Aus dem Stralsunder Plattenbau an einen Campus mit linksalternativen, westdeutschen Mittelschichtkids in Berlin-Zehlendorf. Diesen Schritt wagt der Protagonist im neuen Roman von Hendrik Bolz nach zwei fehlgeschlagenen Berufsplänen. Schafft er es, sich durchzusetzen, oder scheitert er wie zuvor?
| BUCHTIPP:
Hendrik Bolz: „Aus Ruinen: Junger Mann in Krisenzeiten“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 272 Seiten, 22 € (Hardcover). |
„Aus Ruinen“ setzt die autofiktionale Erzählung des Romandebüts „Nullerjahre“ von 2022 fort. Der Protagonist Hendrik geht Ende der Nullerjahre zum Studium nach Berlin.
Die Vorschichte: Der junge Hendrik wächst in einer ostdeutschen Platte in Stralsund auf. Wichtig sind für ihn seine Freunde Kramer und Pavel. Mit ihnen verbringt er Clubnächte, in denen er vom Alltag abschalten kann. Studieren will Hendrik nicht. Erst absolviert er eine Musterung beim Bund, wirft kurz vor Dienstantritter den Plan aber über Bord und holt sich ein Attest. Die Ausbildung bei einer Bank in Hamburg tritt er, trotz unterschriebenem Ausbildungsvertrag, ebenfalls nicht an. Grund ist jeweils ein ungutes Bauchgefühl. So schließt er sein Abitur ab, entscheidet sich doch fürs Studium und bewirbt sich.
Eine seiner Zusagen kommt aus Berlin, der Hauptstadt der Rapper, aus der Sido und Bushido stammen. Anders als bei der Bundeswehr und der Ausbildung bleibt das schlechte Gefühl aus und Hendrik beginnt sein Mathematikstudium mit Nebenfach Philosophie. Mit dem Hauptfach tut er sich schwer, anders sieht es beim Nebenfach und dem Thema Diskursethik aus. Da geht es in den Vorlesungen um Verantwortung, Moral, Ehre, Stolz und Codes – Themen, die Hendrik selbst beschäftigen und von denen seine Idole rappen.
Auch wenn ihm das Nebenfach an der Universität gefällt, kann sich Hendrik nicht an seine Studienkollegen gewöhnen. Sie haben keine Ahnung von cooler Kleidung und seinem Lieblingsthema Hip-Hop. Sie stehen euphorisch vor dem Club, sind betrunken und voller Vorfreude, dass in Berlin ihr Leben richtig losgeht – ein Gefühl, das Hendrik mit 13 Jahren hatte. Mit jeder Vorlesung und jeder Party werden ihm die Unterschiede zu seinen Kommilitonen deutlicher. Einzige Ausnahme ist Studienkollegin Sofia, für die Hendrik schwärmt.
Als Hendrik mit Studienkollegen zur 1.-Mai-Demonstration geht und dort Chaos und eine Stimmung wie auf dem Schlachtfeld erlebt, ist er noch mehr abgeschreckt und verstört von Berlin. Während sich seine Kommilitonen an der aufgeheizten Stimmung berauschen, sucht Hendrik die legendäre Hip-Hop-Bühne auf, um die neuesten Tracks zu hören. Doch auch diese Bühne kann nicht verhindern, dass Hendriks Bauchgefühl ihn immer wieder einholt. Er will nur noch weg und nach Hause, in sein gewohntes Stralsunder Leben. Lediglich die Gedanken an Sofia halten ihn davon ab, ein drittes Mal alles hinzuschmeißen. Sofia und Hendrik nähern sich an und verbringen Zeit miteinander. Kommt Hendrik nun endlich an und schafft er es, in Berlin heimisch zu werden, oder stellt sich sein Umzug doch noch als großer Irrtum heraus?
Hendrik Bolz wurde 1988 in Leipzig geboren, erste Bekanntheit erlange er als Rapper Testo. Wie in seinem Romanerstling „Nullerjahre“ gelingt es Bolz auch in „Aus Ruinen“ durch seinen Erzählstil, Spannung aufzubauen und die Leserschaft mitzunehmen. Der Autor arbeitet den Unterschied zwischen dem Leben im Stralsunder Plattenbau und dem in der anonymen Großstadt Berlin – mit ihren gegensätzlichen Milieus, Geschlechterrollen und Wertesystemen – heraus. Entstanden ist ein authentischer Roman über die Nachwendegeneration.





























