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Buchvorstellung: „Die Jugend malt wieder Hakenkreuze“

Rechts­extre­me Sym­bo­le und Hal­tun­gen nor­ma­li­sie­ren sich zuneh­mend im All­tag. Die Jour­na­lis­tin Manue­la Mül­ler ist die­sem Phä­no­men auf den Grund gegan­gen. Sie zeigt am Bei­spiel ihrer säch­si­schen Hei­mat, wie sich eine Gene­ra­ti­on jun­ger Men­schen in Ost­deutsch­land radi­ka­li­siert hat.

BUCHTIPP:

Manue­la Mül­ler: „Die Jugend malt wie­der Haken­kreu­ze – Von der Radi­ka­li­sie­rung einer Gene­ra­ti­on“, Tro­pen­ver­lag, Stutt­gart 2026, 240 Sei­ten, 18 € (Klap­pen­bro­schur).

Mül­ler, die als Repor­te­rin bei der Frei­en Pres­se Chem­nitz arbei­tet, blickt auf Erfah­run­gen aus ihrer eige­nen Kind­heit zurück und sie spricht mit Betrof­fe­nen, die von ihren Erfah­run­gen mit dem wach­sen­den Rechts­extre­mis­mus berich­ten. Gleich zu Beginn nimmt die Autorin die Leser­schaft mit auf einen Spa­zier­gang, den sie gemein­sam mit ihrer jugend­li­chen Toch­ter in Zwi­ckau unter­nom­men hat. Dabei ent­de­cken Mut­ter und Toch­ter scho­ckiert Haken­kreu­ze an Holz­to­ren, Stra­ßen­la­ter­nen und auf einer schma­len Mau­er zwi­schen zwei Garagentoren.

Einen Ein­blick in die Radi­ka­li­sie­rung jun­ger Men­schen erhält Mül­ler unter ande­rem durch das Gespräch mit Judith. Sie erzählt der Autorin von ihrem drei­zehn­jäh­ri­gen Sohn Kurt. Alles beginnt bei einem gemein­sa­men Ein­kaufs­bum­mel: Kurt nimmt eine Jacke der Mar­ke „Lons­da­le“ vom Klei­der­ha­ken und pro­biert sie an. Judith beschreibt, dass ihr Sohn zum ers­ten Mal sehr genau weiß, wel­che Klei­dung er tra­gen möch­te. Er nennt den Stil „Casu­al Style“ und bevor­zugt die Mar­ken Lons­da­le, Fred Per­ry und Lyle & Scott. Judith denkt sich zunächst nichts dabei und kauft Kurt die Lons­da­le-Jacke. Erst spä­ter stößt sie im Inter­net auf Bil­der von rechts­extre­men Jugend­li­chen und beginnt, die Radi­ka­li­sie­rung ihres Soh­nes zu rea­li­sie­ren. Doch es bleibt nicht bei der Klei­dung. Kurt bringt in sei­nem Zim­mer Sti­cker der AfD mit der Auf­schrift „Abschie­be­of­fen­si­ve star­ten!“ an. Als Judith die­se ent­deckt, ver­pflich­tet sie ihn, sie wie­der zu ent­fer­nen. Nur wider­wil­lig kommt der Jun­ge ihrer Auf­for­de­rung nach. Auch Flag­gen möch­te Kurt in sei­nem Zim­mer auf­hän­gen und bringt eines Tages die Reichs­kriegs­flag­ge mit. Die­se muss er umge­hend wie­der zurückbringen.

Als Manue­la Mül­ler Judith besucht, ent­deckt sie Sti­cker der AfD mit der Auf­schrift „Zwi­ckau wählt blau“ sowie Auf­kle­ber der Hoo­li­gan-Grup­pie­rung „Faust des Ostens“ von Dyna­mo Dres­den. Judith erklärt, dass die­se Din­ge Zuge­ständ­nis­se an Kurt sei­en, um ihren Sohn nicht zu ver­lie­ren. In ihrem Gespräch beschreibt sie den immer wie­der­keh­ren­den Kampf gegen Kurts wei­te­re Radikalisierung.

Neben Eltern kom­men auch Jugend­li­che zu Wort, die die Ver­än­de­run­gen bei Freun­den oder Klas­sen­ka­me­ra­den beob­ach­ten. Eine von ihnen ist Anna. Bei ihrem Schwarm ent­deckt sie die Radi­ka­li­sie­rung, als sie auf sein Insta­gram-Pro­fil stößt. Gleich­zei­tig erzählt sie von ihrer bes­ten Freun­din Leo­nie, die sie seit der Grund­schu­le kennt und die zuneh­mend in die rech­te Sze­ne abrutscht. Was zunächst mit dem Ent­fer­nen und Über­kle­ben von Sti­ckern mit poli­tisch lin­ken Paro­len beginnt, ent­wi­ckelt sich bei Leo­nie immer wei­ter. Sie schimpft auf Lin­ke, Homo­se­xu­el­le und Aus­län­der und hängt schließ­lich ein Pos­ter von AfD-Che­fin Ali­ce Wei­del in ihrem Zim­mer auf. Ein ande­res Bei­spiel ist Max. Er wird wäh­rend sei­ner Schul­zeit mit Rechts­extre­mis­mus kon­fron­tiert. Aus Trotz ent­wi­ckelt er dabei zuneh­mend poli­tisch lin­ke Über­zeu­gun­gen. Er erzählt von einer ehe­ma­li­gen Freun­din, deren Vater abends in der Küche die rechts­ra­di­ka­le Band „Land­ser“ zum „Abspan­nen“ hört und die Musik lau­ter dreht. Außer­dem berich­tet Max von Mäd­chen, die „Lipsync“ – also Syn­chron­s­in­gen – zum Land­ser-Lied „Ari­sches Kind“ machen und damit auf Insta­gram Likes sammeln.

Doch Mül­ler beschränkt ihre Recher­che nicht nur auf Gesprä­che mit Jugend­li­chen und deren Umfeld. Für ihr Buch besucht sie auch Sim­son-Tref­fen von Jugend­li­chen und spricht mit dem Orga­ni­sa­tor Domi­nic Wür­fel. Er zeigt sich scho­ckiert über Vor­fäl­le mit Haken­kreu­zen und „Sieg-Heil“-Grüßen und ver­sucht, die Schwie­rig­kei­ten, die er mit sei­nen Fes­ti­val­be­su­chern hat, von den Medi­en fern­zu­hal­ten. Auch mit der Zwi­ckau­er Ober­bür­ger­meis­te­rin Con­s­tance Arndt spricht Mül­ler über ihre Erfah­run­gen als Poli­ti­ke­rin im Kampf gegen die Radi­ka­li­tät von Jugendlichen.

Manue­la Mül­ler ver­sucht in ihrem Buch, die Radi­ka­li­sie­rung einer Gene­ra­ti­on jun­ger Men­schen in Ost­deutsch­land zu ver­deut­li­chen. Dafür ver­bin­det sie eige­ne Erfah­run­gen und Ent­de­ckun­gen mit den Infor­ma­tio­nen aus Gesprä­chen mit Betrof­fe­nen, um die Wege und Beweg­grün­de hin­ter der Radi­ka­li­sie­rung zu ver­ste­hen. Aus die­sem Zusam­men­spiel ent­steht eine beein­dru­cken­de Lek­tü­re. Das Buch zeigt, mit wel­chen Mit­teln Rechts­po­pu­lis­ten bei jun­gen Men­schen erfolg­reich sind, wie Rechts­ra­di­ka­li­tät in man­chen Regio­nen zur Nor­ma­li­tät gewor­den ist und wie Jugend­li­che in die rech­te Sze­ne abdriften.

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