Im Frühjahr 1925 wurde Dessau zu einem Zentrum der modernen Kunst in Deutschland. Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums hat Stadtarchivar Frank Kreißler die Leserschaft mit ins Jahr genommen, in dem das Bauhaus nach Dessau kam.
| BUCHTIPP:
Frank Kreißler: „Dessau 1925. Das Jahr, in dem das Bauhaus kam“, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2025, 432 Seiten, 28 €, (Hardcover mit Bildern). |
Kreißlers Buch basiert auf Meldungen, Berichten, Rezensionen und Anzeigen aus den Dessauer Tageszeitungen „Anhalter Anzeiger“ (bürgerlich), „Volksblatt für Anhalt“ (SPD-Organ) und „Anhalter Woche“ (rechtsbürgerlich). Neben dem Bauhaus-Umzug werden darin auch wirtschaftliche, kulturelle und politische Entwicklungen dokumentiert, wodurch ein lebendiges Bild des Alltags in Dessau entsteht. Die Chronik zeigt eine Stadt im Spannungsfeld der 1920er-Jahre: Einerseits ist sie geprägt von Wirtschaftsaufschwung, Fortschrittsglauben und Moderne, andererseits von traditionellen Lebensweisen sowie zunehmend scharf geführten politischen und ideologischen Konflikten.
Dessau, 24. Januar 1925: Bürgermeister Fritz Hesse erfährt aus dem „Berliner Tagblatt“ vom drohenden Bauhaus-Ende in Weimar. Führende Persönlichkeiten wie der Bauhaus-Direktor Walter Gropius und Bauhaus-Unterstützer wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee hatten die Auflösung der Kunstschule mit Ablauf ihres Vertrages zum 1. April 1925 erklärt. Auslöser war ein Konflikt mit der rechtsgerichteten Thüringischen Landesregierung. Hesse erkannte darin eine Chance für Dessau. Bereits am nächsten Tag spricht Generalmusikdirektor Franz von Hoeßlin den Bürgermeister auf den Artikel an, woraufhin Hesse ihm gegenüber die Idee eines Umzugs ins Spiel bringt. Gespräche mit dem Landeskonservator Ludwig Grote und dessen Reise nach Weimar bestärken Hesse in seinem Vorhaben, das er im Magistrat vorantreibt. Mitte Februar besuchen Wassily Kandinsky und seine Frau Nina Dessau und gewinnen einen positiven Eindruck von der Stadt.
Im März entwickelt sich der Umzug zur politischen Entscheidungsfrage. Zu Monatsbeginn regt Hesse eine Besichtigungsreise nach Weimar an, die vom Gemeinderat die Zustimmung erhält. Eine breit aufgestellte Delegation reist in die thüringische Stadt und kehrt mit positiven Eindrücken zurück. Der Umzug wird auch durch die Medien öffentlich publik und damit verschärft sich die öffentliche Debatte, in der die politischen Fronten deutlich hervortreten. Während linke Kräfte das Bauhaus als Symbol der Moderne begrüßen, lehnen viele bürgerliche Akteure es entschieden ab. Das Bauhaus wird von einigen bürgerlichen Kräften als „undeutsch“ diffamiert, Gropius’ architektonischer Stil als radikal und fremd kritisiert sowie dem Bauhaus insgesamt eine sozialistische Einflussnahme auf Kunst und Gesellschaft vorgeworfen. Diese Auseinandersetzungen gehen über kulturpolitische Fragen hinaus und spiegeln die tieferliegenden ideologischen Spannungen der Zeit wider. Es sind Konflikte, die sich in den folgenden Jahren im gesamten Deutschen Reich zuspitzen und schließlich 1933 in der Machtergreifung der Nationalsozialisten gipfeln. Trotz dieser Spannungen stimmt der Gemeinderat am 23. März 1926 mit 26 zu 15 Stimmen für den Bauhaus-Umzug nach Dessau und den Bau eines neuen Schulgebäudes.
Mit dem 1. April beginnt die praktische Umsetzung des Umzugs. Gropius und seine Mitarbeiter beziehen ihre Büros, Künstler wie Kandinsky, Klee und Oskar Schlemmer richten ihre Ateliers ein. Doch die politischen Auseinandersetzungen halten an. Am 22. Juni bewilligt der Finanzausschuss 690.000 Mark für die Bauprojekte, während bürgerliche Politiker insbesondere über die „Anhalter Woche“ weiterhin scharfe bis polemische Kritik am Bauhaus üben. Vom 28. September an starten schließlich die Bauarbeiten für das von Gropius entworfene Gebäude. Die öffentliche Kritik nimmt zunächst weiter zu, sodass der Magistrat am 11. Oktober im „Anhalter Anzeiger“ die Ziele des Bauhauses erläutert: Es soll als Lehr- und Versuchsinstitut die moderne Gestaltung des gesamten Wohnens vorantreiben – vom einfachen Wohngerät bis zum fertigen Wohnhaus. Erst Anfang November entspannt sich die Lage etwas. Am 5. November stimmen schließlich auch die meisten bürgerlichen Parteien, unter anderem auch die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), den Baumaßnahmen zu. Sie sehen die bisherige Blockadehaltung gegen das Bauhaus als nicht zielführend an. Lediglich die als Kritik gegenüber dem Bauhaus gegründete Vereinigung „Hausbesitzer“ lehnt das Projekt weiterhin ab. Mit der Entscheidung der bürgerlichen Parteien beruhigt sich auch die Berichterstattung der „Anhalter Woche“, die von nun an moderater über das Bauhaus berichtet. Der Jahresrückblick des „Anhalter Anzeigers“ hebt bei seiner Rückschau die Diskussion um den Bauhaus-Umzug mit Pro- und Kontraargumenten sowie den Ablauf des Umzugs hervor. Daneben betont das Blatt die wirtschaftlichen Entwicklungen Dessaus, insbesondere bei den Flugzeugwerken, den sogenannten „Junkerswerken“, der Dessauer Unternehmen Junkers Motorenbau GmbH und Junkers Flugzeugwerk AG.
Frank Kreißler vermittelt durch die in seiner Jubiläumschronik ausgewählten Meldungen ein detailliertes Bild von Dessau in einer Zeit des Umbruchs. Die kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Spannungen jener Zeit werden durch die Kombination von Meldungen und Fotos greifbar. So lernt der Leser eine Stadt kennen, die durch das Bauhaus in den folgenden Jahren internationale Bedeutung erlangte.





























