Tom Waurig, Sozialunternehmer, politischer Bildner sowie Gründer und Chefredakteur des Veto Magazins, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Tom Waurig, Sozialunternehmer, politischer Bildner, Gründer und Chefredakteur Veto Magazin. Abbildung: Benjamin Jenak
Mai 2017: Mehr als 1.000 Fans des sächsischen Fußballklubs Dynamo Dresden machen sich auf den Weg nach Karlsruhe. Es ist das vorletzte Spiel der damaligen Zweitligasaison. Stunden später werden alle großen Nachrichtenportale darüber berichten – weniger über das Spiel, das Dynamo mit 4:3 für sich entscheidet, als vielmehr über das Drumherum: Randale, Plünderungen, verletzte Polizeikräfte und eine „Kriegserklärung“ an den DFB. In Karlsruhe eskalierte die jahrelange Fehde um die Kommerzialisierung des Sports zwischen dem Verband und den Fans vieler Traditionsklubs – angeführt von den Ultras von Dynamo Dresden.
Ich war damals dabei, besaß ein paar Jahre eine Dauerkarte für alle Heimspiele. Bis zur Pandemie war das Fansein mein Hobby. Es war ein Erleben von Gemeinschaft. Beim Fanmarsch zum Stadion in Karlsruhe hatte ich mich am Ende eingereiht, vom Geschehen ganz vorne bekam ich nichts mit. Ich erfuhr später aus den Medienberichten davon.
An was ich mich noch gut erinnere, das ist ein Fangesang, den ich damals nach vielen Jahren im Stadion zum allerersten Mal hörte: „Ost, Ost, Ostdeutschland!“ Die Massen im Auswärtsblock bewegten sich seitlich zum Spielfeld, legten die Hände auf die Schulter der Person vor ihnen und marschierten in den Reihen der Tribüne auf und ab. Ich drängte mich an den Rand, schaute dem Treiben zu, fühlte mich unwohl. Nicht wegen der Kritik am DFB oder den Shirts im Military-Look, sondern wegen des Gesangs. Ich konnte mich damit nicht identifizieren, wie ich es auch mit anderen Parolen nie konnte: „Ihr seid Wessis, a***** Wessis!“ Rivalität im Fußball, ja, die gibt es und sie bewegt sich oft entlang von Grenzen, aber auf diese Art und Weise, das ist mir fremd.
Was es braucht, ist gemeinsame Identifikation. Lasst uns dem Osten zujubeln und Fans sein: Demokratie-Ultras.”
Ein ständiges Unwohlsein
Ich bin im Januar 1990 in Görlitz geboren, habe ein geteiltes Deutschland nie erleben müssen. Teile meiner Familie leben im Westen, den Osten habe ich nie verlassen. Sachsen fühle ich mich irgendwie verbunden. Vielleicht ist es auch eher eine Verpflichtung, progressive Ideen genau hier zu verbreiten und nicht zu kapitulieren.
Denke ich an Ostdeutschland, denke ich an die Bilder von den rechtsextremen Ausschreitungen vor einer Geflüchtetenunterkunft in Heidenau, an Pegida, an Neonazi-Aufmärsche am 13. Februar in Dresden. Zehn Jahre lang habe ich für eine Anti-Rechts-Initiative gearbeitet, diese Bilder haben mich geprägt. Später dann die permanenten Erklärungsversuche immer neuer AfD-Wahlerfolge und das ständige Unwohlsein damit. Die „ostdeutsche Seele“ zu erklären, das wird medial immer wieder versucht – und meist bleibt es oberflächlich.
Ich selbst bewege mich in einer gesellschaftlichen Blase. Mit Menschen, die AfD wählen oder mit der rechtsextremen Partei sympathisieren, habe ich privat nicht wirklich zu tun. Dafür aber mit den Menschen, die gegenhalten, die Hoffnung geben, die einen anderen Osten prägen.

Anna Schmidt gibt in Dresden Kurse in Brazilian Jiu-Jitsu – und nur Frauen haben Zutritt. Abbildung: Karla Schröder
Das ist der andere Osten
Denke ich an Ostdeutschland, dann denke ich an die vielen Engagierten, die sich Nazis in den Weg stellen und die sich trotz aller Widerstände um ein positives Bild vom Osten bemühen, die streiten, die bleiben, die gestalten. Ihnen gebe ich mit dem Veto Magazin seit Jahren eine mediale Bühne, um die mutigen Geschichten zu erzählen und zu verbreiten – zehn Beispiele:
Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt: durchschnittlich kleinstädtisch. Im April 2025 hielt Max auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt eine Rede bei der montäglichen Querdenken-Demo. Er sei nicht hier, um zu gefallen, spricht er ins Mikrofon, sondern als Antifaschist. Das Video mit der Rede des 16-jährigen Schülers zählt heute bald eine halbe Million Aufrufe. Sein Leben hat sich seitdem verändert. Seine Mutter sorgt sich um ihn. Max aber hat eine klare Mission. Bis zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im September 2026 möchte er alles tun, um gegen die rechtsextreme AfD zu mobilisieren.
Anna Schmidt will sich nicht mit der Erzählung abfinden, „dass Männer Kämpfer sind und Frauen nicht“. Also gibt sie in Dresden Kurse in Brazilian Jiu-Jitsu – und nur FLINTA* haben Zutritt. Auch Schmidt hat auf der Matte negative Erfahrungen mit Männern gemacht. Sie erzählt von denen, die sie unterschätzt haben und nicht richtig mit ihr kämpfen wollten, weil sie eine Frau ist. Gleichzeitig reagierten Männer oft mit der immer gleichen Frage, wenn sie von ihrer Kampfsportleidenschaft erzählt: „Oh, muss ich da Angst haben vor dir?“ Und ihre Antwort ist jedes Mal die gleiche: „Ja!“
Der 13. Februar ist der wohl am stärksten umkämpfte Gedenktag im Land. Rechtsextreme nutzten ihn seit Ende der 1990er-Jahre für ihre eigenen Zwecke. 2010 wurden die Aufzüge schließlich durch Sitzblockaden gestoppt. Seit zehn Jahren bringt sich Rita Kunert in Bündnissen ein, um ein differenziertes Bild von der Bombardierung Dresdens zu zeichnen. Kunert habe vergleichsweise spät zum Aktivismus gefunden. Als die Kinder aus dem Haus waren, fand sie Zeit und sieht sich als Bindeglied zum Bildungsbürgertum: „Ich bin einfach älter, erreiche andere Menschen.“
Was passiert, wenn Kultur nicht nur auf Bühnen spielt, sondern alltäglich wird? Anica Happich sucht im Theater Antworten auf die gesellschaftliche Spaltung. Mit ihren Kulturangeboten geht sie in Erfurts Plattenbauviertel und sucht auch den Dialog mit Menschen, die AfD wählen. Und das ausgerechnet in Thüringen. Dort also, wo Rechts-sein Alltag ist. Wenn Happich öffentliche Räume bespielt, ist das immer auch ein politischer Akt. Theater versteht sie als eine Praxis, die Haltung und Antworten verlangt – auch auf unbequeme Fragen: Mit wem reden wir denn noch?
Wie eine Oase glitzert der Kashay Salon im düster verregneten Dresdner Industriegelände. Discokugeln und bunte Lichter strahlen durch die Nacht. Teppiche und Tücher hängen am zweistöckigen Backsteingebäude, Wimpelketten sind quer über den Hof gespannt. Ein paar Stunden zuvor hat Rakans noch Dutzende Luftballons aufgepustet, die jetzt unkontrolliert über die Tanzfläche schweben. Für diesen Abend hat das von Rakans gegründete Kollektiv Rawmantique den Club gebucht. Das bedeutet: es wird queer, sexpositiv und ausgelassen.

Jessy James LaFleur geht aufs Land und streitet genau dort für ein anderes Narrativ vom „Osten“. Abbildung: Karla Schröder
#Baseballschlägerjahre
Ocean Hale ist in Döbeln geboren, aufgewachsen und – immer noch da. Im Gegensatz zu vielen befreundeten Menschen. Es gab einen Grund, in Sachsen zu bleiben: den Verein Treibhaus. Das soziokulturelle Zentrum wurde bereits im frühen Teenageralter zu einem zweiten Zuhause, erzählt er. „Mir war früh klar, dass ich mich politisch engagieren wollte und hier ging das. Viele Kleinstädte im Hinterland haben so einen Anker gar nicht. Das ist wirklich ein Halt für progressive Kräfte in der Region.“ Doch dieser kontinuierliche Einsatz geht auch an die Substanz.
Der #Hashtag Baseballschlägerjahre zeigt, wie Neonazis in den 90ern den ostdeutschen Alltag dominierten. Auch Doro Schneider hat Drohungen erlebt – und engagiert sich seitdem im Dreiländereck. Es gibt Momente, in denen sie sich fragt, warum sie sich das eigentlich alles antut. Mit vier Kindern, davon zwei Teenager, wäre ihr Tag schon gut ausgefüllt. Und doch investiert Schneider Zeit in ein Ehrenamt. Viel Zeit, seit gut 18 Jahren inzwischen. „Ich möchte, dass meine Kinder in einer ordentlichen Welt leben. Und ich will meinen Teil dazu beitragen.“
Ein lauter, dumpfer Schlag hallt durch den Raum. Der großgewachsene Kämpfer zerrt am Bund seiner Baumwolljacke. In Neubrandenburg hat Sunny ein linkes Kampfsportstudio aufgebaut. Vor mehr als zehn Jahren zog er aus dem Wendland in die mecklenburgische Kleinstadt. Sich mit den Kumpels im Keller raufen, das habe ihm schon immer gefallen, erzählt er. Nach seinem Umzug in den Osten sind schließlich auch die Anfeindungen von Rechtsaußen mehr geworden: „Ich bin oft genug von Faschos verprügelt worden und wollte mich einfach auch verteidigen können.“
Jessy James LaFleur macht das, was die demokratischen Parteien zu lange schon versäumt haben: Sie geht aufs Land. An Orte, die anfällig sind für rechte Parolen und völkische Gedanken. Knapp 142 km von Berlin entfernt liegt die Oberlausitz. 67 Prozent der Region gehören zu Sachsen, 30 Prozent zu Polen und drei Prozent zu Brandenburg. „Wo Öffis kaum vorhanden sind, wo Frustration sich stetig aufbäumt und Wälder für Kohle verschwinden, wo Menschen sich ungehört und abgehangen fühlen.“ So beschreibt Jessy James LaFleur den Landstrich. Genau hier streitet sie für ein anderes Narrativ vom „Osten“.
Ostritz: eine unscheinbare ostsächsische Gemeinde, gelegen zwischen Zittau und Görlitz. 2.000 Menschen leben hier entlang der Grenze zu Polen. Tourismusmagnet ist ein Kloster aus dem 13. Jahrhundert, ein weitläufiges Gelände, das idyllisch an der Neiße liegt. Ungewollt ist Ostritz durch Neonazi-Events bekannt geworden. Josefine Johne und Bastien Eifler stellen sich gegen dieses mediale Bild ihrer Heimat und schaffen mit einem „Alternativen Zentrum“ kreative Freiräume. Denn sie wissen nur zu gut: „Freizeitangebote waren schon immer Mangelware in Ostritz.“

Neonazis tummeln sich im Kampfsport. In Neubrandenburg ist ein linker Gegenentwurf entstanden. Abbildung: Benjamin Jenak
Ostdeutschland zujubeln
Ich bewundere diese Menschen für ihren Einsatz, dafür, dass sie für Veränderung etwas riskieren. Ohne sie wäre im Osten vieles sehr viel düsterer. Wenn wir uns zusammentun, scheint also vieles möglich. Das habe ich oft auch im Stadion erlebt: dass ein kollektiver Rausch Gutes schafft. Was ich von den vielen Besuchen mitnehme, das ist die Erkenntnis, dass eine Verbundenheit auch unter Unbekannten entstehen kann, sobald uns die Hingabe für dieselbe Sache eint. Was es dafür braucht, ist gemeinsame Identifikation. Lasst uns dem Osten zujubeln und gemeinsam Fans sein: Demokratie-Ultras. Schließlich waren es auch die medial so oft gescholtenen Fangruppierungen, die dafür gesorgt haben, dass der weitverbreitete Rassismus der 90er-Jahre in den Stadien ein Randphänomen geworden ist. Weil Ultras Auseinandersetzungen mit Rechtsextremen um die Deutungshoheit geführt und an vielen Orten auch für sich entschieden haben.

Im sächsischen Ostritz schaffen Engagierte Freiräume und so ein anderes Bild ihrer Heimat. Abbildung: Benjamin Jenak
Tom Waurig
GEBOREN: 1990/Görlitz
WOHNORT (aktuell): Dresden
MEIN BUCHTIPP: Jakob Springfeld: „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“, 2025
MEIN FILMTIPP: „Im Osten was Neues“, 2025
MEIN URLAUBSTIPP: Alte Spitzenfabrik in Grimma
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




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