Peggy Mädlers Roman verbindet die Themen Kybernetik und zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Erzählstrang reicht von den 1960er-Jahren in der DDR bis in die Gegenwart.
| BUCHTIPP:
Peggy Mädler: „Selbstregulierung des Herzens“, Galiani Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten, 23 € (Hardcover). |
Die Handlung beginnt in den 1960er-Jahren der DDR. Damals wurde Kybernetik als eine Möglichkeit gesehen, nicht nur die Technik, sondern auch die Gesellschaft zu verbessern. Man hoffte, dadurch mehr Freiheit und Selbstbestimmung zu erreichen. Mädler erzählt ihre Geschichte sachlich und ohne die DDR zu verklären. Sie verwendet eine distanzierte Erzählhaltung und nutzt Begriffe aus der Kybernetik, um das Verhalten ihrer Figuren zu beschreiben.
Die Geschichte dreht sich um Georg Paschke, der aus einer Arbeiterfamilie stammt. Um ihn herum bildet sich ein Kreis aus Georgs Freunden Roland und Marlies sowie seiner späteren Frau Helga. Im Laufe der Jahre stößt die Künstlerin Mona dazu. Sie versucht, in einem Staat, der alles regulieren will, ausreichend Freiheit für ihre Bilder zu erlangen.
Georg arbeitet zunächst auf dem Bau, beginnt aber 1960 ein Ökonomiestudium. Während dieser Zeit debattiert er mit Roland und Marlies, angeregt durch die Vorlesungen von Professor Benders, über die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes. Roland plädiert für marktwirtschaftliche Reformen, Marlies hingegen verteidigt die Planwirtschaft. Georg selbst positioniert sich zwischen diesen Extremen. Er entwickelt eine Faszination für die neuen Großrechner, die versprechen, komplexe Datenströme in binäre Abläufe zu übersetzen. Die drei Freunde betrachten die Wirtschaft als regelbasiertes System und überlegen, wie die Planwirtschaft der DDR mithilfe der Kybernetik verbessert werden kann.
Mit dem Scheitern des Prager Frühlings im Jahr 1968 zerschlagen sich die Hoffnungen auf wirtschaftliche Verbesserungen und eine gesellschaftliche Liberalisierung. Das studentische Gefüge zerbricht. 1969 flieht Roland über die Donau in den Westen, während Georg den Weg in eine innere und berufliche Nische wählt. Er verlässt die Hochschule und arbeitet fortan als Programmierer im Rechenzentrum. Dort schreibt er mühsam Programme auf Lochkarten, oft nach dem Trial-and-Error-Prinzip, während die eigentliche Rechentechnik für ihn unerreichbar hinter einer Glasscheibe bleibt.
Die Autorin benutzt das technische Vokabular aus Regelkreisen, Rückkopplungen und Impulsen, um die emotionale Zurückhaltung ihrer Protagonisten zu schildern. Diese im Krieg geborene Generation hat gelernt, ihre Gefühle zu kontrollieren. Emotionale Vorsicht prägt auch Georgs Annäherung an Mona. Ihre Versuche, ihn bei der Arbeit künstlerisch zu porträtieren, scheitern an den Absurditäten der DDR‑Mangelwirtschaft. So manipuliert beispielsweise ein Mitarbeiter im Rechenzentrum ein Programm zur Fischverteilung, um sich exklusiv Aal zu sichern. Die daraufhin einsetzende Untersuchung der Staatssicherheit wegen Sabotageverdachts verschärft die Sicherheitsvorkehrungen im Betrieb und verhindert Monas Kunstaktion. Solche Vorfälle verdeutlichen, wie die staatliche Kontrolle selbst in die kleinsten privaten und beruflichen Nischen hineinreichte.
Die Fragilität dieser Rückzugsorte veranschaulicht der Roman unter anderem anhand einer Bungalowsiedlung in einem Dorf nahe Wandlitz bei Berlin. Georg und seine Familie bauen sich dort Ende der 1960er-Jahre aus alten Türen von Abbruchhäusern ein Wochenendhaus, um sich ins Private zurückzuziehen. Doch die vermeintliche Abgeschiedenheit erweist sich als Trugschluss. Mitte der 1970er-Jahre wird unmittelbar hinter den Grundstücken ein Stacheldrahtzaun errichtet. Erst nach der Wende erfahren die Bewohner, dass sich dahinter der geheime, dreistöckige Atomschutzbunker der DDR befand. Die Siedler bewegen sich unter den Ferngläsern patrouillierender Soldaten und versuchen, sich zwischen Vorsicht, Anpassung und kleinen Gesten der Annäherung, wie dem Reichen von Bier durch den Zaun, zu arrangieren.
Mitte der 1980er-Jahre verödet Monas sommerlicher Zufluchtsort nahe Bernau. In diesem Zeitraum stellen immer mehr ihrer Künstlerfreunde Ausreiseanträge und werden daraufhin mit Berufsverboten und sozialer Isolation belegt. Mit dem Zusammenbruch der DDR und dem Verlust seiner Arbeit gerät Georg in den 1990er-Jahren aus dem Gleichgewicht. Mit inzwischen fünfzig Jahren beginnt für ihn eine Phase der Selbstbefragung bei langen Läufen durch die brandenburgischen Wälder. Der Roman beschreibt den Übergang von der Scham über das eigene Mitläufertum zum Trotz.
Peggy Mädler zeigt, wie sich die Hoffnungen ihrer Figuren im Laufe der Zeit verändern. Georg und seine Freunde glauben zunächst daran, die DDR durch neue Ideen verbessern zu können. Nach dem Scheitern dieser Hoffnungen ziehen sie sich immer mehr ins Private zurück und versuchen, trotz der staatlichen Kontrolle ihren eigenen Freiraum zu bewahren. Auch nach der Wende müssen sie mit den Folgen ihrer früheren Entscheidungen und der Veränderungen in ihrem Leben umgehen.
































