Die Sehnsucht nach individueller Freiheit und Zugehörigkeit ist ein weit verbreitetes Gefühl unter vielen Ostdeutschen. Diese Gefühlslage ist auch Thema in Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“. Der Autor stellt am Beispiel einer Kleinstadt verschiedene prägende Erfahrungen dar und entführt die Leserschaft in ein spannendes Zeitpanorama.
| BUCHTIPP:
Lukas Rietzschel: „Sanditz“, dtv Verlag, München 2026, 480 Seiten, 26 € (Hardcover). |
Sanditz ist eine fiktive Kleinstadt in der Oberlausitz, am Rande der Republik gelegen. Früher prägte der Qualm aus den Schloten des Flachglaswerks das Stadtbild, heute sind es die gefluteten Tagebaue. Die Familie Wenzel/Moschnik hat diese Wandlung durch unterschiedliche Zeiten miterlebt. Sie besteht aus Dirk Wenzel und Marion Wenzel mit ihren Eltern Erika und Norbert sowie Marions Ehemann Roland Moschnik und den Zwillingen Tom und Maria. Die Familienmitglieder sind die Hauptprotagonisten in Rietzschels Roman. In zwei unterschiedlichen Erzählsträngen nimmt Rietzschel die Leser mit auf eine Reise in eine typische ostdeutsche Kleinstadt und in die Gefühlslage und den Alltag der Menschen vor Ort.
Ein Erzählstrang beginnt im Corona-Winter 2021: Tom ist überzeugter Impfgegner und kapselt sich Stück für Stück von seiner Familie ab. Der Lockdown belastet ihn und er sehnt sich nach der fehlenden Freiheit. Da seine Mutter sich streng an die Vorgaben hält, feiert Tom Weihnachten nicht mit der Familie. Seine Freizeit verbringt er in Telegram-Chats mit Impfgegnern. Der Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 weckt in Tom das Gefühl, nach individueller Freiheit in der Ukraine suchen zu müssen, und er widmet sich Chats mit Pro-Ukraine-Aktivisten. Tom entschließt sich dazu, selbst in die Ukraine zu gehen und die ukrainischen Streitkräfte zu unterstützen, im Glauben, so ein Zugehörigkeits- und Freiheitsgefühl zu finden. Kurz vor seiner Abreise kehrt er zur Familie zurück, ohne diese über seinen Entschluss zu informieren. Als seine Zwillingsschwester Maria und sein Onkel Dirk ahnen, was Tom vorhat, ist es zu spät, um ihn abzuhalten.
Während Tom sich in Telegram-Chats die Zeit vertreibt, versucht Maria, sich langsam wieder in ihrer alten Umgebung von Sanditz zurechtzufinden. Für ein Studium war sie nach Kassel gezogen, kam in Westdeutschland aber nie richtig an. Die Diskussionen mit Westdeutschen strengten Maria so sehr an, dass sie sich unter falschem Namen als „Mandy aus Sachsen“ vorstellte. Zurück in Sanditz muss sie aber merken, dass sich ihre Heimat, ihr Umfeld und auch sie selbst verändert haben.
Marias Onkel Dirk lernt nach dem Tod von Mutter Erika 2021 das Leben allein kennen. Er beginnt, sich Menschen mehr zu öffnen, und schläft zum ersten Mal mit einer Frau. Vor Erikas Tod führte Dirk ein Einzelgängerleben. Er war fasziniert von Elektronik, brachte Digitalkameras in die Wohnung, überwachte seine Mutter und spionierte Nachbarn aus.
Der zweite Erzählstrang beginnt im Jahr 1978 in der DDR. Der Bauarbeiter Roland Moschnik lernt durch einen Zufall den Lebenskünstler Achim kennen. Aus Skepsis wird mit der Zeit Wertschätzung und Roland fühlt sich zu Achim hingezogen. Trotz seiner Gefühle entschließt er sich dazu, Marion zu heiraten. Der Kontakt zwischen Roland und Achim bleibt intensiv und es entwickelt sich eine Verbundenheit auf Lebenszeit. So erlebt Roland mit Achim, Marion und anderen Sanditzern, wie 1989 als Resultat der friedlichen Demonstrationen von ihnen und anderen Bürgern das Ende des DDR-Systems eingeläutet wird. Sie sind bei der Besetzung der örtlichen Stasi-Zentrale dabei, als Roland entdeckt, wie ein Mann über Jahre seine Ehefrau bespitzelt hat. Nach der Wende ackert Roland auf einer Baustelle in Westdeutschland und sucht vergeblich nach Anerkennung für den Mut, den Achim, er und andere Sanditzer 1989 hatten.
Mit „Sanditz“ schafft Lukas Rietzschel ein Porträt seiner Heimat, der Oberlausitz, sowie der Lebensgeschichte von Ostdeutschen über verschiedene Zeiträume hinweg. Dabei gelingt es ihm, die verschiedenen Zeitabschnitte – Leben in der DDR, Ende der DDR, Wendezeit, Pandemiezeit und Ukrainekrieg – zu einem Ganzen zu formen. Besonders beeindruckend ist, wie Rietzschel, der 1994 nach dem Ende der DDR geboren wurde, den DDR-Alltag fantasievoll wiedergibt. Durch die unterschiedlichen Erzählstränge gelingt es ihm, eine Nähe zu den Protagonisten aufzubauen und gleichzeitig wieder Abstand zu gewinnen. Die Authentizität, die durch detaillierte Beschreibungen von Landschaft und Alltag sowie einen guten Spannungsaufbau entsteht, macht aus „Sanditz“ einen Roman mit Suchtpotenzial.





























