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Buchvorstellung: „Weimar“. Katja Heuer über Glanz und Grauen der Goethestadt

Wei­mar zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts: die Stadt, nach der die ers­te par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie Deutsch­lands benannt wur­de – und zugleich der Ort, von dem die NSDAP ihren poli­ti­schen Auf­stieg begann. His­to­ri­ke­rin Kat­ja Hoyer erzählt die Epo­che anhand ver­schie­de­ner Lebensgeschichten

BUCHTIPP:

Das Cover von Katja Hoyers Buch, Weimar

Kat­ja Hoyer: „Wei­mar – Glanz und Grau­en der deut­schen Geschich­te“, Hoff­mann und Cam­pe Ver­lag, Ham­burg 2026, 592 Sei­ten, 28 € (Hard­co­ver mit Bildern).

Zu den Prot­ago­nis­ten des Buches gehö­ren der Buch­bin­der Carl Wei­rich, der nach Wei­mar zieht, um sich eine Exis­tenz auf­zu­bau­en, sowie das Ehe­paar Rosa und Arthur Schmidt, das mit dem „Hotel Hohen­zol­lern“ erfolg­reich sein möch­te. Wei­te­re zen­tra­le Figu­ren sind Fried­rich Nietz­sches Schwes­ter Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche, die des­sen Nach­lass ver­wal­tet und der deutsch-bri­ti­sche Diplo­mat Har­ry Graf Kessler.

Hoyer beginnt ihre Erzäh­lung 1914 und beschreibt anhand ihrer Prot­ago­nis­ten die Aus­wir­kun­gen des Ers­ten Welt­kriegs auf die Bevöl­ke­rung Wei­mars. Anschlie­ßend schil­dert sie die schwie­ri­ge Ent­ste­hung der Wei­ma­rer Repu­blik. Die Natio­nal­ver­samm­lung tag­te 1919 wegen poli­ti­scher Unru­hen zunächst in Wei­mar und blieb bis August dort. Hoyer zeigt die Insta­bi­li­tät der jun­gen Demo­kra­tie am Bei­spiel der Kämp­fe zwi­schen dem bür­ger­li­chen und dem lin­ken Lager wäh­rend des Kapp-Put­sches. Auch die Fol­gen des Ver­sailler Ver­trags wer­den deut­lich: Har­ry Graf Kess­ler erlebt, wie zur Ermor­dung des Unter­zeich­ners Mat­thi­as Erz­ber­ger auf­ge­ru­fen wird. Erz­ber­ger floh aus Wei­mar und wur­de 1921 tat­säch­lich ermordet.

Einen wei­te­ren Schwer­punkt legt Hoyer auf den poli­ti­schen Auf­stieg der NSDAP in Thü­rin­gen. Nach der Land­tags­wahl im Jahr 1924 war Thü­rin­gen das ein­zi­ge Land, das das Ver­bot der Par­tei auf­hob. Damit wur­de Thü­rin­gen zu ihrem wich­tigs­ten Expe­ri­men­tier­feld. Adolf Hit­ler besuch­te Wei­mar regel­mä­ßig und über­nach­te­te gemein­sam mit ande­ren Par­tei­funk­tio­nä­ren im Hotel Hohen­zol­lern des Ehe­paars Schmidt. Obwohl Rosa und Arthur Schmidt die Gefahr der Natio­nal­so­zia­lis­ten erkann­ten, über­wo­gen für sie zunächst die wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le. Mit der Zeit gelang es den Nazis, in Thü­rin­gen immer mehr Fuß zu fas­sen. Am Wochen­en­de des 3. und 4. Juli 1926 ver­an­stal­te­ten sie in Wei­mar den ers­ten Reichs­par­tei­tag seit Auf­he­bung ihres Par­tei­en­ver­bots. Dabei wur­de unter ande­rem das Haken­kreuz im Lor­beer­kranz als Erken­nungs­zei­chen für NS-Publi­ka­tio­nen fest­ge­legt. Zudem begrüß­te Hit­ler sei­ne Anhän­ger erst­mals mit dem „Hit­ler­gruß“ und die NSDAP beschloss die Grün­dung der Hit­ler­ju­gend als Jugendorganisation.

Ende der 1920er-Jah­re bau­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten ihren Ein­fluss wei­ter aus. Eli­sa­beth Förs­ter-Nietz­sche bewun­der­te Beni­to Mus­so­li­ni und hoff­te auf eine ähn­li­che Füh­rungs­fi­gur für Deutsch­land. Ihr Freund Har­ry Graf Kess­ler lehn­te die­se Hal­tung ent­schie­den ab. Nach dem Wahl­er­folg der NSDAP bei den Thü­rin­ger Par­la­ments­wah­len im Dezem­ber 1929 wur­de Wil­helm Frick Minis­ter und nutz­te Thü­rin­gen, um die NS-Ideo­lo­gie in Ver­wal­tung und Kul­tur zu ver­an­kern. Er besetz­te Ämter mit Par­tei­an­hän­gern und schaff­te es, poli­ti­sche Geg­ner aus öffent­li­chen Ämtern zu ent­fer­nen. Förs­ter-Nietz­sche arran­gier­te sich mit Frick und der NSDAP, um ihre Posi­ti­on in der Kul­tur­land­schaft Wei­mar zu behal­ten. Gleich­zei­tig zeigt Hoyer am Bei­spiel von Carl Wei­rich, wie wirt­schaft­li­che Not einen zuvor unpo­li­ti­schen Buch­bin­der für die Paro­len der Natio­nal­so­zia­lis­ten emp­fäng­lich machen konnte.

Mit der Macht­er­grei­fung im Jahr 1933 ver­än­dern sich die Lebens­we­ge der Prot­ago­nis­ten grund­le­gend. Carl Wei­rich arran­giert sich zunächst mit dem Regime, wird aber mit Beginn des Krie­ges zu einem Kri­ti­ker. Rosa und Arthur Schmidt ver­su­chen, Rosas jüdi­sche Her­kunft zu ver­ber­gen, um ihre Fami­lie zu schützen.

Über die Inten­ti­on ihres Buches spricht Hoyer im Pod­cast „Zeit­rei­se“ des Bild-Jour­na­lis­ten Filip Pia­tov. Sie sagt, dass Erzäh­lun­gen über den Auf­stieg des Natio­nal­so­zia­lis­mus in ihren Augen oft ver­kürzt dar­ge­stellt wer­den: „Ich fand es sinn­voll, noch­mal in die­se Zeit zurück­zu­schau­en, obwohl schon viel dar­über berich­tet wur­de, weil ich einen mensch­li­che­ren und klein­tei­li­ge­ren Ansatz fin­den woll­te. Ich woll­te mir einen spe­zi­el­len Ort und eine spe­zi­el­le Grup­pe von Men­schen aus­su­chen, an denen man die Ver­hält­nis­se von damals nach­voll­zie­hen und ver­ste­hen kann, was die Men­schen damals antrieb so zu han­deln, wie sie gehan­delt haben.“

Die­ser „mensch­li­che­re Ansatz“ gelingt der Autorin. Anhand unter­schied­li­cher Bio­gra­fien, zahl­rei­cher Tage­buch­aus­zü­ge und schrift­li­cher Quel­len erweckt sie die Geschich­te zum Leben und macht sie nach­voll­zieh­bar. Das Buch zeigt ein­drucks­voll, wie sich eine Demo­kra­tie inner­halb weni­ger Jah­re in eine Dik­ta­tur ver­wan­deln kann.

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