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Willi Sitte – Ein Leben zwischen Atelier und Politik

Er gehör­te zu den bekann­tes­ten Malern der DDR und präg­te als lang­jäh­ri­ger Prä­si­dent des Ver­bands Bil­den­der Künst­ler die Kul­tur­po­li­tik des Staa­tes wie nur weni­ge ande­re: Wil­li Sit­te. Wir wid­men dem Maler und Gra­fi­ker ein Porträt.

Wil­li Sit­te wur­de am 28. Febru­ar 1921 im tsche­chi­schen Kratz­au (Chrasta­va) gebo­ren. Sein Vater war sude­ten­deut­scher Bau­er, sei­ne Mut­ter Tsche­chin. Bereits in jun­gen Jah­ren wur­de sein zeich­ne­ri­sches Talent erkannt und geför­dert. 1936 begann er ein Stu­di­um zum Tex­til­mus­ter­zeich­ner an der Kunst­hoch­schu­le des Nord­böh­mi­schen Gewer­be­mu­se­ums in Rei­chen­berg (Libe­rec), das er 1940 abschloss.

Im sel­ben Jahr erhielt Sit­te eine Emp­feh­lung für die Her­mann-Göring-Meis­ter­schu­le in Kro­nen­burg in der Eifel. Dort geriet er jedoch durch die Kri­tik an sei­nen Aus­bil­dungs­auf­ga­ben in Kon­flikt mit den Ver­ant­wort­li­chen. In der Fol­ge wur­de er 1941 zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen und an die Ost­front ver­setzt. Nach einer Gelb­sucht-Erkran­kung kam er nach Ita­li­en. Von dort deser­tier­te er 1944 und schloss sich ita­lie­ni­schen Par­ti­sa­nen an. In die­ser Zeit ent­stand sein sie­ben­tei­li­ger Toten­tanz-Zyklus „Dan­za funeb­re del ter­zo Reich“.

Willi Sitte begrüßt Erich Honecker 1987 anlässlich einer Kunstausstellung im Dresdner Albertinum. Abbildung: Bernd Settnik, Das Bundesarchiv, Wikimedia Commons

Wil­li Sit­te begrüßt Erich Hon­ecker 1987 anläss­lich einer Kunst­aus­stel­lung im Dresd­ner Alber­ti­num. Abbil­dung: Bernd Sett­nik, Das Bun­des­ar­chiv, Wiki­me­dia Commons

Halle (Saale) und Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs blieb Sit­te zunächst in Ita­li­en, kehr­te aber 1946 in sei­ne Hei­mat­stadt Kratz­au zurück. Auf­grund der Ver­trei­bung der Deut­schen aus der Tsche­cho­slo­wa­kei muss­te er das Land jedoch ver­las­sen und ließ sich in Hal­le (Saa­le) nie­der. Ein Jahr spä­ter trat er der SED bei. 1951 erhielt er einen Lehr­auf­trag an der Kunst­hoch­schu­le Burg Gie­bi­chen­stein. 1959 wur­de er dort zum Pro­fes­sor beru­fen. Ab 1964 lei­te­te er auch die Klas­se für Textilgestaltung.

In den 1950er-Jah­ren und frü­hen 1960er-Jah­ren war Sit­te Teil der kri­ti­schen und eigen­stän­di­gen Hal­len­ser Kunst­sze­ne, die sich gegen die Ein­fluss­nah­me von Kul­tur­funk­tio­nä­ren wand­te. Dadurch kam es wie­der­holt zu Span­nun­gen mit der SED, was sich auf sei­ne Lehr­tä­tig­keit aus­wirk­te. Zu sei­nem Freun­des­kreis zähl­ten damals unter ande­rem Chris­ta Wolf, Wolf Bier­mann sowie Rai­ner und Sarah Kirsch. Wäh­rend der For­ma­lis­mus-Debat­te, die um 1950 geführt wur­de, kri­ti­sier­te der Staat sei­ne Kunst mehr­fach als nicht mit den Vor­ga­ben des Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus vereinbar.

Aufstieg zum „Staatsmaler“

Ab 1964 ent­schied sich Sit­te jedoch für ein stär­ke­res poli­ti­sches Enga­ge­ment. Die­ser Schritt belas­te­te eini­ge sei­ner per­sön­li­chen Bezie­hun­gen und führ­te zum Ver­lust meh­re­rer Freund­schaf­ten. Zugleich avan­cier­te er zu einem pro­mi­nen­ten Ver­tre­ter des Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus und erlang­te gegen Ende der 1960er-Jah­re zuneh­mend Aner­ken­nung für sei­ne Kunst.

Einen Höhe­punkt sei­ner poli­ti­schen Lauf­bahn erreich­te er im Jahr 1974 mit der Ernen­nung zum Prä­si­den­ten des Ver­bands Bil­den­der Künst­ler der DDR (VBK-DDR). Die­ses Amt beklei­de­te er bis 1988, wobei er sich wäh­rend sei­ner Amts­zeit dafür ein­setz­te, die Eigen­stän­dig­keit des Ver­bands gegen­über der SED zu bewah­ren. Er ermög­lich­te Arbeits­rei­sen für Künst­ler, ver­bes­ser­te ihre Mate­ri­al­ver­sor­gung und unter­stütz­te auch Künst­ler aus dem Unter­grund, indem er sie in den Ver­band auf­nahm und ihnen Arbeits­mög­lich­kei­ten ver­schaff­te. Gleich­zei­tig stand sein Wir­ken in der Kri­tik: So befür­wor­te­te er 1976 die Aus­bür­ge­rung sei­nes ehe­ma­li­gen Freun­des Wolf Bier­mann und bezeich­ne­te die Künst­ler­grup­pe um Bär­bel Boh­ley als „bekann­te staats­feind­li­che Gruppe“.

Auch inter­na­tio­nal fand Sit­tes Kunst in den 1970er-Jah­ren Beach­tung. Dazu tru­gen die Ver­lei­hung der Gold­me­dail­le auf der drit­ten Inter­na­tio­na­len Gra­fik­bi­en­na­le 1972 sowie sei­ne Teil­nah­me an der docu­men­ta 6 in Kas­sel im Jahr 1977 bei.

Das Tafelbild „Rock-Sänger“ ist eines der bekanntesten Gemälde Willi Sittes. Es wurde 1981 im „Neuen Gewandhaus“ Leipzig ausgestellt. Abbildung: Waltraud Grubitzsch, Das Bundesarchiv, Wikimedia Commons

Das Tafel­bild „Rock-Sän­ger“ ist eines der bekann­tes­ten Gemäl­de von Wil­li Sit­te. Es wur­de 1981 im „Neu­en Gewand­haus“ Leip­zig aus­ge­stellt. Abbil­dung: Wal­traud Gru­bitzsch, Das Bun­des­ar­chiv, Wiki­me­dia Commons

Zu sei­nen bedeu­tends­ten Wer­ken zählt das 1981 ent­stan­de­ne Gemäl­de „Rock-Sän­ger“. Das Tafel­bild zeigt einen nack­ten Musi­ker mit Gitar­re, der vor sei­nen Fans posiert. Wäh­rend sich auf Höhe sei­ner Füße zahl­rei­che Hän­de dem Sän­ger ent­ge­gen­stre­cken, ver­sam­meln sich auf Kopf­hö­he wei­te­re Zuhö­rer in einer engel­haf­ten For­ma­ti­on um ihn. Im Hin­ter­grund bewegt sich eine nack­te Frau in Trance. Das Bild ist ein cha­rak­te­ris­ti­sches Bei­spiel für Sit­tes Stil, baro­cke Gestal­tungs­ele­men­te mit expres­si­ven und pro­vo­zie­ren­den Kör­per­dar­stel­lun­gen zu verbinden.

Willi Sitte bei einer Signierstunde in der Willi-Sitte-Galerie Merseburg 2007. Die Galerie wurde zu seinem 85. Geburtstag 2006 eröffnet. Abbildung: SpreeTom, Wikimedia Commons

Sit­te bei einer Signier­stun­de in der Wil­li-Sit­te-Gale­rie Mer­se­burg 2007. Sie wur­de zu sei­nem 85. Geburts­tag 2006 eröff­net. Abbil­dung: Spree­Tom, Wiki­me­dia Commons

Mit­te der 1980er-Jah­re nahm sei­ne poli­ti­sche Kar­rie­re wei­ter an Fahrt auf. Von 1986 bis 1989 gehör­te er dem Zen­tral­ko­mi­tee der SED an. Mit dem Ende sei­ner Amts­zeit als Prä­si­dent des Ver­bands Bil­den­der Künst­ler ging auch sei­ne prä­gen­de Ära zu Ende. Nach dem Zusam­men­bruch der DDR und der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung ver­schwan­den vie­le von Sit­tes Wer­ken zunächst in Depots. Eine Neu­be­wer­tung sei­nes Schaf­fens setz­te erst spä­ter ein. Anläss­lich sei­nes 85. Geburts­tags wur­de im Febru­ar 2006 die Wil­li-Sit­te-Gale­rie in Mer­se­burg eröffnet.

Auch sein Bru­der Rudolf Sit­te war als Maler in der DDR tätig und arbei­te­te im Bereich der bau­be­zo­ge­nen Kunst. Zudem war Wil­li Sit­te der Urgroß­on­kel des Schrift­stel­lers Aron Boks. Am 8. Juni 2013 starb Wil­li Sit­te in Hal­le (Saa­le). Bis heu­te zählt er neben Wer­ner Tüb­ke, Bern­hard Hei­sig, Wolf­gang Mattheu­er und Wal­ter Woma­cka zu den bedeu­tends­ten Künst­lern der DDR.

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