bedeuten, sondern auch die Möglichkeit eröffnen, die eigene Geschichte neu zu verstehen.
- Der Erfahrung, dass Zukunft nicht entsteht, indem Unterschiede verschwinden, sondern dann entsteht, wenn Menschen lernen, mit ihnen zu leben und an ihnen zu wachsen.
Damit entsteht eine besondere Fähigkeit: die Fähigkeit, Wandel zu gestalten. Je länger ich darüber nachdachte, desto häufiger fragte ich mich, ob genau darin eine der am meisten unterschätzten Erfahrungen des Ostens liegen könnte. Nicht als politische Kategorie. Sondern als menschliche Erfahrung von Wandel, Unsicherheit und Neuanfang, die uns in einer Zeit tiefgreifender technologischer, gesellschaftlicher und geopolitischer Umbrüche mehr zu sagen hat, als wir bisher verstanden haben. Gerade darin könnte eine bislang unterschätzte Zukunftskompetenz liegen.
Würdigung von Erfahrungen und Lebenswegen
An der TU Bergakademie Freiberg begegnete ich im Rahmen meines Studiums einem Mathematikprofessor, der mich bis heute tief geprägt hat: Professor Stephan Dempe. Er war kein Mensch großer Inszenierung. Keine laute Persönlichkeit. Keine akademische Eitelkeit. Und doch lag in seiner Art eine außergewöhnliche Präsenz. Ich hatte oft das Gefühl, dass er seine Studenten sehr genau sah. Nicht nur ihre Leistungen, sondern ihr tatsächliches Potenzial. Besonders bewegte mich, dass er sich niemals bedroht zu fühlen schien von Menschen, die ihn eines Tages übertreffen könnten. Im Gegenteil. Gerade jene, in denen er besondere Fähigkeiten erkannte, wollte er fördern. Er wollte ihnen Flügel geben.
Rückblickend erscheint mir genau darin eine Haltung, die ich im Osten häufiger wahrgenommen habe: eine stille Form von Ernsthaftigkeit, Verbindlichkeit und Konzentration auf die Sache selbst. – Nicht Selbstdarstellung, sondern Verantwortung. Nicht permanente Sichtbarkeit, sondern Hingabe. Und womöglich berührte mich das auch deshalb so sehr, weil diese Haltung in einer Zeit wachsender Selbstinszenierung fast ungewöhnlich geworden ist. Aus dieser Beobachtung kam eine weitere Frage hervor: Was geschieht eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn Eigenschaften wie Verbindlichkeit, Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nicht mehr als Stärke wahrgenommen werden? Wenn die Erfahrungen und Leistungen ganzer Lebenswege zwar vorhanden sind, aber nur unzureichend gesehen oder gewürdigt werden? Menschen brauchen nicht nur wirtschaftliche Sicherheit. Sie brauchen auch das Gefühl, mit ihrer Geschichte, ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten sowie ihrem Beitrag Teil eines größeren Ganzen zu sein. Wo dieses Gefühl über lange Zeit verloren geht, entsteht Entfremdung. Nicht immer laut. Oft leise. Menschen ziehen sich innerlich zurück. Vertrauen schwindet. Aus dem Gefühl, nicht gesehen, abgewertet oder gar nihiliert zu werden, entsteht Frustration. Aus Frustration wird Härte, aus Härte wiederum Abgrenzung und aus Abgrenzung Konflikt. Die Fähigkeit, einander zuzuhören und gemeinsame Räume zu gestalten, geht so langsam verloren.
Härte bleibt selten bei sich. Sie sucht Resonanz. Sie sucht Menschen, Erzählungen oder politische Angebote, die den eigenen Schmerz benennen. Genau darin liegt eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Denn Schmerz kann verstanden werden — oder instrumentalisiert werden. Gesellschaftlicher Frieden setzt daher viel früher an, als wir häufig glauben. – Frieden bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Frieden beginnt nicht erst in politischen Verhandlungen, sondern hält dort Einzug, wo Menschen sich mit ihrer Geschichte, ihren Erfahrungen und in ihrer Würde gesehen fühlen — und dadurch die Fähigkeit bewahren, sich selbst und anderen mit Offenheit und Güte zu begegnen. Vor allem aber beginnt Frieden dort, wo Menschen lernen, ihre eigene Geschichte nicht länger als Makel, sondern als Teil ihrer Würde zu begreifen — wo Brüche nicht nur als Verlust, sondern als Quelle von Erfahrung und Reife angenommen werden können und aus der Gestaltungskraft entstehen kann. Erst wenn Menschen den Wert ihrer eigenen Erfahrungen, ihrer kulturellen Wurzeln und ihres Beitrags für das Gemeinwesen wieder erkennen, entsteht etwas, das tiefer reicht als Anerkennung von außen: innerer Frieden. Und aus innerem Frieden erwächst häufig etwas Überraschendes: die Bereitschaft, (wieder) zuzuhören, zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft aktiv mitgestalten zu wollen. Mir erscheint, dass genau hier auch die Verbindung zwischen Herkunft, kultureller Tiefe, innerem Frieden und gesellschaftlicher Erneuerung liegt. Denn Menschen, die ihre Herkunft, ihre Kultur und ihre eigene Geschichte als wertvoll begreifen, gewinnen nicht nur Würde zurück. Sie gewinnen Handlungskraft zurück. Wer sich nicht permanent gegen die eigene Vergangenheit verteidigen muss, kann seine Energie auf die Gestaltung der Zukunft richten. Womöglich ist dies einer der am meisten unterschätzten Zusammenhänge unserer Zeit.
Gesellschaftsressource Kultur
In den vergangenen Jahren wurde viel darüber gesprochen, wie Ostdeutschland wirtschaftlich aufholen, stabiler und attraktiver werden kann. Mich aber beschäftigt zunehmend ein anderer Aspekt: Was geschieht, wenn wir die besonderen Erfahrungen dieser Region nicht länger primär als Defizit, sondern endlich als Ressource betrachten? Was entsteht, wenn Transformationsfähigkeit, Anpassungskompetenz, Improvisationswille und die Erfahrung des Neuanfangs nicht länger als Belastung, sondern als gesellschaftliches Kapital verstanden werden? Meine Forschung bestätigt diese Dynamik. Menschen, die gelernt haben, zwischen unterschiedlichen Welten zu navigieren, entwickeln häufig eine besondere Fähigkeit, neue Möglichkeiten zu erkennen und mit außergewöhnlichen und alternativen Mitteln in die Tat umzusetzen. Nicht trotz ihrer Brüche, sondern gerade durch sie. Vielleicht gilt etwas Ähnliches auch für den Osten. Denn wer gelernt hat, mit Unsicherheit umzugehen, wer erlebt hat, wie schnell vermeintliche Gewissheiten verschwinden können, entwickelt oft einen anderen Blick auf Veränderung. Einen Blick, der nicht nur Risiken sieht, sondern auch Potenziale. Gerade in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche unsere Gesellschaft tiefgreifend verändern, könnte diese Fähigkeit zu einer der wichtigsten Zukunftsressourcen überhaupt werden: Doch diese Fähigkeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Menschen brauchen einen gewissen Grad an innerem Frieden und ein Fundament, aus dem heraus sie sich immer wieder neu erfinden können. Es wäre denkbar, dass genau darin die besondere Bedeutung der kulturellen, wissenschaftlichen und geistigen Tiefe liegt, die ich im Osten immer wieder wahrgenommen habe.
Die Musik Johann Sebastian Bachs. Die Humanität Friedrich Schillers. Die Bildungsideale Alexander von Humboldts. Die wissenschaftliche Neugierde eines Gottfried Wilhelm Leibniz oder Abraham Gottlob Werners. Sie alle verweisen auf etwas, das größer ist als ihre Zeit: die Fähigkeit des Menschen, Sinn zu stiften, Neues zu entdecken, sich weiterzuentwickeln, Verantwortung zu übernehmen und Zukunft schöpferisch zu gestalten. Genau darin könnte die tiefste Ressource einer Gesellschaft liegen. Nicht allein in ihrem Kapital, ihren Technologien oder ihren Institutionen, sondern in den geistigen und kulturellen Quellen, aus denen Menschen Orientierung, Würde und Gestaltungskraft schöpfen. Dieses kulturelle Erbe kann somit ein stabiles Fundament für eine gelingende Transformation bilden. Transformationserfahrungen entfalten ihre größte Kraft aber nicht allein aus dem kulturellen Fundament und durch das Erlebte. Sie entfalten sie dort, wo Erfahrungen integriert werden können, wo Brüche nicht nur als Verlust verstanden werden, sondern Teil einer eigenen und gemeinsamen größeren Geschichte werden, die einem Zukunftspfad dienen. Wo polarisierend-schmerzhafte Erfahrungen und Unterschiedlichkeit nicht länger Zerrissenheit und Schmerz erzeugen, sondern zu einer neuen inneren Harmonie finden.
In seinem Buch „Lebenselixier Schönheit“* beschreibt der Philosoph Christoph Quarch Schönheit als „nichts anderes als Harmonie“ (S. 58). Harmonie meint dabei nicht Gleichförmigkeit oder friedvolles Nebeneinander, sondern die Fähigkeit, Unterschiedliches in eine stimmige Beziehung zueinander zu bringen. Schönheit im Sinne der Harmonie kann laut Quarch nur dann entstehen, „... wenn die vielen, die zu einem Ganzen zusammenstimmen, unterschiedlich oder gar [diametral, Anmerkung der Autorin] gegensätzlich sind; wenn es sich nicht um eine harmonistische, sondern um eine spannungsgeladene Ganzheit handelt.“ (S. 59).
Mir scheint, dass genau darin eine der tiefsten gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit liegt. Denn erst, wenn Erfahrungen, Unterschiede und Widersprüche integriert und in eine harmonische Beziehung, basierend auf ihrem kulturellen Fundament, zueinander gebracht werden können, entstehen Würde, Orientierung und die Kraft, Zukunft zu gestalten. Und möglicherweise liegt genau darin ein weiterer Aspekt der Avantgarde des Ostens. Nicht allein in den Brüchen seiner Geschichte. Sondern in der Verbindung zwischen kulturellem Fundament, unterschiedlichen Positionen und der gelebten Transformationserfahrung. Genau hier entscheidet sich möglicherweise die eigentliche Zukunftsfrage unserer Zeit. Wir erfahren eine zunehmende Polarisierung unserer Gesellschaft. Dennoch können Gesellschaften nicht allein von Konflikten leben. Sie brauchen vielmehr doch eine Vorstellung davon, was sie gemeinsam erschaffen wollen und eine Vision. Eine Vision die größer ist als ihre Ängste, Frustrationen und Wut; größer als ihre Verletzungen; größer als die Geschichten, die sie sich über Jahrzehnte übereinander erzählt haben. Genau deswegen liegt eine weitere Aufgabe unserer Zeit genau nicht darin, Unterschiede zu beseitigen, sondern stattdessen, eine neue Form des Miteinanders zu lernen.
Lebenserfahrungen als Stärke
Wir haben gelernt, Unterschiede zu bewerten, sie in Kategorien einzuordnen und zu kritisieren. Was wir vielfach verlernt haben, ist mit ihnen in Beziehung zu treten. Dabei entsteht Zukunft selten dort, wo Menschen einander nur von einer Wahrheit überzeugen. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sich von den Erfahrungen anderer berühren zu lassen. Wo sie hinter einzelnen Positionen plötzlich Lebenserfahrungen erkennen, hinter Meinungen Biografien sehen und hinter Unterschieden neue Pfade erahnen. Denn erst, wenn wir mit unserer eigenen Geschichte versöhnt sind, entsteht jene innere Ruhe, aus der Offenheit wachsen kann. Aus dieser Offenheit entfaltet sich Neugier, mit der Bereitschaft, zuzuhören und zu lernen. Dann kann in Perspektiven, die nicht die eigenen sind, auch etwas Wertvolles entdeckt werden. Daraus entsteht jener Raum, in dem etwas Neues wachsen kann.
Auch in der Musik bildet sich Harmonie nicht dadurch, dass alle Instrumente denselben Ton spielen. Eine Symphonie hat als Fundament eine bestimmte Tonart und lebt von und entwickelt sich aus Verschiedenheit. Von Spannung. Von Kontrasten. Von Stimmen, die eigenständig bleiben und dennoch etwas größeres Gemeinsames hervorbringen. – Für Gesellschaften könnte dasselbe gelten. Die Zukunft Deutschlands wird nicht dadurch entstehen, dass Ost und West sich entweder diametral gegenüberstehen oder sich komplett einander angleichen. Sie wird dort entstehen, wo wir beginnen, die Unterschiedlichkeit unserer Erfahrungen als gemeinsame Ressource zu verstehen. Nicht als Fehler, die korrigiert werden müssen. Nicht als Rückstände der Vergangenheit. Sondern als Stimmen einer gemeinsamen Komposition, gar einer Symphonie. Die Fähigkeiten Vergangenheit anzunehmen, Unterschiedlichkeit als Ressource zu begreifen und Widersprüche auszuhalten sind letztlich keine politischen Techniken. Sie sind Voraussetzungen für Resonanz, Vertrauen und ein gelingendes Miteinander. Womöglich beginnt Frieden genau dort: Nicht wenn Unterschiede verschwinden, sondern, wenn Menschen lernen, ihnen zuzuhören, auf sie einzugehen und so zu antworten, dass daraus ein harmonisch wachsendes Spiel wird.
Die Erfahrungen unseres Lebens sind mehr als nur Erinnerungen an die Vergangenheit. Sie sind Ressourcen für unsere Zukunft. Sie geben uns die Kraft, unsere Zukunft mit Integrität, Würde und Verantwortung zu gestalten. Genau darin liegt die eigentliche Hoffnung und Stärke unserer Zeit. Hoffnung entwickelt sich nicht dadurch, dass Herausforderungen kleiner werden, sondern dort, wo wir größer werden als unsere Ängste. Die Erfahrungen des Ostens sind dabei nicht nur Teil einer vergangenen Transformation. Sie könnten zu einer besonderen Ressource für die Zukunft werden. Für Deutschland. Für Europa. Denn Frieden entsteht nicht aus Gleichförmigkeit, sondern dort, wo Menschen den Wert ihrer eigenen Geschichte erkennen, die Erfahrungen anderer achten und den Mut finden, daraus gemeinsam eine lebenswerte Zukunft zu gestalten.
Es liegt nahe, dass eine gelingende Gesellschaft darin einer Symphonie ähneln könnte, wenn diametral unterschiedliche, ja vielleicht sogar polarisierende Stimmen lernen, auf Basis einer gemeinsamen Tonart – auf Grundlage unseres gemeinsamen kulturellen Erbes, unserer gemeinsamen Werte und einer gemeinsamen Zukunftsvision – miteinander zu klingen. So entsteht aus diesem Klang, der größer ist als jede einzelne Stimme für sich: die Symphonie unserer gemeinsamen Zukunft.
*Christoph Quarch: „Lebenselixier Schönheit. Was uns rettet“, 2026.
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