36 Jahre nach der Wiedervereinigung blickt Schriftstellerin Paula Fürstenberg zurück auf gebrochene Versprechen. Sie zeigt auf, warum für sie und andere Nachwendekinder die Idee der inneren Einheit fehlgeschlagen ist.
| BUCHTIPP:
Paula Fürstenberg: „Niewiedervereinigung: 100 Zwischenrufe zur deutschen Einheit“, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2026, 256 Seiten, 18 € (Hardcover). |
Die Idee zum Buch entwickelte sich bei Paula Fürstenberg über fast zehn Jahre. Seit 2017 begleitet sie der Gedanke, dass wir die Einheit nicht brauchen. Das unhinterfragte gesellschaftliche Ziel von 1990, Ost- und Westdeutschland müssten zu einer Einheit zusammenwachsen, sei nicht nötig. Sie glaube auch nicht mehr ans Zusammenwachsen. Dabei unterscheidet die Autorin zwischen politischer und innerer Einheit. Mit „Niewiedervereinigung“ meint sie nicht die vollzogene politische Einheit, sondern deren mentale, geistige, kulturelle und emotionale Seite. Sie versteht den 9. November 1989 als demokratisches und den 3. Oktober 1990 als nationalistisches Momentum.
Ausgehend davon blickt die Autorin auf ihre Nachwendekindheit und Ostsozialisierung zurück. Zentrales Gefühl ihrer Kindheit in den 1990er-Jahren sei es gewesen, durchgehalten zu haben. An einen „Stolz auf das Erreichte“, wie er von Bundeskanzlern und Bundespräsidenten propagiert wurde, kann sie sich im Zusammenhang mit ihrer Kindheit in Potsdam nicht erinnern. Das Verhältnis zu ihrer Elterngeneration beschreibt sie als „Emotrouble Ost“. Einerseits empfindet sie Dankbarkeit: Ihre Eltern waren 1989 auf die Straße gegangen, hatten die Diktatur abgeschafft sowie Arbeitslosigkeit und Abstieg ertragen. Andererseits steht die Anklage, die Nachwendekinder mit Armut, Arbeitslosigkeit und Nazis allein gelassen zu haben. Fürstenberg wirft ihrer Elterngeneration vor, den Kontakt zu den Nachwendekindern abgebrochen und ihnen eine ökologische Katastrophe hinterlassen zu haben. Ihre eigene Generation versteht sie als „68er des Ostens“: Sie stehe für weniger Konfrontation und Wut, dafür für mehr „Verstehen wollen“ und Trauerarbeit. Ihr Fazit zur Nachwendekindheit ist dennoch ernüchternd: Deutschland habe es zum zweiten Mal in seiner Geschichte verpasst, eine antifaschistische Gesellschaft zu bilden. Von Versprechen wie „blühenden Landschaften” und Antifaschismus sei wenig geblieben. Stattdessen folgten Arbeitslosigkeit, Abwanderung und rechte Gewalt.
Die Leserschaft erhält einen Eindruck von Fürstenbergs Jugend in Potsdam, die sie in einem politisch linken Umfeld erlebte und in der sie nahezu täglich rechte Aufmärsche verhinderte. Diese „Baseballschlägerjahre“ haben sie geprägt. Dabei erkennt sie eine Verdrängungskultur ihrer Generation, von der sie selbst betroffen ist. Beim Ausräumen ihres Jugendzimmers findet sie akribisch gesammelte Zeitungsartikel über rechtsextreme Übergriffe in ihrer Gegend. Sie kann sich jedoch nicht daran erinnern, dass diese Vorfälle damals Thema gewesen wären. Auch einen Angriff auf ihren Freund Jonas hat sie anders in Erinnerung: Erst im erneuten Gespräch mit ihm erfährt sie, dass nicht nur ein Rechtsextremist, sondern sieben beteiligt waren und seine Verletzungen deutlich schwerer waren. Fürstenberg schließt daraus, dass sie den Vorfall verdrängt hat. Sie hält fest, dass man den Osten nicht ohne seine Gewalt erzählen könne. Aus Angst vor Klischees über die bestehende rechte Gewalt in Teilen Ostdeutschlands zu schweigen, sei falsch.
Die Autorin wirft auch einen Blick auf die „ostdeutsche Vergessenskultur“. Im Rahmen der Recherchen zu ihrem Debütroman besuchte sie das Stasigefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Als der ehemalige Insasse und Tourguide die Gruppe fragte, wer in der DDR geboren sei, hob nur sie die Hand. Er erklärte, Ostdeutsche würden den Ort selten besuchen. Fürstenberg versteht das Nichtbesuchen historischer Orte und das Nichtlesen von Stasiakten als Beispiel für ostdeutsche Vergessenskultur und als Ausdruck eines Gar-nicht-wissen-Wollens.
Eine weitere Erinnerungslücke sieht sie bei der Volkskammerwahl im März 1990: Viele ältere Ostdeutsche könnten sich nicht mehr daran erinnern, was sie gewählt hatten, obwohl es die erste freie Wahl in der DDR war. Fürstenberg erinnert daran, dass die Wähler damit zugleich für den bedingungslosen Beitritt zur BRD, die Ausdehnung des Grundgesetzes und die sofortige Währungsunion stimmten. Sie seien in dieser freien Wahl also keineswegs passiv gewesen. Kolonialisierungsvorwürfe gegenüber Westdeutschland seien demnach nicht berechtigt, denn der Westen habe den Osten nicht gegen seinen Willen eingenommen.
Auch die westdeutsche Seite kritisiert Fürstenberg. Politiker wie Helmut Kohl oder Christian Wulff beschrieben den 3. Oktober 1990 als Glücksgefühl und Freudentag. Gleichzeitig belagerten am selben Abend 200 Nazis das besetzte Haus „Kötschauer Mühle“ in Zerbst (Sachsen-Anhalt), setzten es in Brand und zwangen die Hausbesetzer, auf das Dach zu fliehen, um nicht zu verbrennen. Für Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung, queere Menschen, obdachlose Menschen, Jüdinnen und Juden sowie Linke war der 3. Oktober deshalb kein Freudentag, sondern der Beginn lebensgefährlicher Zeiten, wie die Autorin schreibt.
Um eine echte Einheit zu erreichen, fordert Fürstenberg, das demokratische Momentum zu stärken. Dazu gehört für sie, den Nationalfeiertag vom 3. Oktober auf den 9. Oktober (Demonstrationen in Leipzig im Jahr 1989) oder den 4. November (die größte Demonstration in der Geschichte der DDR in Ostberlin) zu verlegen. So soll eine nationalistische Anschlussfähigkeit verhindert werden. Zudem solle Forsa jährlich fragen, wie es um die 1989 errungene Demokratie und ihr Versprechen von Teilhabe für alle stehe, statt zu fragen, ob die Deutschen als Volk zusammengewachsen seien. Die ostdeutsche Wut sollte nicht als grundsätzliche Ablehnung der Demokratie verstanden werden, sondern als Kritik an der Ausgestaltung der indirekten, parteipolitischen Demokratie.
Paula Fürstenberg betrachtet die Wende aus einem ungewohnten Blickwinkel. Ihr Buch hilft, den Umgang der Nachwendekinder mit der Wiedervereinigung zu verstehen und erklärt, warum gerade diese Generation die 1990er- und 2000er-Jahre mit vergleichsweise wenigen positiven Erlebnissen verbindet. Das Buch regt an, die Zeit seit dem 3. Oktober 1990 mit anderen Augen zu betrachten und zu verstehen, wie es zu einer Stärkung nationalistischer Kräfte in Deutschland kommen konnte.
































