Der Eisenacher Bürgerrechtler Ralf-Uwe Beck beschäftigt sich in seinem Buch mit Möglichkeiten direkter Demokratie in Deutschland. Auf diesem Feld ist er Experte. Wir haben den „Essay aus ostdeutscher Perspektive“ gelesen.
| BUCHTIPP:
Ralf-Uwe Beck: „Souverän – Plädoyer für mehr direkte Demokratie“, Oekom-Verlag, München 2026, 240 Seiten, 22 €. |
Beck zeigt anhand eigener Erfahrungen, wie der Kampf für direkte Demokratie funktionieren kann. Gemeinsam mit anderen initiierte er das Volksbegehren „Mehr Demokratie in Thüringen“. Dafür wurden im Jahr 2000 innerhalb von vier Monaten 387.469 Unterschriften gesammelt. Bis die Thüringer Landesregierung das Volksbegehren zuließ, waren jedoch mehrere Anläufe notwendig. Um die Unterschriftensammlung erfolgreich umzusetzen, mussten Beck und seine Unterstützer innerhalb von elf Tagen eine Million Unterschriftsbögen drucken und an Aktionskreise im gesamten Bundesland verteilen. Am Ende gelang es den Initiatoren, die erforderlichen 280.000 Stimmen deutlich zu übertreffen und den Nachweis bei der Landesregierung einzureichen.
Der Autor macht auf einen wenig bekannten Umstand aufmerksam: Die Einführung direkter Demokratie auf Bundesebene sei in den vergangenen 36 Jahren gleich zweimal greifbar nah gewesen – 1990 und 2013. Im Jahr 1990 gehörte die direkte Demokratie zu den wichtigsten Forderungen der ostdeutschen Vertreter am „Runden Tisch“. Sie hatten die Idee, eine gemeinsame Verfassung für Ost- und Westdeutschland zu erarbeiten und anschließend darüber abstimmen zu lassen. Dies sollte dazu beitragen, dass sich das deutsche Volk auch verfassungsrechtlich wiedervereint. Noch im Juni 1990 sprach sich der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse für eine Volksabstimmung über eine gesamtdeutsche Verfassung aus. Beck zufolge scheiterte dieses Vorhaben jedoch am Widerstand von CDU/CSU und dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble. Die westdeutsche Seite lehnte eine neue Verfassung ab. Beim Aushandeln des Einigungsvertrags sahen Schäuble und Kohl laut Beck keinen Mehrwert darin, da sie das Grundgesetz für ausreichend hielten.
Einen weiteren Versuch gab es 2013. Die SPD machte die Einführung direkter Demokratie zu einem Wahlkampfthema. Ihr Vorschlag sah ein fakultatives Referendum nach Schweizer Vorbild vor, mit dem Bürger beschlossene Gesetze überprüfen können. Die Idee sei aber während der Koalitionsverhandlungen von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel gegenüber dem SPD-Verhandlungsführer Sigmar Gabriel abgelehnt worden.
Seit dem Brexit-Referendum in Großbritannien 2016 haben sich CDU/CSU, SPD und Grüne dem Autor zufolge zunehmend von der Einführung direkter Demokratie auf Bundesebene distanziert. Als Begründung dienten häufig der Ausgang jenes Referendums und dessen Folgen.
Beck erläutert die Haltung der verschiedenen Parteien zur direkten Demokratie. Die Grünen etwa galten lange als starke Befürworter, hätten sich aber in den vergangenen Jahren von dieser Position entfernt. Im Hinblick auf die AfD beschreibt Beck, dass diese die Volksbefragungen einführen wolle, um sie gegen die parlamentarische Demokratie einzusetzen und diese letztlich abzuschaffen. Dies widerspreche jedoch dem eigentlichen Zweck direkter Demokratie. Beck versteht diese als Ergänzung und Unterstützung der parlamentarischen Demokratie, nicht als deren Gegnerin. Deshalb hält er es für gefährlich, dass CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP das Thema zunehmend der AfD überlassen.
Im weiteren Verlauf des Buches stellt Beck verschiedene Formen direkter Demokratie in anderen Ländern vor. Ein Beispiel ist die „Citizens Assembly“ in Irland. Dort wurden 2016 Bürgerräte ausgelost, um scheinbar unlösbare politische Fragen zu diskutieren und Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Anschließend wurde über die Ergebnisse in einer Volksbefragung abgestimmt. Ein weiteres Beispiel ist das fakultative Referendum in der Schweiz. Bürgerinnen und Bürger haben dort 100 Tage Zeit, Einspruch gegen ein vom Parlament beschlossenes Gesetz einzulegen. Dafür müssen 50.000 Unterschriften gesammelt werden. Wird diese Zahl erreicht, entscheidet die Bevölkerung in einer Volksabstimmung über die Einführung des Gesetzes. Beck schlägt vor, bei Volksbefragungen drei Varianten zur Auswahl zu stellen: einen Vorschlag des Parlaments, einen Vorschlag aus der Bevölkerung sowie eine Kompromisslösung, die von Bürgerräten erarbeitet wird.
Insgesamt gelingt es Beck überzeugend darzustellen, warum Volksbefragungen auf Bundesebene für die politische Entwicklung Deutschlands vorteilhaft sein könnten. Er widerspricht der Befürchtung, dass mehr direkte Demokratie dem Parlamentarismus schade und argumentiert stattdessen, dass sie diesen stärken könne. Zudem macht er deutlich, dass direkte Demokratie eine Möglichkeit bietet, verloren gegangenes Vertrauen in die Politik zurückzugewinnen. Das Buch vermittelt einen guten Überblick über das Thema und trägt dazu bei, die Debatte um direkte Demokratie besser zu verstehen.





























