Durch die Auswirkungen des Beitritts der DDR zur BRD haben die Ostdeutschen ein kollektives Trauma erlitten. Die Traumatherapeutin Dr. Grit Ludwig arbeitet diesen Befund derzeit auf. In ihrem Beitrag beschreibt sie die psychischen Folgen der Umbruchzeit.

Dr. Grit Ludwig, geboren 1975 nahe Zwickau, ist studierte Juristin. Seit 2020 arbeitet sie als selbstständige Heilpraktikerin für Psychotherapie, Systemische Beraterin und Familiensystemaufstellerin. gritludwig.de. Abbildung: Dr. Grit Ludwig.
Die Fakten sind bekannt. Ostdeutsche sind ärmer und in den Eliten weniger präsent als Westdeutsche. Oft wird ihnen nachgesagt, sie hätten die Demokratie noch nicht verinnerlicht und sehnten sich nach der Diktatur zurück. Doch was sind die tieferen Ursachen dafür? Als Traumatherapeutin befasse ich mich immer wieder mit den psychischen Auswirkungen des Beitritts der DDR zur BRD am 3. Oktober 1990. Ich vertrete die These, dass die Ostdeutschen Anfang der 1990er-Jahre ein kollektives Trauma erlitten haben.
Was damals in Ostdeutschland passierte, ist bekannt: De-Industrialisierung, massiver Ab- und Umbau von Arbeitsplätzen, Massenwegzug, Anpassungsdruck an importierte gesellschaftliche Regeln sowie Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit in allen Bevölkerungsschichten bis hin zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen. Wie groß die sozialen Verwerfungen und die Unsicherheit waren, bezeugt die Geburtenrate: Die Zahl der Geburten pro Frau ist auf dem Gebiet Ostdeutschlands von 1,52 im Jahr 1990 auf 0,77 im Jahr 1994 zurückgegangen. Einen solchen extremen Rückgang der Geburtenrate gab es sonst nur in Kriegszeiten und in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929, in der Alt-Bundesrepublik und Westdeutschland jedoch nie.
Vom Trauma zum kollektiven Trauma
Was ist ein Trauma? Ein Trauma ist zunächst einmal ein individuelles Geschehen. Ein psychisches Trauma entsteht durch ein Vorkommnis, das so ausweglos und überwältigend ist, dass das Gehirn die dadurch hervorgerufenen Gefühle wie Angst, Trauer und Wut nicht verarbeiten kann. Diese negativen Emotionen verbleiben dann abgekapselt im Gehirn und im Nervensystem. Ein Trauma ist keine Krankheit, kann aber die Ursache für psychische Erkrankungen sein. Bleibt ein Trauma unverarbeitet, ist das Nervensystem in einer Schleife aus erhöhter Wachsamkeit und damit Aktivierung gefangen. Es passt sich nicht mehr automatisch den realen Gegebenheiten an. Wird der Stresspegel zu hoch, findet eine Überschreitung des Toleranzbereichs statt. Mögliche Folgen sind Wutausbrüche, Vermeidung sozialer Kontakte, chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche etc. Wird das Toleranzfenster ständig überschritten, kann das zu Burnout, Angst- und Panikzuständen führen.
Bei einer kollektiven Traumatisierung erleben Menschen, die den gleichen Einflüssen ausgesetzt sind, eine individuelle Traumatisierung. Beispiele hierfür sind Naturkatastrophen oder Bombenabwürfe im Krieg. Voraussetzung ist, dass die Menschen in der Gruppe eine gemeinsame Identität, Zugehörigkeit oder Lebenslage aufweisen. Kollektive Traumata werden an die nächsten Generationen weitergegeben. Beispiele hierfür sind die Hexenverfolgungen in Europa zwischen 1450 und 1750, der Völkermord an den Herero und Nama im Kolonialkrieg deutscher Truppen auf dem Gebiet des heutigen Namibia (1904–1908) oder der Holocaust (1941–1945). Weitere Beispiele sind die Zwangsumsiedlung und kulturelle Vernichtung der Ureinwohner Nordamerikas, der Ureinwohner Australiens und vieler anderer Völker weltweit. Ein Beispiel ist auch die Unterdrückung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe.
Folgen und Symptome eines kollektiven Traumas
So wie ein einzelner Mensch durch ein Trauma als Langzeitfolge eine Posttraumatische Belastungsstörung davontragen kann, hinterlässt ein kollektives Trauma typische Erscheinungen in der Psyche der Betroffenen. Diese werden als „Reaktion auf ein kollektives Trauma“ (Historical trauma response) bezeichnet. Das Symptombild umfasst geringes Selbstwertgefühl, Opferidentität, Fixierung auf das Trauma, Wut oder Aggression, emotionale Erstarrung, erhöhte Wachsamkeit, intensive Angst, Dissoziation, kompensatorische Fantasien, selbstzerstörerisches oder selbstsabotierendes Verhalten, wie Drogenmissbrauch oder Sucht, bis hin zu Selbstmordgedanken. Auch die körperliche Gesundheit ist in Mitleidenschaft gezogen.
Ein weiteres Symptom ist ein persönliches und kollektives Gefühl von unbewältigter Trauer (Historical unresolved grief), das vom ursprünglichen Trauma ausgeht. Diese unbewältigte Trauer ist sowohl bei einzelnen Menschen als auch in der gesamten betroffenen Gemeinschaft zu beobachten. Das Nachdenken über das kollektive Trauma ist mit emotionaler Belastung verbunden, insbesondere mit Depressionen und Wut. Die kollektive, unbewältigte Trauer führt außerdem zu Fantasien, in die Vergangenheit zu entfliehen und das alte Leben zurückzuerlangen.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Stichwort: Ostalgie. Ostdeutsche Wut? Die Erinnerung an die deutsche Wiedervereinigung weckt negative Emotionen wie Trauer und Wut. Ja, ich vertrete die These, dass die Ostdeutschen Anfang der 1990er-Jahre durch die Maßnahmen rund um den Beitritt ein kollektives Trauma erlitten haben. Die Wirtschafts- und Währungsunion vom 1. Juli 1990 setzte die De-Industrialisierung Ostdeutschlands in Gang. Eine fremde Kultur wurde übergestülpt. Die Treuhand-Anstalt wickelte volkseigene Betriebe ab usw. Ich denke, dass die Einordnung des Beitritts als kollektives Trauma das fehlende Puzzleteil zum Verständnis der ostdeutschen Befindlichkeit ist.
Die Wut und Erinnerung der Ostdeutschen
Ja, die Ostdeutschen haben Wut! Ihre Wut durften sie damals nicht äußern. Die meisten hatten auch gar keine Gelegenheit, nachzudenken oder ins Spüren zu kommen, denn sie waren mit purem Überleben und der Sicherung ihrer Existenz beschäftigt. Die Wut ist abgekapselt, im Gehirn gespeichert. Wird der Stresspegel für das Nervensystem so hoch, dass das Gehirn die Kapsel nicht ständig geschlossen halten kann, so tritt die Wut heraus. Leider trifft die angestaute Wut bei Traumatisierten, die sich ein Ventil sucht, meistens Unschuldige.
Ja, die Ostdeutschen erinnern sich gern an den Alltag in der DDR! Denn die meisten Menschen hatten in ihrem Alltag nicht mit der Stasi und mit staatlichen Repressalien zu tun. Wie alle Menschen halten auch die Ostdeutschen hin und wieder Rückschau und erinnern sich an Ereignisse in ihrer Biografie. Andererseits scheint es tatsächlich diese Sehnsucht nach dem verlorenen Land zu geben. Das wäre dann ein Symptom von kollektiv unbewältigter Trauer, wie oben beschrieben: die Sehnsucht, angesichts der Erfahrungen in der Bundesrepublik, die zumindest am Anfang traumatisch waren, zum alten Leben zurückzukehren.
Wenn wir die Situation, der die Ostdeutschen Anfang der 1990er-Jahre ausgesetzt waren, als kollektives Trauma begreifen, haben wir die Chance, ihre Befindlichkeiten tatsächlich zu verstehen und angemessen damit umzugehen. In einem Buch, das spätestens 2029, zum 40. Jahrestag der Wende, erscheinen soll, untersuche ich die These eines kollektiven Traumas der Ostdeutschen. Während der Schreibphase versende ich meine neuesten Erkenntnisse monatlich in einem Newsletter.




























