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Jägerschnitzel. Der Ost-Ost-Blick #10: Herbstnebel

In Teil zehn sei­ner Kolum­ne wirft Juli­an Nej­kow einen Blick auf die Ergeb­nis­se der Land­tags­wah­len in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin. Er regis­triert eine Poli­tik, die immer mehr auf Sicht fährt anstatt ent­schlos­sen zu handeln.

Julian Nejkow, 1988 in Thüringen geboren, ist Deutsch-Bulgare mit Bindestrichidentität. Er hat Politikwissenschaft in Jena und Dresden studiert. Seit 2021 beschäftigt er sich verstärkt mit Ostdeutschland. Abbildung: Paul Glaser

Juli­an Nej­kow, 1988 in Thü­rin­gen gebo­ren, ist Deutsch-Bul­ga­re mit Bin­de­stri­chi­den­ti­tät. Er hat Poli­tik­wis­sen­schaft in Jena und Dres­den stu­diert. Seit 2021 beschäf­tigt er sich ver­stärkt mit Ost­deutsch­land. Abbil­dung: Paul Glaser

Der Deut­sche Wet­ter­dienst (DWD) sag­te für ges­tern und heu­te dich­ten Nebel vor­aus. Das erin­nert mich unwei­ger­lich an ein Gedicht. Es war das ein­zi­ge Gedicht, das ich einst halb­wegs feh­ler­frei vor­tra­gen konn­te: der „Erl­kö­nig“.

 

Wer rei­tet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit sei­nem bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Kind;

Er hat den Kna­ben so halb noch im Arm,

Er fasst ihn nicht sicher, er hält ihn lauwarm.

 

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –

Siehst, Vater, du den Popu­lis­mus nicht?

Den Popu­lis­mus mit Kron’ und Schweif? –

Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

 

„Du lie­bes Kind, komm, geh mit mir!

Gar schö­ne Spie­le spiel’ ich mit dir;

Manch’ Wahl­ver­spre­chen sind an dem Strand,

Mei­ne Ver­spre­chen hüll ich in manch gül­den Gewand.“ –

 

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,

Was der Popu­lis­mus mir lei­se verspricht? –

Sei ruhig, blei­be ruhig, mein Kind;

In dür­ren Blät­tern säu­selt der Wind. –

 

„Willst, fei­ner Kna­be, du mit mir gehn?

Mei­ne Töch­ter und Söh­ne dir die Augen ver­blen­den schön?

Dir alles ver­spre­chen und nichts davon hal­ten oder alles zu Tode verwalten?“

 

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort

Popu­lis­mus Töch­ter und Söh­ne am düs­tern Ort? –

Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:

Es schei­nen die alten Wei­den so grau. –

 

„Ich lie­be dich, mich reizt dei­ne schö­ne Gestalt;

Und bist du nicht wil­lig, so brauch’ ich Gewalt.“ –

Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!

Popu­lis­mus hat mir ein Leids getan! –

 

Dem Vater grauset’s; er rei­tet geschwind,

Er hält in Armen das äch­zen­de bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Kind,

Erreicht den Reichs­tag mit Mühe und Not;

In sei­nen Armen das Kind war tot.

 

Johann Wolf­gang von Goe­the, ver­zei­hen Sie mir. Mei­ne etwas eige­ne Inter­pre­ta­ti­on Ihrer Bal­la­de ist eigen­tüm­lich. Ich gebe zu, Gedicht­in­ter­pre­ta­ti­on ist wahr­lich nie mei­ne Stär­ke gewe­sen. Viel­mehr ist es die Ana­ly­se, bei der ich soli­de war und bin. Doch ich bin mit mei­nem Latein am Ende.

Wie­der ein­mal habe ich die letz­ten zwei Tage kaum eine Bericht­erstat­tung zu den Wah­len in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin ver­passt. Zuwei­len frag­te ich mich: Reden wir vom glei­chen Sach­ver­halt? Da tritt ein Kanz­ler nach einer Pro­gno­se vor die Pres­se und ver­kün­det ein statt­ge­fun­de­nes Desas­ter, um danach klar­zu­ma­chen, dass im Prin­zip alles bleibt, wie es ist. Bei der Wahl­par­ty der Lin­ken, die einen ful­mi­nan­ten Sieg in Ber­lin ein­fuhr, tum­mel­te sich das „Who is who“ der Ber­li­ner Unter­welt. In Meck­len­burg-Vor­pom­mern ver­kün­de­te Minis­ter­prä­si­den­tin Manue­la Schwe­sig einen Wahl­sieg, wäh­rend die CDU ihre Kof­fer pack­te und aus dem Land­tag flog. Die einen spre­chen von einem Sieg, obwohl sie vier Pro­zent ver­lo­ren haben, die ande­ren, die 21 Pro­zent gewon­nen haben, wur­den im Ver­gleich zu 2021 stärks­te Kraft und füh­len sich trotz­dem wie Verlierer.

Ver­rück­te Politikwelt.

Doch damit nicht genug. Wird die Ber­li­ner CDU unter ihrem Spit­zen­kan­di­da­ten nach einer Wahl­nie­der­la­ge mehr denn je gebraucht? Ist das so? Man könn­te mei­nen, ich berich­te hier von einem sati­ri­schen Thea­ter­stück, doch dem ist nicht so. Wie­der ein­mal hat der Wäh­ler gelie­fert. Die Wahl­be­tei­li­gung war his­to­risch hoch, doch es ent­steht der drin­gen­de Ver­dacht, eini­gen Gewähl­ten wäre es lie­ber gewe­sen, die Wäh­ler wären zu Hau­se auf dem Sofa geblie­ben. „Was die für einen Scheiß zusam­men­wäh­len“, ist von einem Amts­trä­ger der CDU unter vor­ge­hal­te­ner Hand zu hören.

Die Bot­schaft der Wäh­ler wird nicht gehört, nicht ver­stan­den und am ehes­ten igno­riert. Denn am Ende bleibt doch irgend­wie alles, wie es ist – das ist die Iro­nie der Gescheh­nis­se. Schwe­sig wursch­telt sich mit Rot-Rot-Grün durch. Ber­lin wird dem­nächst von „Kenia“ oder „Trans­nis­tri­en“ regiert, SPD und Grü­ne kön­nen vor Lachen kaum noch schla­fen. Bei­de ver­lie­ren bei den Wah­len, sind aber trotz­dem dabei. Sie sind die Sie­ger der Her­zen, die Zweit­plat­zier­ten oder die Dritt­plat­zier­ten. Die Poli­tik hat es ver­stan­den, nur spricht sie ganz offen­sicht­lich eine Spra­che, die selbst wohl­wol­len­de Bür­ger nicht mehr verstehen.

So siegt der Popu­lis­mus – nicht nur in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin. Ver­ges­sen wir nicht die Situa­ti­on in Sach­sen-Anhalt, Thü­rin­gen, Sach­sen und Bran­den­burg. Es sind zum Teil absur­de Kon­stel­la­tio­nen, die dann von der Poli­tik in Fach­spra­che zurecht­ar­gu­men­tiert wer­den. Das Poli­tik-Estab­lish­ment scheint anzu­neh­men, dass der Wäh­ler es nicht merkt. Dem ist jedoch nicht so. Die Poli­tik gibt sich jetzt ent­schlos­sen. Sie haben die rich­ti­gen Ant­wor­ten auf die fal­schen Fra­gen. Sie sto­chern im Nebel und fah­ren auf Sicht. Immer nach dem Mot­to: Die nächs­te Wahl kommt bestimmt – oder wir kön­nen es nicht und machen es trotzdem.

Na dann vol­le Fahrt voraus.

BUCHTIPP:

 

Juli­an Nej­kow: „Höl­len­jah­re – von jetzt auf gleich”, epu­b­li, Ber­lin 2024, 336 Sei­ten, 19,90 € (Soft­co­ver).

Mehr Infor­ma­tio­nen unter ölbart.de.

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