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Jägerschnitzel. Der Ost-Ost-Blick #7: Hetze, Hitze, Hetze, Hitze

In Teil sie­ben sei­ner Kolum­ne wid­met sich Juli­an Nej­kow dem aktu­el­len Zustand der ost­deut­schen Gesell­schaft zwi­schen Som­mer­loch und dem bevor­ste­hen­den poli­ti­schen Herbst.

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser

Juli­an Nej­kow, 1988 in Thü­rin­gen gebo­ren, ist Deutsch-Bul­ga­re mit Bin­de­stri­chi­den­ti­tät. Er hat Poli­tik­wis­sen­schaft in Jena und Dres­den stu­diert. Seit 2021 beschäf­tigt er sich ver­stärkt mit Ost­deutsch­land. Er ist einer der Pod­cast-Hosts von „Nach mei­ner Kennt­nis sofort!“ Abbil­dung: Paul Glaser

Das poli­ti­sche Ber­lin steht offi­zi­ell still und dann gibt es wie­der Urlaubs­bil­der, wohin man auch schaut. Still­stand schafft Platz für Geschich­ten. Geschich­ten, die die Medi­en auf­spa­ren für die „ruhi­gen“ Zei­ten. Es sind Geschich­ten über Men­schen, die etwas erreicht haben. Oft sind sie berüh­rend und weni­ger nega­tiv als gewohnt. Doch das Land steht nicht still. Nächs­ter Halt: „Ost­deutsch­land“. In drei Bun­des­län­dern ste­hen Wah­len an: Sach­sen-Anhalt, Meck­len­burg-Vor­pom­mern und auch ein wenig in Ber­lin. Frak­ti­ons­kö­nig Spahn ist weg, weil sein Kind ein „gekauf­tes“ ist. „Kling­beil-Rolex“ und so weiter.

Und dann kommt die „Bild“: Mes­ser, Mes­ser, Mes­ser, Frei­bad und so wei­ter. Click­bait ist das The­ma, die Wahr­heit der Sta­tis­ti­ken ist völ­lig egal. Dass wir 1990 genau­so oft Opfer von Mes­ser­at­ta­cken oder Gewalt­ta­ten wur­den wie heu­te, darf kei­ne Rol­le spie­len. Dass wir in gro­ßer Sicher­heit leben, um die uns weit über 100 Län­der benei­den, wird schnell vergessen.

Die Wahr­heit ist: Was pas­siert da in Sach­sen-Anhalt? Lan­ge Zeit war das AfD-Folk­lo­re. Und jetzt ist Juli und dann ist schon August. Der Wahl­kampf geht los und „Bild“, „Welt“ und „Nius“ fabu­lie­ren über dies und jenes in SA (huch). Im Sep­tem­ber wird es wohl ent­schie­den: Allein­re­gie­rung der AfD? Mög­lich, aber nur die Medi­en kön­nen das ent­schei­den. Ich lese „Bild“ jeden Tag: Mes­ser­at­ta­cken, Frei­ba­dein­schrän­kun­gen oder ein­fach Tram­pen – alles gilt als gefähr­lich. Vor allem in Sach­sen-Anhalt und Meck­len­burg-Vor­pom­mern, weil die Öffis dort kaum fah­ren. Wie soll man sonst von A nach B kom­men? Egal, Mes­ser, Mes­ser und dann?

Angst, was noch? Wut, was noch? Plötz­lich Gewöhnung.

Ende Juli. Der CSD Ber­lin fin­det erst­mals an zwei Tagen statt – eine gro­ße Fei­er. Ein Deutsch-Liba­ne­se rast in eine Men­schen­men­ge. Eine Tote, vie­le Ver­letz­te, fürch­ter­li­che Erinnerungen.

Jetzt reicht es, oder doch noch nicht? Es müs­sen Kon­se­quen­zen fol­gen! Schul­di­ge müs­sen zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den! Ich höre die Rufe: „Abschie­ben, abschie­ben, abschie­ben!“ Doch wohin? Wie soll man zum Bei­spiel mit einem Mann ver­fah­ren, der in Deutsch­land gebo­ren ist? War­um ist Abschie­ben immer die Lösung? Was ist mit Prä­ven­ti­on? Fra­gen über Fragen.

Eigent­lich soll­ten wir das gesell­schaft­lich aus­han­deln. In den „sozia­len“ Netz­wer­ken geht das aller­dings nicht. Ange­facht von jenen, die mit Klicks Geld ver­die­nen, fin­det eine ver­gif­te­te Debat­te statt, bei der die Art und Wei­se, wie ein Gespräch geführt wird, eine grö­ße­re Debat­te anstößt als die Fra­ge, ob ein Gespräch über­haupt noch stattfindet.

Je nach Stand­punkt sind die ver­meint­lich Schul­di­gen schnell gefun­den: die „Alt­par­tei­en“ oder die AfD. Jeden­falls pas­sen immer die Poli­tik und die Aus­län­der. Manch einer macht „die Medi­en“ ver­ant­wort­lich, ande­re „die Wis­sen­schaft“ und bei nicht weni­gen sind es schlicht „die Eliten“.

Doch was, wenn wir gar kein Pro­blem mit Schuld­zu­wei­sun­gen, son­dern mit der Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung haben? Der Komi­ker Jim­my Carr sag­te kürz­lich: „Wenn du bis zum Mit­tag für dein Emp­fin­den mehr als drei Arsch­lö­cher getrof­fen hast, liegt der Ver­dacht nahe, dass du selbst auch eines bist.“ Über­spitzt gesagt sind wir alle ein wenig selbst schuld, der eine mehr, die ande­re weni­ger. Denn aktu­ell ist es so, dass die­je­ni­gen, die stets und stän­dig ihre Rech­te ein­for­dern, ihre Pflich­ten wie selbst­ver­ständ­lich ver­nach­läs­si­gen. Und Rech­te und Pflich­ten haben wir als Bür­ger alle glei­cher­ma­ßen in der Demo­kra­tie. Der Poli­ti­ker, die Jour­na­lis­tin, der Rich­ter, die Poli­zis­tin und zuletzt und uni­ver­sell der Bürger.

Viel­leicht ist es die Art und Wei­se, wie wir an die gro­ßen gesell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen in Zukunft ran­ge­hen soll­ten. Oder wir schrei­en uns wei­ter­hin gegen­sei­tig an und ste­chen uns vir­tu­ell und real ab. Mal wie­der hat jeder selbst die Wahl. Doch ich will und kann es nicht mehr hören, dass immer die ande­ren schuld sind.

 

BUCHTIPP:

Juli­an Nej­kow: „Höl­len­jah­re – von jetzt auf gleich”, epu­b­li, Ber­lin 2024, 336 Sei­ten, 19,90 € (Soft­co­ver).

Mehr Infor­ma­tio­nen unter Ölbart.de.

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