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Wie Egon Krenz zum Mitwisser einer Flucht wurde …

Heu­te erscheint der Film „Spa­zier­gang nach Syra­kus“ des Regis­seurs und Dreh­buch­au­tors Lars Jes­sen. Der Publi­zist und Schrift­stel­ler Dr. Andre­as H. Apelt beschreibt den unge­wöhn­li­chen Weg her­aus aus der DDR und wie­der zurück, um den es in dem Strei­fen geht.

Der Film „Spaziergang nach Syrakus“ ist einer Reise des gelernten Schlossers Klaus Müller nachempfunden. Die Hauptrolle des Paul spielt Charly Hübner. Abbildung: Pandora Film

Der Film „Spa­zier­gang nach Syra­kus“ ist einer Rei­se des gelern­ten Schlos­sers Klaus Mül­ler nach­emp­fun­den. Die Haupt­rol­le spielt Char­ly Hüb­ner. Abbil­dung: Pan­do­ra Film

Immer­hin war er der zwei­te Mann im Staat und nach dem Staats­rats­vor­sit­zen­den und Gene­ral­se­kre­tär Erich Hon­ecker die wich­tigs­te Figur in der Par­tei- und Staats­füh­rung: Egon Krenz. Er war es, der am 9. Juni 1988 einen unge­wöhn­li­chen Brief erhielt. Absen­der war Klaus Mül­ler, 46, gelern­ter Schlos­ser und als Kell­ner auf Hid­den­see tätig. Mül­ler eröff­ne­te ihm selbst­be­wusst, dass er die DDR ver­las­sen wer­de. Nicht, um zu flie­hen, son­dern um zu einer Bil­dungs­rei­se nach Syra­kus in Ita­li­en auf­zu­bre­chen. Schließ­lich habe sein säch­si­scher Lands­mann, der Schrift­stel­ler Johann Gott­fried Seu­me, bereits 1802 von Grim­ma bei Leip­zig aus, die 6.000-km-Strecke bis nach Syra­kus vor­wie­gend zu Fuß zurückgelegt.

Seu­me galt als ein Meis­ter der Rei­se­be­schrei­bung. Sein Bericht, „Spa­zier­gang nach Syra­kus“, wur­de im frü­hen 19. Jahr­hun­dert zum Best­sel­ler. Aber er begeis­ter­te auch noch 200 Jah­re spä­ter, wie das Bei­spiel Mül­ler zeigt, denn der gebür­ti­ge Dresd­ner beschloss, auf den Spu­ren Seu­mes über die Alpen bis nach Sizi­li­en zu wan­dern. Die Geschich­te ist so rüh­rend wie absurd, dass sie F.C. Deli­us 1995 in einem Roman ver­ewig­te. Klaus Mül­ler erzählt sie selbst im Buch „Selbst­be­frei­ung im Schat­ten der Mau­er“, aber auch im Buch „Hid­den­see, die Insel der Ande­ren“ (Hrsg. Apelt/Klauss). Hier steu­ert er eine Rei­he von Doku­men­ten bei. Doch nicht nur die Lite­ra­tur hat sich des Stof­fes ange­nom­men. Heu­te kommt die Ver­fil­mung „Spa­zier­gang nach Syra­kus“ in die Kinos. Auch wenn der Film die wah­re Geschich­te groß­zü­gig inter­pre­tiert, ist schon die Beset­zung mit Char­ly Hüb­ner in der Haupt­rol­le sehenswert.

Das Beson­de­re an der mehr­wö­chi­gen Bil­dungs­rei­se nach Syra­kus ist Mül­lers Wunsch, in die DDR zurück­zu­keh­ren. Und genau des­halb weiht er auch den Stell­ver­tre­ten­den Staats­rats­vor­sit­zen­den ein. Aller­dings schickt er den Brief erst am Abend sei­ner „Abrei­se“ ab. Sicher ist eben sicher. Als unfrei­wil­li­ger Zeu­ge des Vor­ha­bens und „Mit­wis­ser“ gilt nun Egon Krenz. Für Mül­ler ein Ass im Ärmel.

Strand und Sanddüne beim Leuchtturm Gellen auf der Insel Hiddensee. Dr. Andreas H. Apelt zufolge war die Insel das Eldorado für Künstler, Lebenskünstler, Aussteiger, Träumer und Andersdenkende. Abbildung: A. Savin, Wikimedia Commons

Strand und Sand­dü­ne beim Leucht­turm Gel­len auf der Insel Hid­den­see. Dr. Andre­as H. Apelt zufol­ge war die Insel auch zu DDR-Zei­ten ein Eldo­ra­do für Künst­ler, Lebens­künst­ler, Aus­stei­ger, Träu­mer und Anders­den­ken­de. Abbil­dung: A. Savin, Wiki­me­dia Commons

Dass der gan­ze Vor­fall sich aus­ge­rech­net auf Hid­den­see abspielt, moch­te kein Zufall sein. Die Insel galt als Nie­mands­land und exter­ri­to­ria­les Gebiet. Im Meer, in Sicht­wei­te der däni­schen Insel Moen gele­gen, scheint sie nicht mehr die DDR und doch auch nicht irgend­ein ande­res Staats­we­sen zu sein. Kein Wun­der, war die Insel doch das Eldo­ra­do für Künst­ler und Lebens­künst­ler, Aus­stei­ger jeder Cou­leur, Träu­mer und Anders­den­ken­de. Auch Aus­rei­se­wil­li­ge ver­ding­ten sich hier als Sai­son­kräf­te und lie­ßen die DDR weit hin­ter sich. Aber nicht nur jene, die mit der DDR abge­rech­net hat­ten, fan­den sich hier ein. Auch Mit­glie­der des ZK und Polit­bü­ros, Wis­sen­schaft­ler, Schau­spie­ler, Schrift­stel­ler, Maler und Publi­zis­ten ent­deck­ten sehr schnell die Rei­ze der Insel, die schon in den Vor­kriegs­jah­ren Pro­mi­nen­te anzog, von Ger­hart Haupt­mann über Albert Ein­stein bis Tho­mas Mann. Ihnen folg­ten zu DDR-Zei­ten: Wal­ter Fel­sen­stein, Gret Paluc­ca, Armin Muel­ler-Stahl und vie­le andere.

Zu denen, die auf der Insel Ent­span­nung und Ruhe such­ten, zähl­ten auch schil­lern­de Per­sön­lich­kei­ten wie Mar­kus Wolf, der Chef des Aus­lands­ge­heim­diens­tes und Sta­si-Vize­chef. Aller­dings hielt sich das mit der Ruhe in Gren­zen, weil zuwei­len Punk­bands wie Fee­ling B mit selbst­ge­bau­ten, von Bat­te­rien betrie­be­nen Ver­stär­kern gan­ze Strand­ab­schnit­te ohren­be­täu­bend beschall­ten. Die Band­mit­glie­der rekru­tier­ten sich auch aus den Funk­tio­närs­kin­dern. Vie­le von ihnen waren am Sys­tem ver­zwei­felt, hat­ten Aus­rei­se­an­trä­ge gestellt oder ver­such­ten, über eine der Gren­zen, dem Arbei­ter- und Bau­ern­staat zu entfliehen.

An nichts ande­res dach­te Klaus Mül­ler, nur mit dem Unter­schied, zurück­keh­ren zu wol­len. So ver­such­te er es zunächst auf ande­rem Wege. Neben Aus­rei­se­an­trä­gen hoff­te er im Rah­men der neu abge­schlos­se­nen Städ­te­part­ner­schaft Ros­tock-Bre­men, in den Genuss einer Rei­se gen Wes­ten zu kom­men. Doch als auch die­ses Ansin­nen bei den Ros­to­cker Behör­den trotz der Für­spra­che des dama­li­gen Bre­mer Bür­ger­meis­ters Klaus Wede­mei­er auf Ableh­nung stieß, beschloss Klaus Mül­ler, sei­ne Aus­rei­se selbst in die Hand zu nehmen.

Charly Hübner als Paul bei einer Erkundung an der Ostsee. Auch Klaus Müller erkundete vor seiner Reise die Umgebung und hielt laut Apelt die innerdeutsche Grenze für gefährlicher als die Flucht über die Insel Hiddensee. Abbildung: Sammy Hart, Pandora Film

Char­ly Hüb­ner als Paul bei einer Erkun­dung an der Ost­see. Abbil­dung: Sam­my Hart, Pan­do­ra Film

Fort­an nutz­te er sei­ne Auf­ent­hal­te auf Hid­den­see, um von hier aus eine aben­teu­er­li­che Rei­se zu pla­nen. Von Hid­den­see aus in die Frei­heit zu gelan­gen, schien ihm jeden­falls deut­lich weni­ger gefähr­lich, als etwa die inner­deut­sche Land­gren­ze oder die Ber­li­ner Mau­er zu über­win­den. Doch was heißt ungefährlicher?

Für Mül­ler, der sich als „ech­te Land­rat­te“ emp­fin­det, bleibt es ein wag­hal­si­ges Unter­neh­men. Bei 5.600 Flucht­ver­su­chen gelang es gera­de ein­mal ein­tau­send Men­schen, unbe­scha­det in den Wes­ten bzw. Nor­den zu gelan­gen. Vie­le Flucht­wil­li­ge wur­den vor­her auf­ge­grif­fen, oder die Flucht­ver­su­che konn­ten ver­ei­telt wer­den. Mehr als 170 Men­schen ertranken.

Klaus Mül­ler wuss­te um die Gefah­ren der See und mög­li­che dra­ko­ni­sche Stra­fen, soll­te sei­ne Aus­rei­se – er sprach nicht von Flucht – gelin­gen. Akri­bisch berei­te­te er alles vor. So kauf­te er eine Jol­le und brach­te sich über Jah­re selbst das Segeln bei. Aber vor allem lern­te er zu navi­gie­ren, Him­mels­rich­tun­gen an den Stern­zei­chen zu erken­nen, Strö­mun­gen zu berech­nen, Prie­le zu erken­nen und Win­de zu deuten.

Am 7. Juni 1988 war es nach jah­re­lan­ger War­te­zeit so weit. Am Mor­gen hör­te Klaus Mül­ler im Radio den See­wet­ter­be­richt, der ihn elek­tri­sier­te. Der Wind stand güns­tig und ließ trotz anfäng­li­cher Schwie­rig­kei­ten sei­ne Plas­tik-Nuss­scha­le aus dem Bod­den in die offe­ne See trei­ben. Von da an ging es flott nach Nord-West. Nach fast 14 Stun­den erreich­te der Hob­by­seg­ler den däni­schen Hafen Gedser. Wäh­rend in Ros­tock in Abwe­sen­heit ein Haft­be­fehl für Mül­ler aus­ge­stellt wur­de, begann für ihn die acht­mo­na­ti­ge Bil­dungs­rei­se, die ihn in die Bun­des­re­pu­blik, dann aber auch nach Ita­li­en führ­te, wo er über Rom, Nea­pel und Taor­mi­na über­glück­lich Syra­kus erreich­te. Im Früh­jahr 1989 reis­te er, nach­dem er erneut Egon Krenz infor­miert hat­te, wie­der in die DDR ein. Höchst skep­tisch, ob er mit sei­ner Begrün­dung einer Bil­dungs­rei­se auch die Staats­macht mil­de stim­men kann, macht er sicher­heits­hal­ber noch einen wei­te­ren Vor­schlag, um die Sinn­haf­tig­keit sei­ner Rei­se zu unter­mau­ern. So heißt es in dem in der Sta­si­ak­te Mül­lers archi­vier­ten Brief an Krenz: „Wenn Sie (Krenz; Anm. d. Red.) mir, weil ich kein Aka­de­mi­ker bin, eine Bil­dungs­rei­se nicht zubil­li­gen wol­len, nen­ne ich mei­ne Rei­se eine Walz.  Ich war in der BRD in vier Städ­ten, auf sie­ben Arbeits­stel­len, in zwei Beru­fen zeit­wei­lig tätig und habe dort und in Ita­li­en rei­che beruf­li­che Erfah­run­gen sam­meln können.“

Die Staats­si­cher­heit ist rat­los. Nach einer Nacht in einer Gäs­te-Zel­le wird Mül­ler nach Rönt­gen­tal in ein Wie­der­auf­nah­me­la­ger für Über­sied­ler aus dem Wes­ten gebracht. Dort, in der Nähe Ber­lins, bleibt er 21 Tage und wird ohne Auf­la­gen in die DDR ent­las­sen. In der hei­mat­li­chen Umge­bung ist die Freu­de über sei­ne Wie­der­kehr groß. Aber er wird auch mit viel Skep­sis emp­fan­gen. Viel­leicht, so die Unter­stel­lung, gibt es doch einen Deal mit der Sta­si. Die Gerüch­te­kü­che bro­delt. Weni­ge Mona­te spä­ter fällt die Mau­er. Das Gerücht ent­behr­te zwar jeder Grund­la­ge, aber es hat­te gereicht, um Freun­de zu ver­lie­ren. Doch es wur­den auch neue gefunden.

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