In Teil vier seiner Kolumne widmet sich Frank Nehring der mächtigen Wirksamkeit von Narrativen. Er ruft dazu auf, ins Gestalten zu kommen und die eigene Geschichte anders zu erzählen, anstatt zu nörgeln.

Frank Nehring, langjähriger Herausgeber von Wirtschaft+Markt und Gründer des Ostdeutschen Wirtschaftsforums OWF. Abbildung: Bernd Brundert
Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich Deutschland auf eine neue Lieblingsbeschäftigung geeinigt hat: das Nörgeln.
Die Wirtschaft schrumpft. Die Politik versteht die Realität nicht. Die Menschen wählen die falschen Parteien. Die Bahn kommt nicht. Die Bürokratie lähmt alles. Wenn wir dann ausnahmsweise einmal etwas ordentlich hinbekommen, findet sich zuverlässig jemand, der erklärt, warum es trotzdem nicht reicht. Aus einzelnen Problemen ist inzwischen eine große Erzählung geworden. Irgendwie ist gerade alles Mist.
Die Macht der Narrative
Wer schreibt diese Geschichte? Wahrscheinlich niemand allein. Die sozialen Medien verstärken sie. Die Nachrichten greifen sie auf. Die Politik nutzt sie. Die Wirtschaft beklagt sie. Schließlich erzählen wir sie im Alltag weiter. Das daraus entstehende Narrativ wirkt längst stärker als viele Fakten.
Narrative sind erstaunlich mächtig. Sie beschreiben nicht nur die Wirklichkeit, sondern beeinflussen auch unser Handeln. Wer ständig vom Niedergang spricht, investiert vorsichtiger, gründet seltener Unternehmen und blickt skeptischer in die Zukunft. Das Fatale daran ist: Ein Narrativ muss keine bewusste Absicht verfolgen, um Wirkung zu entfalten. Es genügt, wenn genügend Menschen dieselbe Geschichte immer wieder erzählen.
Was uns fehlt, ist ein gemeinsames Ziel. Im Zeitmanagement lernt jeder: Wer kein klares Ziel hat, reagiert nur noch auf äußere Einflüsse. Warum sollte das für ein Land anders sein? Wachstum, Bürokratieabbau oder Investitionen sind wichtig – aber sie sind nur Mittel. Sie beantworten nicht die eigentliche Frage: Wohin wollen wir?
Eine andere Erzählung ist möglich
Genau an diesem Punkt setzt der vom Saarower Kreis initiierte Wettbewerbsreport Ostdeutschland an, an dem ich als Mitherausgeber mitwirken darf. Seine Leitidee lautet: Ostdeutschland soll zu einer Zukunftsregion werden. Das ist mehr als ein Slogan. Es ist ein Maßstab. Wenn Ostdeutschland Zukunftsraum werden soll, dann lassen sich Fortschritte messen: Wandern mehr Menschen zu? Wird mehr investiert? Steigt die Produktivität? Entstehen mehr Innovationen? Werden Genehmigungen schneller erteilt? Ein Ziel macht Debatten überprüfbar. Genau deshalb könnte diese Idee über Ostdeutschland hinauswachsen.
Vom Nörgeln zum Gestalten
Deutschland braucht keine Schönfärberei. Probleme verschwinden nicht, wenn man sie anders nennt. Aber eine Gesellschaft, die ihre Zukunft ausschließlich als Abstieg erzählt, nimmt sich selbst Handlungsspielräume.
Die jüngsten politischen Entwicklungen zeigen vor allem eines: Viele Menschen wünschen sich Orientierung. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie wir das nächste Problem verwalten, sondern welche Geschichte wir künftig über uns selbst erzählen wollen.


























