Kai Mielenz, Managing Director (CFO) & Labor Director der Elbe Flugzeugwerke GmbH, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.

Kai Mielenz, Managing Director (CFO) & Labor Director Elbe Flugzeugwerke GmbH. Abbildung: Elbe Flugzeugwerke GmbH
Denke ich an „Ostdeutschland“, dann denke ich an Ambivalenz in vielerlei Hinsicht, denn ich denke an den Osten Deutschlands, eine blühende, florierende Region, und ebenso an die ehemalige DDR, an einen Teil Deutschlands, der 1990 endlich wieder mit dem Rest des Landes vereint werden konnte. Ich denke an eine Region voller Kontraste, eine Region mit beeindruckender Geschichte, großem Wandel und großem Potenzial in der Gegenwart und für die Zukunft. Ich denke an industrielle Tradition, an Umbrüche, an Anpassungsleistungen, an ganz persönliche Geschichten – auch an meine eigene. Und ich denke ganz besonders an Verantwortung: Orientierung zu geben, Perspektiven zu schaffen, sich der Geschichte des Ostens der Bundesrepublik Deutschland bewusst zu sein und jede Chance zu nutzen, um Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft zu bauen.
1977 in Zschopau geboren, war die DDR der prägende Rahmen meiner Kindheit. Ich habe gelernt, mich in einem System zu bewegen, das klare Grenzen hatte – ideologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Doch es gab immer das Gefühl von Gemeinschaft, von Verlässlichkeit und von Zusammenhalt zwischen den Menschen, die wussten, dass sie aufeinander angewiesen waren. Das Leben war sicherlich nicht immer leicht und aus heutiger Perspektive mit vielen Hindernissen verbunden, aber es war unser Leben. Ich kann auf jeden Fall für mich persönlich festhalten, dass ich eine fantastische Kindheit hatte und es mir, aus der Sicht eines Kindes, an nichts fehlte. Ich konnte meine Leidenschaft, Fußball zu spielen, in allen Zügen ausleben. Ich musste dazu zwar mit dem Fahrrad in das 15 km entfernte Trainingszentrum fahren, wodurch aber damals der Grundstein für meine heutige Rennrad-Leidenschaft gelegt wurde. Dann kam die Wende. Ich war zwölf Jahre alt, als sich plötzlich alles veränderte. Das bis dahin gekannte Schulsystem wurde reformiert, ich konnte mit meiner Familie reisen und für meine Zukunft eröffneten sich völlig neue Perspektiven. Da war ein großes Versprechen von Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten auf der einen Seite, aber auch ein freier Fall ins Ungewisse und Unbekannte auf der anderen, vor allem für die Generation meiner Eltern galt es umzudenken, neu zu denken, sich anzupassen.
Heute bin ich kaufmännischer Geschäftsführer (CFO) und Arbeitsdirektor der Elbe Flugzeugwerke (EFW) GmbH in Dresden, einem Unternehmen, das wie kaum ein anderes die Transformation des Ostens Deutschlands widerspiegelt: Es entwickelte sich von einem volkseigenen Betrieb (VEB) hin zu einem Weltmarktführer im globalen Luftfahrtmarkt. Wer den Wandel verstehen und hautnah spüren will, muss unsere Flugzeughallen betreten – dort wird Transformation greifbar.
Ich wünsche mir, dass wir das Label ‚Aufbau Ost‘ hinter uns lassen – und stattdessen über ‚Zukunft Ost‘ sprechen.”
Unterschätzt und überfordert?
Die Wendezeit ist nun 35 Jahre her, und noch immer begegnet man in einigen Teilen Deutschlands zwei dominanten Erzählungen: Der Osten sei strukturschwach, rückständig und problematisch. Und: Die Ostdeutschen seien unzufrieden und schwer zu integrieren in die westdeutsche Gesellschaftserzählung. Beide Narrative greifen zu kurz und werden der Realität nicht gerecht.
Was oft vergessen wird: Der Osten ist nicht mehr nur eine Region, die Hilfe, Investitionen und Unterstützung erhält, sondern er ist Innovationstreiber unter anderem bei Grüner Energie (zum Beispiel Solar, Wasserstoff), er ist eine Keimzelle für eine lebendige Start-up- Szene und Industrie 4.0. Er ist Standort für Spitzentechnologien, für Forschung, für Zukunftsindustrien – auch wenn medial zu wenig davon berichtet wird.
Der Grundstein für die ostdeutsche Luftfahrtindustrie wurde 1955 mit der Gründung der VEB Flugzeugwerke Dresden gelegt. Das heutige Unternehmen Elbe Flugzeugwerke GmbH (EFW) ist 1990 als Nachfolger der VEB Flugzeugwerft Dresden gegründet worden und leitete damit den Einstieg des Dresdner Traditionsunternehmens in den zivilen Flugzeugbau ein. Heute arbeiten bei EFW über 2.200 Menschen aus mehr als 30 Nationen an der Umrüstung von Airbus-Passagierflugzeugen zu Frachtmaschinen. Die globale Flotte der Airbus-Passagierflugzeuge wird mit Bodenplatten und Frachtraumverkleidungen aus Sachsen ausgestattet. Damit betritt jeder, der egal wo auf der Welt in einen Airbus steigt, sächsischen und damit „ostdeutschen“ Boden. Das ist das Ergebnis von 70 Jahren Wandel und der Fähigkeit, sich stetig neu zu orientieren – es ist Zukunft, und diese Zukunft passiert nicht im Silicon Valley, sondern im Herzen Sachsens.
Das wirtschaftliche Fundament im Osten Deutschlands ist heute robuster denn je. Die Region hat gelernt, mit Veränderungen umzugehen, vielleicht besser als andere. Die doppelte Biografie von vielen Menschen im und aus dem Osten formt einen besonderen Blick auf das Leben. Und sie hat Spuren hinterlassen – Stolz und Schmerz, Aufbruch und Enttäuschung.
Der Übergang, der sich nach 1989 vollzog, sorgte generationsübergreifend für Unsicherheit. Er lehrte die Menschen aber auch, was Transformation und Neuorientierung heißt, ohne dass diese Begriffe damals „en vogue“ waren. Die Menschen mussten einfach lernen, sich neu zu erfinden.

Besuch vom Ostbeauftragten Carsten Schneider (2. v. l.) und dem Wirtschaftsminister von Sachsen Martin Dulig (3. v. l.) 2023. Abbildung: Elbe Flugzeugwerke GmbH
Eine ostdeutsche Lebenskompetenz
In Wirtschaft und Politik sprechen wir häufig von „Transformation“ – vom Weg zu einer nachhaltigen industriellen Produktion, von analog zu digital, von fossilen zu erneuerbaren Energien. Ich glaube, die ostdeutsche Bevölkerung bringt dafür eine wesentliche Kompetenz mit, nämlich die Fähigkeit, sich unter wechselnden und schwierigen Bedingungen neu zu orientieren, sich anzupassen und weiterzumachen.
Bei EFW haben wir diese Fähigkeit genutzt, um Internationalität mit regionaler Verankerung zu verbinden. Wir sind ein Joint Venture von ST-Engineering (Singapur) und Airbus – und doch tief verwurzelt in der sächsischen Ingenieurstradition. Wir bilden junge Menschen aus, geben Fachkräften aus der Region eine Perspektive, arbeiten mit vielen lokalen Partnern zusammen und setzen gleichzeitig auf internationale Vernetzung. Der Osten kann global – wenn man ihn lässt.
Doch wir müssen auch ehrlich sein: Die „Wende“ und der damit verbundene Wandel sind nicht spurlos an den Menschen vorübergegangen, es hat Wunden hinterlassen und es sind Narben geblieben. Viele Menschen haben ihre berufliche Identität verloren, einige auch ihr Vertrauen in die Institutionen. Diese emotionale Dimension der Einheit wurde lange vernachlässigt. Wir brauchen mehr Empathie im Umgang mit ostdeutschen Biografien – gerade von Politik und Medien. Wir brauchen ein echtes Zuhören, kein Belehren.

Abbildung: Elbe Flugzeugwerke GmbH
Erinnerung, Identität und Verantwortung
Ostdeutschland hat sich verändert – wirtschaftlich, kulturell und mental. Doch es gibt Dinge, die bleiben: wie ein gewisses Misstrauen gegenüber Autoritäten, eine große Direktheit, eine Skepsis gegenüber leeren Versprechungen. Ich sehe darin keine Schwächen, sondern historische Prägungen, die unter den Bedingungen der DDR gewachsen sind. Wer das versteht, kann auch die Gegenwart besser einordnen und gestalten.
Für mich als Geschäftsführer bedeutet das, sensibel zu sein für diese Prägungen. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine ostdeutsche Sozialisation, andere wiederum kommen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Ländern. In einem solchen Spannungsfeld entsteht ein eigener produktiver Zusammenhalt – wenn man ihn zulässt und fördert.
Wir tragen als Geschäftsführung eine entsprechende Verantwortung – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und gesellschaftlich. Deshalb engagieren wir uns in regionalen Initiativen, in der Nachwuchsförderung, im Spitzensport und unterstützen die EFW-Belegschaft bei sozialen Engagements, denn der Osten braucht nicht nur Investitionen, sondern auch Wertschätzung. Das „sich aufeinander verlassen können“, „sich unter die Arme greifen“ ist etwas, was die Region geprägt hat und etwas, was ich als hohes Gut ansehe.

Abbildung: Elbe Flugzeugwerke GmbH
Ein Zukunftsbild für Ostdeutschland
Was wünsche ich mir für diesen „Osten“ des Landes, dieses „Ost- Deutschland“? Ich wünsche mir, dass wir das Label „Aufbau Ost“ hinter uns lassen – und stattdessen über „Zukunft Ost“ sprechen. Denn das ist es, was ich sehe: eine Region, die mit Energie, Intelligenz und Kreativität an der Gestaltung von morgen arbeitet.
Ich wünsche mir mehr wirtschaftliche Freiheit für Unternehmen, mehr Experimentierfreude und Umsetzungsstärke in der Politik, mehr Augenhöhe im gesamtdeutschen Diskurs. Ostdeutschland darf nicht länger das geduldete und belächelte Anhängsel sein, sondern muss gleichberechtigter Teil des nationalen Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins sein und werden. Dazu gehört für mich eine entsprechende Repräsentanz in der Bundesregierung und den entsprechenden Ministerien.
Ich wünsche mir, dass wir jungen Menschen hier vor Ort echte Perspektiven bieten – nicht nur durch Arbeitsplätze, sondern auch durch kulturelle Angebote, durch Bildung, durch lebendige Städte. Denn wer bleibt, der bleibt nicht nur wegen eines Arbeitsplatzes – sondern weil er sich als Teil eines Ganzen fühlt. Und wer kommt, um zu bleiben, der tut es aus dem gleichen Grund.
Denke ich an Ostdeutschland, dann denke ich an meine Heimat, an Herausforderungen, an Chancen. Ich denke an die Menschen, die hier leben, arbeiten, aufbauen und sich engagieren. An meine Eltern, die zwei Systeme erlebt haben. An meine Kinder, die in einem neuen Osten aufwachsen – selbstbewusst, europäisch, neugierig.
Ostdeutschland ist kein Problemraum. Es ist ein Möglichkeitsraum. Und wir alle – ob in der Wirtschaft, in der Politik oder in der Gesellschaft – sind gefragt, um diesen Raum zu nutzen und zu gestalten. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Mitleid, sondern aus innerer Überzeugung und mit einer großen Portion Selbstvertrauen und Mut! Gehen wir’s an!

Ehrung für Brunolf Baade, Wegbereiter der Luftfahrtindustrie. Abbildung: Elbe Flugzeugwerke GmbH
Elbe Flugzeugwerke GmbH
GEGRÜNDET: 1990/Dresden
STANDORT: Dresden
MITARBEITENDE: 2.200
WEBSITE: efw.aero
Kai Mielenz
GEBOREN: 1977/Zschopau
WOHNORT (aktuell): Radebeul
MEIN BUCHTIPP: Dirk Oschmann: „Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“, 2023
MEIN FILMTIPP: „Sonnenallee“, 1999
MEINE URLAUBSTIPPS: Sächsische Schweiz und Ostseebad Binz
BUCHTIPP:
„Denke ich an Ostdeutschland ...“In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden. „Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4. Als Hardcover und E-Book hier erhältlich. |




BUCHTIPP:
























