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	<title>Sammelband Archive - ostdeutschland.info</title>
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	<description>Impulse für den Osten</description>
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	<title>Sammelband Archive - ostdeutschland.info</title>
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	<item>
		<title>Prof. Dr. Christoph Meinel: Blühende Landschaft. Wie aus einem Todesstreifen eine Oase der Kreativität wurde</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 May 2026 05:30:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Prof. Dr. Christoph Meinel, Präsident der German University of Digital Science und vormals Institutsdirektor sowie CEO des Hasso-Plattner-Instituts, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7657" class="wp-image-7657" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Meinel_DIAO2.png" alt="Prof. Dr. Christoph Meinel, Präsident German University of Digital Science, vormals Institutsdirektor und CEO des Hasso-Plattner-Instituts. " width="706" height="1000">Prof. Dr. Christoph Meinel, Präsident German University of Digital [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/prof-dr-christoph-meinel-bluehende-landschaft-wie-aus-einem-todesstreifen-eine-oase-der-kreativitaet-wurde/">Prof. Dr. Christoph Meinel: Blühende Landschaft. Wie aus einem Todesstreifen eine Oase der Kreativität wurde</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Prof. Dr. Christoph Meinel, Präsident der German University of Digital Science und vormals Institutsdirektor sowie CEO des Hasso-Plattner-Instituts, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7646"></span></p>
<div id="attachment_7657" style="width: 716px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7657" class="wp-image-7657" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Meinel_DIAO2.png" alt="Prof. Dr. Christoph Meinel, Präsident German University of Digital Science, vormals Institutsdirektor und CEO des Hasso-Plattner-Instituts. " width="706" height="1000"><p id="caption-attachment-7657" class="wp-caption-text">Prof. Dr. Christoph Meinel, Präsident German University of Digital Science, vormals Institutsdirektor und CEO des Hasso-Plattner-Instituts. Abbildung: Kay Herschelmann</p></div>
<p>Es ist riskant in der heutigen Zeit, die von sozialer Spaltung und Populismus auf allen Seiten der politischen Lager geprägt ist, Helmut Kohls Vision der blühenden Landschaften für die Entwicklung Ostdeutschlands nach dem Zusammenbruch der DDR in Erinnerung zu rufen. 35 Jahre nach der Wende haben sich die ostdeutschen Bundesländer rasant entwickelt und Freiheit und Wohlstand für ihre Bürger hervorgebracht. Andererseits hat sich das Versprechen des Einheitskanzlers vielerorts nicht materialisiert, sodass das geflügelte Wort allzu häufig nur mit ironischem Zungenschlag gebraucht wird.</p>
<p>Wir dagegen möchten über eine Landschaft in Ostdeutschland berichten, die eine so unwahrscheinliche Entwicklung genommen hat, wie man sie sich nur vorstellen kann: Zwischen Westberlin und Potsdam verlief über viele Jahrzehnte die Berliner Mauer mit ihrem breit angelegten, lebensfeindlichen Todesstreifen auf Seiten der DDR. Ein freies Schussfeld sollte die eingesperrten DDR-Bürger an einer Flucht hindern. Doch schon zehn Jahre nach dem vollkommen unerwarteten Untergang der DDR war in diesem Todesstreifen nicht nur das sprichwörtliche Gras gewachsen, sondern es siedelte sich das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (heute: HPI für Digital Engineering) an, von den Medien schnell das IT-Lab Deutschlands genannt. Aus diesen mit schlimmsten Erinnerungen verbundenen Ort ist eine blühende Landschaft für Kreativität, Innovation und Wissenschaft geworden.</p>
<p>Das Elite-Wissenschaftsinstitut zieht Talente aus aller Welt an, verfügt über einen globalen Ruf als Innovationstreiber mit universitären Partnerschaften nach Stanford und zum MIT, bringt herausragende wissenschaftliche Erkenntnisse und digitale Anwendungen hervor und ist mit seinen zahlreichen Ausgründungen zum Wachstumskern für die Region geworden. Wieso ist gerade hier gelungen, was an anderen Orten scheiterte? Was ist hier im ehemaligen Grenzgebiet zwischen Westberlin und der DDR passiert, sodass Kohls Vision zur Wirklichkeit werden konnte? Die kurze Antwort darauf vorweg: Politik und Privatinitiative haben in einer Weise zusammengewirkt, die von ideologiefreiem Pragmatismus, Tatendrang und gegenseitiger Anerkennung der jeweiligen Stärken und Schwächen geprägt war.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Nach 30 Jahren ist nichts mehr von der menschenfeindlichen Wüste des ehemaligen Todesstreifens übriggeblieben. Heute prägen junge Leute das Bild, die zu Innovatoren im Digitalbereich ausgebildet werden.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Die Gründer: Plattner und Stolpe</span></h2>
<p>Ausgangspunkt für die rasante Entwicklung war die Vision des SAP-Mitgründers Hasso Plattner, der die SAP in den USA groß gemacht hatte. Er wollte, angesteckt von dem Stiftergedanken erfolgreicher Unternehmensgründer dort, in Deutschland ein universitäres Eliteinstitut gründen, das nach dem Stanforder Modell Spitzenforschung eng mit Wissenstransfer zum wirtschaftlichen Anschub verbinden sollte. Er wollte nicht einfach nur ein weiteres Informatik-Uni- Institut gründen – davon gibt es an den deutschen Unis viele –, sondern eine Ausbildungsstätte, die den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen seiner Aktivitäten von Beginn an in Forschung und Lehre berücksichtigte. Am HPI sollte an komplexen und für Wirtschaft und Gesellschaft relevanten IT-Systemen gearbeitet werden. Der erzielte wissenschaftliche Output sollte sich in Innovationen, neuen Produkten und Prozessen materialisieren und so die digitale Transformation in Deutschland voranbringen.</p>
<p>Erste Gespräche zum Standort wurden mit der Berliner Verwaltung geführt. Allerdings entfachte das dort bei den politisch Verantwortlichen keine Euphorie. Eher wurde misstrauisch und ideologisch entgegnet, dass da ja jeder kommen könnte. Ganz anders Manfred Stolpe, erster Ministerpräsident von Brandenburg. Als er in einer gemeinsamen Talkshow von der noch sehr vagen Idee Hasso Plattners hörte, ergriff er mit seiner unideologisch geprägten Weitsicht die Gelegenheit, lud Plattner gleich am nächsten Tag zum Gespräch ein und überzeugte ihn, mit seinem Institut doch nach Potsdam zu kommen. Mit seinem pragmatischen politischen Handeln ermöglichte es Stolpe, einen Ort für das neue Institut zu finden – eben genau auf dem ehemaligen Todesstreifen – und bürokratische Hürden für das Projekt zu überwinden, das sich als ein strategisch ganz wichtiges Vorhaben in Brandenburg herausstellen sollte. Auf Seiten Plattners entwickelte sich durch diese aufkeimende Freundschaft eine besondere Liebe zu Potsdam, der die Stadt und das Land auch in ganz anderen Bereichen einen großen Aufschwung verdanken.</p>
<div id="attachment_7651" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7651" class="wp-image-7651" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/05/HPI-Campus-I_Nicole-Krueger.jpg" alt="Der Campus I des Hasso-Plattner-Instituts. Abbildung: Marie Staggat" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7651" class="wp-caption-text">Der Campus I des Hasso-Plattner-Instituts. Abbildung: Marie Staggat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Innovative Institutsstruktur</span></h2>
<p>Für Hasso Plattner war von Anfang an klar, dass sein Projekt nur dann erfolgreich sein würde, wenn es sich einerseits in die deutsche Wissenschaftslandschaft einfügt, aber gleichzeitig Entscheidungsspielräume für Innovationen offenlässt, die öffentlichen Institutionen und Organisationen fehlen. Das HPI wurde als gemeinnützige GmbH verfasst und zunächst als An-Institut an die Universität Potsdam (UP) angegliedert. Als Gastfakultät unterstützte die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät das HPI, Studiengänge einzurichten und Professoren zu berufen. Die eigentliche strukturelle Innovation kam dann 20 Jahre später: 2018 gründete die HPI gGmbH zusammen mit der Universität Potsdam die erste privat finanzierte Fakultät an einer öffentlichen Universität in Deutschland. Die „Digital Engineering Fakultät“ (DEF) der UP war geboren und ist bis heute europaweit ein einzigartiges strukturelles Konstrukt im Rahmen einer Public-Private- Partnership. Es verbindet die Agilität und Finanzkraft des privaten Sektors mit der Verlässlichkeit und den hohen Standards einer öffentlichen Universität. Es ermöglicht schnellere Berufungsverfahren, die Einführung von innovativen neuen Studien- und Forschungsprogrammen und eine enge Anknüpfung an die Privatwirtschaft für einen effektiven Wissenstransfer.</p>
<div id="attachment_7652" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7652" class="wp-image-7652" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/05/HPI-Hauptgebaeude_Nicole-Krueger.jpg" alt="Das Hauptgebäude des Hasso-Plattner-Instituts. Abbildungen: Nicole Krüger" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7652" class="wp-caption-text">Das Hauptgebäude des Hasso-Plattner-Instituts. Abbildung: Nicole Krüger</p></div>
<h2><span class="title-bg">Technische Innovationen</span></h2>
<p>Für Hasso Plattner war schnell klar, dass es nicht ausreicht, Spitzenforschung und -lehre anzubieten, damit die digitale Transformation in Deutschland und Europa gelingt. Deshalb förderte er neben den grundständigen IT-Studiengängen zusätzliche Ausbildungsangebote in der an der Stanford-Universität entwickelten Innovationsmethode des Design Thinking und ein Entrepreneurship- Programm am HPI, um Technologie, Nutzerzentrierung und Geschäftsmodellorientierung in die universitäre Ausbildung der HPI-Studierenden zu integrieren. Die HPID-School zum Beispiel war die erste ihrer Art in Europa und hat seit Gründung über 4.000 Studierende und über 20.000 Professionals im Design Thinking ausgebildet. Aufgrund ihres großen Erfolgs führten zahlreiche Großunternehmen und andere Ausbildungseinrichtungen die HPI-Methode ein; sie ist heute zum Industriestandard im Innovationsmanagement geworden. Die HPI School of Entrepreneurship hat das HPI zu einer der gründerstärksten akademischen Einrichtungen in Deutschland gemacht. So entstanden über 300 Start-ups im HPI-Ökosystem, das entspricht einer Gründerquote von zehn Prozent. Mit Signavio ist auch ein sogenanntes „Einhorn“ aus ihr hervorgegangen, also ein mit über einer Milliarde Euro bewertetes Start-up.</p>
<div id="attachment_7653" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7653" class="wp-image-7653" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/05/Villa_HPI-Campus-II_Nicole-Krueger.jpg" alt="Die Villa auf Campus II. Abbildungen: Nicole Krüger" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7653" class="wp-caption-text">Die Villa auf Campus II. Abbildung: Nicole Krüger</p></div>
<p>Für große Unternehmen ist es unter dem Druck der kurzfristigen Profitabilität oft schwer, langfristige Projekte und disruptive Technologien zu entwickeln, die sich erst nach vielen Jahren auszahlen. Wenige Jahre nach der Gründung des HPIs brachte der Stifter ein akutes technisches Problem an das Institut, das SAP-Ingenieure mit den herkömmlichen Methoden nicht lösen konnten: Wie sieht die Datenbanktechnologie der Zukunft aus, die in der Lage ist, Big-Data- Analysen effizient zu bearbeiten? HPI-Studierende entwickelten dazu, angeregt von Hasso Plattner selbst, einen völlig neuartigen In-Memory-Ansatz. Die Praxistauglichkeit dieses Ansatzes wiesen sie mit einem am HPI entwickelten Prototypen einer In-Memory- Datenbank nach, die große Datenmengen 10.000 Mal schneller verarbeiten konnte als die besten bestehenden Datenbank-Systeme. Dieser Prototyp wurde dann von SAP zur Marktreife gebracht und wird bis heute als SAP HANA weltweit sehr erfolgreich vertrieben – übrigens eine der ganz wenigen großen IT-Innovationen, die nicht aus dem Silicon Valley stammen. Damit war SAP das erste Unternehmen, das Big-Data-Echtzeitanalysen möglich machen konnte und so Geschäftsprozesse global revolutionierte.</p>
<div id="attachment_7654" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7654" class="wp-image-7654" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/05/HPI-Fakultaetseroeffnung-2017_Kay-Herschelmann.jpg" alt="Fakultätseröffnung im Jahr 2017. Abbildung: Kay Herschelmann" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7654" class="wp-caption-text">Fakultätseröffnung im Jahr 2017. Abbildung: Kay Herschelmann</p></div>
<h2><span class="title-bg">Durch Partnerschaft zum Erfolg</span></h2>
<p>Nach 30 Jahren ist nichts mehr von der menschenfeindlichen Wüste des ehemaligen Todesstreifens übriggeblieben. Es ist für keinen, der den HPI Campus heute besucht, noch vorstellbar, dass es an diesem Ort in der Vergangenheit so ganz anders ausgesehen hat. Heute prägen junge Leute das Bild, die zu Innovatoren im Digitalbereich ausgebildet werden. Es ist ein Platz für Spitzenforschung im Digital Engineering, im globalem Austausch mit anderen Eliteforschungszentren wie der Stanford-Universität und dem MIT sowie mit reihenweise neu gegründeten Unternehmen drum herum.</p>
<p>Diese Transformation konnte nur gelingen, weil konsequent ein Public Private Partnership gelebt wurde und jeder Sektor seine eigenen Vorteile ausspielen durfte. Hier kann man sehen, was gelingen kann, wenn man visionäre Menschen zusammenbringt und jenseits von Bedenken – egal, ob durch ideologische Scheuklappen, staatliche Bürokratie oder kurzfristiges Profitinteresse motiviert – in freier kreativer Betätigung einfach einmal machen lässt.</p>
<div id="attachment_7655" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7655" class="wp-image-7655" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/05/HPI-Richtfest-Hauptgebaeude-2009_Kay-Herschelmann.jpg" alt="Richtfest des Hauptgebäudes im Jahr 2009. Abbildung: Kay Herschelmann" width="600" height="399"><p id="caption-attachment-7655" class="wp-caption-text">Richtfest des Hauptgebäudes im Jahr 2009. Abbildung: Kay Herschelmann</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Hasso-Plattner-Institut für Digital Engineering gGmbH</span></h2>
<p><strong>GEGRÜNDET:</strong> 1998/Potsdam<br>
<strong>STANDORT:</strong> Potsdam<br>
<strong>MITARBEITENDE: </strong>circa 500<br>
<strong>WEBSITE:</strong> <a href="https://hpi.de/" target="_blank" rel="noopener">hpi.de</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Prof. Dr. Christoph Meinel</span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong>GEBOREN:</strong> 1954/Meißen</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Berlin</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Yuval Noah Harari: „Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz“, 2024</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/prof-dr-christoph-meinel-bluehende-landschaft-wie-aus-einem-todesstreifen-eine-oase-der-kreativitaet-wurde/">Prof. Dr. Christoph Meinel: Blühende Landschaft. Wie aus einem Todesstreifen eine Oase der Kreativität wurde</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Markus Meckel: 35 Jahre danach. Für ein neues Narrativ von friedlicher Revolution und deutscher Einheit</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/markus-meckel-35-jahre-danach-fuer-ein-neues-narrativ-von-friedlicher-revolution-und-deutscher-einheit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 May 2026 05:30:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7407</guid>

					<description><![CDATA[<p>Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR und Mit-Gründer der Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP), SPD, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7637" class="wp-image-7637 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Meckel_DIAO2.png" alt="Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR, Mit-Gründer Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP) SPD. Abbildung: Emanuela Danielewicz" width="704" height="1000">Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR, Mit-Gründer Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP), [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/markus-meckel-35-jahre-danach-fuer-ein-neues-narrativ-von-friedlicher-revolution-und-deutscher-einheit/">Markus Meckel: 35 Jahre danach. Für ein neues Narrativ von friedlicher Revolution und deutscher Einheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR und Mit-Gründer der Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP), SPD, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7407"></span></p>
<div id="attachment_7637" style="width: 714px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7637" class="wp-image-7637 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Meckel_DIAO2.png" alt="Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR, Mit-Gründer Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP) SPD. Abbildung: Emanuela Danielewicz" width="704" height="1000"><p id="caption-attachment-7637" class="wp-caption-text">Markus Meckel, letzter Außenminister der DDR, Mit-Gründer Sozialdemokratische Partei der DDR (SDP), SPD. Abbildung: Emanuela Danielewicz</p></div>
<p>35 Jahre ist es her, dass in der DDR geschah, was viele nicht für möglich gehalten hatten: Die DDR erlebte im Herbst 1989 eine friedliche Revolution. Die kleine Opposition der 80er-Jahre organisierte sich neu. Viele hatten vorher die Freiräume der Kirche wahrgenommen, jetzt traten sie aus ihr heraus – zuerst Ende August wir Sozialdemokraten, kurz darauf gründeten wir (noch im Untergrund) formell diese Partei. Wenig später entstanden dann neue Bewegungen und demokratische Netzwerke, das „Neue Forum“, „Demokratie Jetzt“, der „Demokratische Aufbruch“, später erweiterte sich das Spektrum.</p>
<p>Als die SED Anfang Oktober denen, die in den Westen wollten, die Wege über Ungarn erneut versperren wollte, gingen erst Zehn-, dann Hunderttausende an immer mehr Orten auf die Straße und stärkten der demokratischen Opposition den Rücken, sodass die SED und die anderen Blockparteien sie schließlich am „Runden Tisch“ als Gesprächspartner anerkennen mussten. In friedlichen Verhandlungen wurde der Weg zur demokratischen Wahl vorbereitet und diese fand schließlich am 18. März 1990 statt. Am 12. April hatte die DDR nach Koalitionsverhandlungen eine demokratische Regierung und bekannte sich am gleichen Tag in einer Erklärung der frei gewählten Volkskammer zur deutschen Schuld und zur Verantwortung aller Deutschen, die wir angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus tragen. Das hatte die SED immer von sich gewiesen.</p>
<p>Dieser Sieg von Freiheit und Demokratie war jedoch nicht nur eine Erfahrung in der DDR, sie war Teil einer siegreichen mitteleuropäischen Bewegung. Es war eine gewaltfreie Selbst-Demokratisierung der Polen und Ungarn, der Deutschen in der DDR sowie der Tschechen und Slowaken. Ähnliche Prozesse spielten sich etwa in den baltischen Staaten ab und dann auch in Rumänien und Bulgarien.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Lasst uns aus dem vorläufigen Grundgesetz durch Streichung des Art. 146 eine dauerhafte Verfassung machen!”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Die Ostdeutschen als Objekt der Einheit</span></h2>
<p>In Deutschland fiel im Zuge der friedlichen Revolution am 9. November 1989 die Mauer. Die ganze Welt schaute zu und wusste, dass sich nun viel Neues entwickeln würde. Damit stand plötzlich die Frage nach der Einheit Deutschlands auf der politischen Tagesordnung – und war nicht nur Hoffnung, Traum oder verpflichtende Perspektive des Grundgesetzes.</p>
<p>Doch wie konnte die Einheit erreicht werden? Liest man öffentliche Gedenkreden zum Mauerfall, entsteht der Eindruck, als ob damals Kanzler Helmut Kohl die Einheit geschaffen habe, unterstützt von US-Präsident George Bush sen. und mit letztlicher Zustimmung von Michail Gorbatschow. In dieser Erzählung sind dann die Ostdeutschen Objekt einer Wohltat des Westens. Aus dieser Perspektive entstand dann auch die Deutung einer „Übernahme“ oder gar „Kolonisierung“ der DDR. Doch diese öffentlich prägenden Erzählungen entsprechen nicht den historischen Abläufen.</p>
<p>Mit dem Mauerfall war deutlich geworden, dass die große Mehrheit der Bevölkerung der DDR die deutsche Einheit wünschte. Wer aber sollte die Einheit verhandeln? Für die demokratische Opposition in der DDR war klar, dass man diesen Prozess nicht der nicht gewählten Regierung der SED und der anderen Blockparteien überlassen konnte. Das musste die Aufgabe einer aus demokratischen und freien Wahlen hervorgegangenen Regierung sein! Nur eine solche konnte für Verhandlungen zur deutschen Einheit das Mandat haben. Und so kam es.</p>
<p>Vier Wochen nach dem Fall der Mauer begann der Zentrale Runde Tisch in der DDR. Neben zahlreichen weiteren regionalen Runden Tischen. Hier erfolgten dann auch die ersten Schritte der demokratischen Transformation. In den Verhandlungen am Zentralen Runden Tisch wurde zwischen Dezember 1989 und März 1990 die freie Wahl in der DDR vorbereitet. Der friedliche Übergang in demokratische Verhältnisse begann. Die am 18. März 1990 gewählte und am 12. April etablierte Koalitionsregierung hatte das Mandat, für die DDR-Bürger die Einheit zu verhandeln. Gleichermaßen begann sie unmittelbar mit der Demokratisierung von Staat und Gesellschaft.</p>
<div id="attachment_7639" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7639" class="wp-image-7639" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Bundesarchiv_Bild_183-1990-0326-017_Markus_Meckel_Ibrahim_Boehme-1.jpg" alt="26. März 1990, Berlin. Der Vorsitzende der Ost-SPD Ibrahim Böhme (rechts) schlägt seinen Stellvertreter Markus Meckel als amtierenden Parteivorsitzenden vor. Abbildung: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0326-017/Grimm, Peer/CC-BY-SA 3.0" width="600" height="411"><p id="caption-attachment-7639" class="wp-caption-text">26. März 1990, Berlin. Der Vorsitzende der Ost-SPD Ibrahim Böhme (rechts) schlägt seinen Stellvertreter Markus Meckel als amtierenden Parteivorsitzenden vor. Abbildung: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0326-017/Grimm, Peer/CC-BY-SA 3.0</p></div>
<p>Wer hat nun die deutsche Einheit hergestellt? Es macht doch einen grundlegenden Unterschied, ob wir Ostdeutschen in diesem Prozess Objekt oder – wie ich behaupte – Subjekt waren. Wie diese Geschichte erzählt wird, macht da schon etwas aus.</p>
<p>Die große Mehrheit der DDR-Bürger wollte die deutsche Einheit möglichst schnell. Die rechtlich schnellste Möglichkeit wiederum war der „Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes“ nach Art. 23 GG. Dieser Weg wurde dann auch gewählt, wobei die Sozialdemokraten in den Koalitionsverhandlungen darauf bestanden, dass dies auch bilateral nach Aushandlung von Verträgen über die Beitrittsbedingungen geschehen sollte. Mit den Verträgen zur Währungsunion und dem Einigungsvertrag wurden diese Bedingungen der Einheit innerhalb kürzester Zeit ausgehandelt. Entsprechend diesem Weg kann und muss man von einer „verhandelten Einheit“ sprechen, ausgehandelt zwischen zwei demokratischen deutschen Staaten (und mit den Alliierten). Wenn man den Prozess der deutschen Einheit 1989/90 so darstellt, wird deutlich: Die Ostdeutschen sind und waren Subjekt dieses Prozesses.</p>
<p>Man wird die deutsche Einheit als die Glücksstunde der Deutschen im 20. Jahrhundert ansehen müssen: 45 Jahre, nachdem wir Deutschen so viel Tod und Schrecken über ganz Europa gebracht hatten, nach Jahrzehnten der Teilung im Kalten Krieg, konnten wir Deutschen uns in Freiheit und Demokratie vereinigen, mit der Zustimmung unserer europäischen Nachbarn. In diesem Prozess war die dann demokratische DDR nicht Empfänger einer Wohltat, sondern verhandelnde Mitgestalterin.</p>
<div id="attachment_7640" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7640" class="wp-image-7640" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Bundesarchiv_Bild_183-1990-0412-019_Berlin_Unterzeichnung_der_Koalitionsvereinbarungen-1.jpg" alt="12. April 1990, Berlin. Die an der neuen DDR-Regierung beteiligten Parteien unterzeichnen die Koalitionsvereinbarung. Abbildung: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0412-019/Oberst, Klaus/CC-BY-SA 3.0" width="600" height="382"><p id="caption-attachment-7640" class="wp-caption-text">12. April 1990, Berlin. Die an der neuen DDR-Regierung beteiligten Parteien unterzeichnen die Koalitionsvereinbarung. Abbildung: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0412-019/Oberst, Klaus/CC-BY-SA 3.0</p></div>
<h2><span class="title-bg">Die DDR hat sich selbst demokratisiert</span></h2>
<p>Bis heute hat die Geschichte der „verhandelten Einheit“ mit den Ostdeutschen als Subjekt in unserer Gedenkkultur keinen angemessenen Ort. Das öffentliche Erinnern schreibt den Ostdeutschen allein die friedliche Revolution zu – die Einheit dagegen gilt als Werk Helmut Kohls. Dem ist zu widersprechen!</p>
<p>Die DDR hat sich, wie die anderen Länder Mitteleuropas, selbst demokratisiert. Nicht die DDR ging unter, sondern die kommunistische Herrschaft in der DDR. Die letzte und kurze Phase einer nun wirklich demokratischen DDR war die entscheidende Voraussetzung für den Prozess zur deutschen Einheit – und ein aktiver Part in diesem Prozess. Diese demokratische DDR und ihre Institutionen haben bis heute kaum Wahrnehmung gefunden, weder politisch noch in der historischen Forschung. Die Regierung der DDR nach der Wahl ist bis heute auch rechtlich nicht als wirklich demokratische Regierung anerkannt. Ihre Staatssekretäre, die im Zuge der Vereinigung zum Teil auch internationale Verhandlungen geführt haben, werden nicht als Teil der Regierung angesehen. Eine historische Darstellung der Positionen der Verhandlungspartner – und ihres Streites darüber – gibt es bis heute nicht. Ebenso wenig entsprechende Quellendokumentationen.</p>
<p>Die friedliche Revolution in der DDR gehört in den Zusammenhang des demokratischen Aufbruchs in ganz Mitteleuropa – einschließlich des Mauerfalls. Der Prozess der deutschen Einheit vom Mauerfall bis zur Vereinigung im Oktober 1990 ist jedoch zusätzlich als aufrechter Gang der Ostdeutschen in diese Einheit zu beschreiben. Die Ostdeutschen wollten diese Einheit nicht nur, sondern trieben sie auch politisch voran und gestalteten sie durch die von ihr gewählte Regierung mit.</p>
<p>Natürlich gab es auch in diesem Prozess vielerlei Schwierigkeiten und Fehleinschätzungen bei den Handelnden in West und Ost. Gleichzeitig gab es oft auch wenig Verständigungsbereitschaft, konsequente Durchsetzung der eigenen Interessen und das Ausspielen der westlichen Dominanz sowie fehlende Empathie und gelegentlich anmaßende Arroganz und Respektlosigkeit gegenüber den Vertretern der DDR. Zu dieser Geschichte gehört aber zugleich auch die Missachtung vieler DDR-Bürger gegenüber den Bemühungen der von ihnen selbst gewählten, eigenen Regierung. Sie verhandelte in deren Interesse und wurde vielfach dadurch geschwächt, dass die eigenen Bürger Verhandlungen als Zeitverschwendung auf dem Weg zu einer schnellen Einheit ansahen. Auch diese Perspektive bedarf noch einer differenzierenden Forschung – und nicht nur pauschaler Anklagen.</p>
<div id="attachment_7641" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7641" class="wp-image-7641" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Berlin_Russian_rally_in_support_of_Ukraine_asv2024-02-25_img08-1.jpg" alt="25. Februar 2024, Berlin. Kundgebung zur Unterstützung der Ukraine am Brandenburger Tor. Abbildung: A. Savin, Wikipedia" width="600" height="480"><p id="caption-attachment-7641" class="wp-caption-text">25. Februar 2024, Berlin. Kundgebung zur Unterstützung der Ukraine am Brandenburger Tor. Abbildung: A. Savin, Wikipedia</p></div>
<h2><span class="title-bg">Eine neue Verfassung</span></h2>
<p>Im Zuge der Vereinigung vor 35 Jahren ist viel über die Verfassungsfrage gestritten worden. Angesichts der Vereinigung der Deutschen auf dem rechtlich am leichtesten und schnellsten machbaren Weg des Beitritts nach Art. 23 GG wurde die Gefahr benannt, dass die Ostdeutschen nur als Hinzugekommene wahrgenommen werden. Deshalb wurde die Forderung erhoben, auf der Grundlage des Grundgesetzes eine neue Verfassung zu erarbeiten, die dann von allen Deutschen in Ost und West mit gleichwertiger Stimme in einem Volksentscheid verabschiedet werden sollte. Das wurde von der Bundesregierung damals abgelehnt, was zu mancher bis heute wirksamen Enttäuschung führte.</p>
<div id="attachment_7791" style="width: 422px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7791" class="wp-image-7791" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/10/Meckel_neu.jpg" alt="„Nicht die DDR ging unter, sondern die kommunistische Herrschaft in der DDR“, sagt Markus Meckel. Abbildung: Emanuela Danielewicz" width="412" height="600"><p id="caption-attachment-7791" class="wp-caption-text">„Nicht die DDR ging unter, sondern die kommunistische Herrschaft in der DDR“, sagt Markus Meckel. Abbildung: Emanuela Danielewicz</p></div>
<p>Gerade wurde der 75. Jahrestag des Grundgesetzes begangen – und seine große Bedeutung als Grundlagentext unserer Demokratie und Werte hervorgehoben. Wir Ostdeutschen konnten nun auch 35 Jahre Erfahrung sammeln – und sollten bekennen: Hier ist die Demokratie und Freiheit verankert, die wir damals erkämpften und wollten. Es ist die beste aller deutschen Verfassungen.</p>
<p>Doch warum ist das Grundgesetz vorläufig, warum sollten wir auf etwas anderes hoffen oder warten? Angesichts vieler kritischer Anfragen an die Demokratie sollten wir uns heute ihrer vergewissern und sie bekräftigen.</p>
<p>Deshalb: Lasst uns aus dem vorläufigen Grundgesetz durch Streichung des Art. 146 eine dauerhafte Verfassung machen!</p>
<div id="attachment_7643" style="width: 373px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7643" class="wp-image-7643" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/06355_meckel_zu_wandeln_die_zeiten-1.jpg" alt="„Zu wandeln die Zeiten“ – die Erinnerungen von Markus Meckel sind 2020 erschienen. " width="363" height="600"><p id="caption-attachment-7643" class="wp-caption-text">„Zu wandeln die Zeiten“ – die Erinnerungen von Markus Meckel sind 2020 erschienen.</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Markus Meckel</span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong>GEBOREN:</strong> 1952/Müncheberg (Brandenburg)</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Berlin</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Nino Haratischwili: „Das achte Leben“, 2014</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Green Border“ von Agnieszka Holland, 2023</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN URLAUBSTIPP:</strong> Altenkirchen auf Rügen</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
</tr>
</tbody>
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<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/markus-meckel-35-jahre-danach-fuer-ein-neues-narrativ-von-friedlicher-revolution-und-deutscher-einheit/">Markus Meckel: 35 Jahre danach. Für ein neues Narrativ von friedlicher Revolution und deutscher Einheit</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Dr. Katrin Leonhardt: Wurzeln und Wandel. Der Osten bleibt Gestaltungsraum</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/dr-katrin-leonhardt-wurzeln-und-wandel-der-osten-bleibt-gestaltungsraum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 May 2026 05:30:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7330</guid>

					<description><![CDATA[<p>Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende der Sächsischen Aufbaubank - Förderbank - (SAB), ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7336" class="wp-image-7336 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Leonhardt_DIAO2.png" alt="Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende Sächsische Aufbaubank - Förderbank - (SAB). Abbildung: Hendrik Schmidt, SAB" width="705" height="1000">Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende Sächsische Aufbaubank - Förderbank - (SAB). Abbildung: Hendrik Schmidt, SAB<br />
Das kleine Städtchen Lieberose nah [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/dr-katrin-leonhardt-wurzeln-und-wandel-der-osten-bleibt-gestaltungsraum/">Dr. Katrin Leonhardt: Wurzeln und Wandel. Der Osten bleibt Gestaltungsraum</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende der Sächsischen Aufbaubank - Förderbank - (SAB), ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><span id="more-7330"></span></p>
<div id="attachment_7336" style="width: 715px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7336" class="wp-image-7336 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Leonhardt_DIAO2.png" alt="Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende Sächsische Aufbaubank - Förderbank - (SAB). Abbildung: Hendrik Schmidt, SAB" width="705" height="1000"><p id="caption-attachment-7336" class="wp-caption-text">Dr. Katrin Leonhardt, Vorstandsvorsitzende Sächsische Aufbaubank - Förderbank - (SAB). Abbildung: Hendrik Schmidt, SAB</p></div>
<p>Das kleine Städtchen Lieberose nah am Spreewald war in meiner Jugend in den 70er-Jahren nur einer von vielen Orten in Brandenburg. Wer hier aufwuchs und etwas erreichen wollte, musste die Ärmel hochkrempeln. Meine Eltern waren Lehrer. Bildung war bei uns zu Hause selbstverständlich und ließ mich früh erahnen, dass der Zugang zu Wissen und systematischem Denken Türen öffnen kann. Ich wollte unbedingt studieren und schaffte als Einzige unter 50 Schülern meines Jahrgangs den Zugang zum Abitur.</p>
<p>Leistung lohnt sich, dachte ich. Vom hochfliegenden Wunsch eines Jurastudiums an der Humboldt-Uni landete ich mit Rechnungsführung und Statistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig auf dem Boden der damaligen Tatsachen. Die DDR-Führung hatte meinen Studienwunsch dorthin gelenkt, weil die Planwirtschaft „Wirtschaftskapitäne“ brauchte. Nicht resignieren und aufgeben, sondern dranbleiben am eigenen Weg, auch wenn es Umwege braucht, wurde für mich zur Haltung. Viele aus meiner Generation lernten durch verordnete Umwege Ausdauer und Resilienz. Prägende Eigenschaften, deren Bedeutung mir erst später bewusst wurde und die wir in Ostdeutschland heute wieder mehr denn je gebrauchen können.</p>
<p>Die Wendezeit erlebte ich zwischen dem Uniriesen und der Moritzbastei in Leipzig. Die Montagsdemonstrationen, das Hoffen, das Zweifeln, schließlich die Nachricht vom offenen Grenzübergang – all das hat mich tief bewegt. Es war eine Zeit, in der Veränderung greifbar wurde. Und in der viele lernten: Zukunft beginnt da, wo Menschen Verantwortung übernehmen und sich verbinden.</p>
<p>Die Mauer fiel und damit öffnete sich eine neue Welt – eine Welt voller Chancen, aber auch voller Unsicherheiten. In dieser Zeit wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, sich in einer Welt des Wandels nicht nur anzupassen, sondern diese aktiv zu gestalten. Mit der Aufbruchstimmung der Wende im Rücken wurde ich als eine von wenigen Absolventen der DDR 1990 für ein Masterstudium an der University of Sussex ausgewählt. Mit rudimentären Englischkenntnissen im Gepäck ließ ich mich auf das Unbekannte ein. Ich beklebte alle Wände meiner kleinen Studentenbude mit Vokabel-Post-its, lernte unermüdlich und schaffte einen guten Abschluss. Diese Einstellung begleitet mich bis heute: mutig neue Wege gestalten, sich ständig weiterentwickeln durch innovative und pragmatische Lösungen, aber auch durch Disziplin und intensive Arbeit.</p>
<p>Die ersten Jahre nach dem Mauerfall bedeuteten neben dem äußeren auch einen inneren Wandel der Gesellschaft. Viele, die sich in der DDR eingeengt gefühlt hatten, entdeckten neue Möglichkeiten. Der äußere Übergang von einem System in ein anderes stellte uns vor die innere Frage: Was machen wir mit diesen neuen Chancen?</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Im Osten gibt es Potenzial, Klarheit, Bodenhaftung. Es gibt den Wunsch, etwas zu bewegen.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Förderung neu denken</span></h2>
<p>Nach meiner Promotion zur Wohnungspolitik im vereinten Deutschland durfte ich im Sächsischen Innenministerium an der Wohnungspolitik und -förderung mitwirken. Später folgten 20 Jahre bei der KfW-Bankengruppe in Frankfurt/Main, Berlin und Bonn, die für mich prägend waren. Förderung wurde mein Beruf, um vielen Menschen, egal aus welchem „Lieberose“ sie kommen, Chancen zu eröffnen. Sie kann ganze Regionen stärken – gerade dort, wo Strukturen im Wandel sind. Ich bin überzeugt, dass Förderung wirkt, wenn sie gezielt und nachvollziehbar eingesetzt wird.</p>
<p>Doch in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass Förderung auch lähmen kann. Komplexe Förderprozesse und unübersichtliche Programme überfordern mit Bürokratie und Intransparenz. Zudem ist festzustellen, dass sich bei der Wahl der Finanzierungsinstrumente mit der Zeit eine starke Tendenz in Richtung Zuschuss entwickelt hat, die in Zeiten knapper Kassen an ihre Grenzen stößt. Förderung ist ein gutes Beispiel dafür, dass immer mehr nicht immer besser ist. Wir müssen uns ehrlich fragen: Hat das Zukunft – oder kann das weg? Zahlt die Förderung auf die Prioritäten ein, die wir heute und künftig haben? Es geht nicht um „viel hilft viel“, sondern um Relevanz, Wirkung und Zukunft. Die Zeit zum Handeln ist gekommen. In Sachsen konnten wir in der Fördervereinfachungskommission II bereits 2022 eine ehrliche Bestandsaufnahme vornehmen und 17 weitreichende Empfehlungen abgeben. Vieles fand Eingang in den aktuellen Koalitionsvertrag der sächsischen Staatsregierung.</p>
<p>Auf Bundesebene hat der Sustainable-Finance-Beirat der Bundesregierung zu Jahresbeginn den Befund ebenfalls adressiert. Unter dem Titel „Funding our tomorrow“ werben wir Mitglieder für eine unabhängige Überprüfung aller Bundes- und Landesförderprogramme, um die Subventionsvielfalt, -höhe und -wirkung auf Nachhaltigkeitsziele und mögliche Überschneidungen und Synergien transparent zu machen. Wir machen uns stark für einfache und standardisierte Berichtspflichten und Wirkungsmessung sowie konsolidierte Förderinstrumente.</p>
<p>Was wir brauchen, ist eine Rückbesinnung auf das Wesentliche auf allen staatlichen Ebenen: Förderung als Mittel zum Zweck, als Anreizsetzung, nicht als Dauerlösung. Förderpolitik sollte den Mut zur Lücke haben – zur gezielten Auswahl statt zur Gießkanne. Und zur stärkeren Mobilisierung von privatem Kapital und Engagement. Nur so lässt sich Bürokratie abbauen und Vertrauen zurückgewinnen. So gewinnen wir Spielraum zur Unterstützung von Zukunftsthemen!</p>
<div id="attachment_7342" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7342" class="wp-image-7342" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/SAB-Leipzig-Fotoquelle-Albrecht-Voss.jpg" alt="Unternehmenssitz der Sächsischen Aufbaubank in Leipzig. Abbildung: Albrecht Voss" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7342" class="wp-caption-text">Unternehmenssitz der Sächsischen Aufbaubank in Leipzig. Abbildung: Albrecht Voss</p></div>
<h2><span class="title-bg">Digitalisierung mit Haltung</span></h2>
<p>Als ich 2020 zur Sächsischen Aufbaubank (SAB) kam, war das ein Heimkommen mit Verantwortung. Wie zur Wendezeit sah ich Chancen, die ich mitgestalten wollte – in der Überzeugung, dass gerade der Osten Raum für Neues bietet. Seit 2020 verfolgen wir in der SAB ein klares Ziel: Wir wollen uns zukunftsfähig, beweglich und wirksam aufstellen, um die nachhaltige und digitale Transformation in Sachsen zu unterstützen. Seither haben wir uns wirtschaftlich, prozessual und technologisch kontinuierlich weiterentwickelt. Heute bewältigen wir deutlich schneller deutlich mehr Fördervolumen und Darlehensgeschäft mit weniger Personal. Dies wurde möglich durch eine stark gestiegene Digitalisierung unserer Förderprozesse. Konnten 2020 nur 24 Programme digital beantragt werden, sind es heute über 130.</p>
<p>So wird Förderung als Pars pro Toto ein Sinnbild für die notwendige Modernisierung unseres Landes. Digitalisierung ist jedoch nur ein Teilgarant für Fortschritt. Erst die Kombination aus moderner Technik, klaren Prozessen und einer Haltung, die auf Transparenz und Zusammenarbeit setzt, entfaltet echte Transformationskraft. Diese Haltung entwickeln wir weiter – in der SAB, aber auch in der Zusammenarbeit mit Ministerien, Kunden und Partnern. Es geht darum, dass wir die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten, neu denken. Die digitale Transformation muss in den Köpfen beginnen – sie muss ein kultureller Wandel sein.</p>
<div id="attachment_7343" style="width: 446px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7343" class="wp-image-7343" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Photo-3.jpg" alt="Dr. Katrin Leonhardt mit (links) Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum 2025. Abbildung: David Brähler " width="436" height="600"><p id="caption-attachment-7343" class="wp-caption-text">Dr. Katrin Leonhardt (rechts) mit Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum 2025. Abbildung: David Brähler</p></div>
<h2><span class="title-bg">Verwaltung als Ermöglicherin</span></h2>
<p>Die Pandemie war Zäsur und Katalysator zugleich. Sie hat uns gezeigt, wie verletzlich Systeme sind und wie schnell sich alles ändern kann. Wir leben nicht mehr in einer VUCA-, sondern in einer BANIWelt: brüchig, ängstlich, nicht-linear, unbegreiflich. In solchen Zeiten braucht es eine neue Führungskultur. Vertrauen statt Kontrolle. Kooperation statt Silodenken. Haltung statt Formalismus. Vernetztheit statt Alleingänge.</p>
<p>In der SAB haben wir daraus Konsequenzen gezogen. Wir haben diesen Anspruch in unseren umfassenden Strategie- und Transformationsprozess von Anfang an einfließen lassen. Wir verfolgen eine integrierte Weiterentwicklung in den drei Dimensionen Strategie, Strukturen/Prozesse und Kultur. Iterativ, lernend, an der Wertschöpfung orientiert, partizipativ und messbar. Dabei dauert vieles immer noch sehr lange und auch Rückschläge bleiben nicht aus: „Sometimes we win, sometimes we learn.“ Ich nehme wahr, wie im Kleinen noch sehr langsam, aber immerhin eine neue Vision von öffentlicher Verwaltung entsteht. An die Stelle von Kontrollieren, Regulieren und Sanktionieren tritt immer häufiger Ermöglichen, Wege bereiten, partnerschaftlich unterwegs sein. Dafür müssen wir uns noch dringlicher fragen: Bringt etwas wirklich Mehrwert und Wirkung, was ist das Ergebnis oder verwalten wir den Status quo? Diese Frage ist unbequem, aber notwendig, damit staatliche Institutionen künftig mehr Vertrauen schaffen, Orientierung geben und Innovationen ermöglichen. Wenn wir sie neu denken – mit klarem Kompass und echtem Gestaltungswillen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_7344" style="width: 460px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7344" class="wp-image-7344" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Photo-2.jpg" alt="Dr. Katrin Leonhardt (links) mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum 2025. Abbildung: David Brähler" width="450" height="600"><p id="caption-attachment-7344" class="wp-caption-text">Dr. Katrin Leonhardt (links) mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), auf dem Ostdeutschen Wirtschaftsforum 2025. Abbildung: David Brähler</p></div>
<h2><span class="title-bg">Ostdeutsche Perspektiven einbringen</span></h2>
<p>Auch nach 35 Jahren sind die DDR-Prägung und die Wendeerfahrung Ostdeutscher regelmäßig Thema. Statistiken und Umfragen belegen unterschiedliche Entwicklungen und Wahrnehmungen zwischen Ost und West. Zahlen zeigen, dass ostdeutsche Biografien unterrepräsentiert sind – in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft. Ich finde es gut, dass ostdeutsche Perspektiven stärker sichtbar werden – nicht per Quote, sondern als Qualität. Ostdeutsche können reflektierte Erfahrungen einbringen, die heute relevant sind: Transformation, Resilienz, Neuorientierung. Die Sozialisation in unterschiedlichen Systemen, unterschiedliche Wertvorstellungen und die Umbrucherfahrungen können zur Vielfalt von Perspektiven beitragen, die unser Land weiterbringen. Ostdeutsche Führungspersönlichkeiten können Brücken schlagen – zwischen alten und neuen Systemen, zwischen Verwaltung und Innovation, zwischen Vergangenheit und Zukunft.</p>
<p>Ostdeutsche Regionen haben enorme Innovationsfähigkeit bewiesen. Der Umbau ganzer Wirtschaftsstrukturen, das Entstehen neuer Netzwerke, die Selbstverständlichkeit, mit weniger Mitteln mehr zu schaffen – das alles verdient mehr Sichtbarkeit. Nicht als Ostalgie, sondern als Kompetenz. Der Osten hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass er mit Herausforderungen nicht nur umgehen, sondern auch neue Chancen ergreifen kann.</p>
<p>Ich glaube an die Kraft der Menschen vor Ort, an die Energie engagierter Personen und Institutionen, an die Wirkung klarer Entscheidungen. Ich bin zurückgekommen, weil ich weiß: Im Osten gibt es mehr als Nachwendebiografien. Es gibt Potenzial, Klarheit, Bodenhaftung. Es gibt den Wunsch, etwas zu bewegen. Führung bedeutet für mich nicht, alle Antworten zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Zukunft braucht Haltung, nicht Perfektion. Sie braucht Menschen, die Verantwortung nicht nur annehmen, sondern ausfüllen. Der Osten ist ein Möglichkeitsraum. Wer hier gestalten will, findet Resonanz. Das ist nicht immer leicht – aber es ist wertvoll.</p>
<div id="attachment_7748" style="width: 609px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7748" class="wp-image-7748 " src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/05/Mit-Vorstandsmitglied-Ronald-Kothe-und-Beschaeftigten_Quelle-Hendrik-Schmidt-web.jpg" alt="Kommunikation auf Augenhöhe: mit Vorstandsmitglied Ronald Kothe und Beschäftigten. Abbildung: Hendrik Schmidt" width="599" height="399"><p id="caption-attachment-7748" class="wp-caption-text">Kommunikation auf Augenhöhe: mit Vorstandsmitglied Ronald Kothe und Beschäftigten. Abbildung: Hendrik Schmidt</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Sächsische Aufbaubank - Förderbank - (SAB)</span></h2>
<p><strong>GEGRÜNDET:</strong> 1991<br>
<strong>STANDORTE:</strong> Leipzig, Dresden<br>
<strong>MITARBEITENDE:</strong> 1.065<br>
<strong>WEBSITE:</strong> <a href="https://www.sab.sachsen.de/" target="_blank" rel="noopener">sab.sachsen.de</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1685" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg" alt="Label Impulsgeberin Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Dr. Katrin Leonhardt</span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong>GEBOREN:</strong> 1966/Lieberose (Brandenburg)</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Leipzig<br>
<strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Ilko-Sascha Kowalczuk: „Freiheitsschock“, 2024<br>
<strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Das Leben der Anderen“, 2006<br>
<strong>MEINE URLAUBSTIPPS:</strong> Schlepzig im Spreewald<br>
</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
</tr>
</tbody>
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<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/dr-katrin-leonhardt-wurzeln-und-wandel-der-osten-bleibt-gestaltungsraum/">Dr. Katrin Leonhardt: Wurzeln und Wandel. Der Osten bleibt Gestaltungsraum</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Dominique Lellek: Ostdeutsch &#038; selbstbestimmt. Fern der Heimat wurde mir klar, wie viel Stärke in ihr steckt</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/dominique-lellek-ostdeutsch-selbstbestimmt-fern-der-heimat-wurde-mir-klar-wie-viel-staerke-in-ihr-steckt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 May 2026 05:30:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kessel Buntes]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dominique Lellek, Chief Marketing Officer der Alteos GmbH, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7322" class="wp-image-7322 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Lellek_DIAO2.png" alt="Dominique Lellek, Chief Marketing Officer Alteos GmbH. Abbildung: Ben Gierig" width="704" height="1000">Dominique Lellek, Chief Marketing Officer Alteos GmbH. Abbildung: Ben Gierig<br />
Wenn ich an Ostdeutschland denke, denke ich an Neuanfänge. An tief verwurzelte Geschichte. An Systemumbruch. An [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/dominique-lellek-ostdeutsch-selbstbestimmt-fern-der-heimat-wurde-mir-klar-wie-viel-staerke-in-ihr-steckt/">Dominique Lellek: Ostdeutsch &amp; selbstbestimmt. Fern der Heimat wurde mir klar, wie viel Stärke in ihr steckt</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Dominique Lellek, Chief Marketing Officer der Alteos GmbH, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7313"></span></p>
<div id="attachment_7322" style="width: 714px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7322" class="wp-image-7322 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Lellek_DIAO2.png" alt="Dominique Lellek, Chief Marketing Officer Alteos GmbH. Abbildung: Ben Gierig" width="704" height="1000"><p id="caption-attachment-7322" class="wp-caption-text">Dominique Lellek, Chief Marketing Officer Alteos GmbH. Abbildung: Ben Gierig</p></div>
<p>Wenn ich an Ostdeutschland denke, denke ich an Neuanfänge. An tief verwurzelte Geschichte. An Systemumbruch. An Menschen, die sich immer wieder neu finden mussten. An meine Heimat – die beim Aufwachsen oft schlechter geredet wurde, als sie eigentlich ist. „Guck, dass du fortkommst“, das haben wir oft gehört. Und einige von uns hat das inspiriert, wirklich fortzugehen. So wie mich.</p>
<p>Ich war Quark im Schaufenster, als die Mauer fiel. Meine Kindheit verbrachte ich behütet auf einem Bauernhof mitten in der Sächsischen Schweiz – zwischen Stall, Wald und Streuobstwiese. Heute lebe ich in Berlin, aber ich schreibe diesen Text aus einer anderen Perspektive: der des ländlichen Raums aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Geleitet von Erinnerungen und von vielen Gesprächen mit Freunden, Familie, Menschen, die geblieben sind. Ich bin mir auch bewusst, dass eine Biografie wie die meine – mit all ihrer Freiheit und den Möglichkeiten – in der DDR nicht möglich gewesen wäre, und ich bin den Menschen, die damals friedlich demonstriert haben, unendlich dankbar. Ich konnte frei entscheiden, was ich mit meinem Leben machen möchte, was ein absolutes Privileg ist.</p>
<p>Dennoch, die Nachwendezeit hat auch uns Nachwendekinder geprägt – durch die Erzählungen, die Erschöpfung, die leisen Enttäuschungen, die sich mal mehr, mal weniger in den Alltag unserer Familien eingeschlichen haben. Umschulungen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, abrupte Brüche in Lebensläufen – all das spürten wir auch als Kinder, ohne es benennen zu können. Wir spürten es in der Stimmung am Küchentisch, in der Unruhe, die keiner aussprach, aber alle kannten.</p>
<div id="attachment_7324" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7324" class="wp-image-7324" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/1_Auf-dem-Alexanderplatz-1991.jpg" alt="Auf dem Alexanderplatz, 1991. Abbildung: privat" width="600" height="399"><p id="caption-attachment-7324" class="wp-caption-text">Auf dem Alexanderplatz, 1991. Abbildung: privat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Ich wurde Ossi, als ich wegging</span></h2>
<p>Eine ostdeutsche Identität spielte in meiner Kindheit keine Rolle. Zu Hause wuchs ich ohne Ostalgie auf. Dass ich offenbar „anders“ war, wurde mir erst bewusst, als ich ging – weg vom Dorf, weg von Sachsen, hinein in eine Welt, in der meine Herkunft plötzlich etwas bedeutete, teils abgrenzte.</p>
<p>Es waren viele kleine Erlebnisse, die sich nach und nach in mein Bewusstsein einprägten. Als Au-pair in den USA habe ich meinen Dialekt praktisch verschluckt. Denn ich klang einfach anders als die anderen deutschen Mädels und wurde auch etwas seltsam angeschaut.</p>
<p>Eine damalige Kommilitonin aus Westdeutschland erzählte mir, wie überrascht sie von ihrem Umfeld gefragt wurde, warum sie im Osten studieren möchte. Da schreiben wir schon das Jahr 2010.</p>
<p>In Chicago bekam ich meinen ersten Job bei der dortigen Auslandshandelskammer. Bei einer Feierstunde – ausgerechnet zum Tag der Deutschen Einheit – stand ich mit drei Herren im Anzug, alle etwa 50 plus, an einem der Stehtische. Wir unterhielten uns höflich, bis die Frage kam, woher ich komme. „Aus Sachsen“, sagte ich. Es brach schallendes Gelächter aus, und ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich innerlich erstarrte. „Ach, ’n Ossi! Wahnsinn – wie kommst du denn hierher?“ Es klang, als wäre ich aus einer dunklen Höhle gekrochen. Sie gratulierten mir, dass ich es „rausgeschafft“ habe.</p>
<p>Bis heute, über zehn Jahre später, höre ich immer wieder anerkennende Bemerkungen, dass man mir gar nicht anhöre, wo ich herkomme. Wann wurde das eigentlich zu einem Kompliment? Übrigens: Sobald ich die Landesgrenze überschritten habe oder mit meinen Eltern telefoniere, spreche ich automatisch wieder im sächsischen Dialekt.</p>
<p>Diese Erlebnisse waren nicht nur individuell. Sie stehen für ein Gefühl, das viele von uns kennen – manchmal subtil, manchmal schmerzhaft konkret. Die unsichtbaren Wunden der Wendezeit wurden an uns weitergegeben – aber auch wir haben unsere eigenen erfahren. Ich habe acht Jahre im Ausland gelebt, war so weit weg, habe so viel erlebt und spüre sie doch.</p>
<p>Enttäuschung und Wut liegen nah beieinander – mal stumm, mal laut, oft unausgesprochen, aber gegenwärtig. Sie zeigen sich nicht in Ausbrüchen, sondern in kleinen Gesten, langen Blicken, einem Schulterzucken. In der Hast der wirtschaftlichen Union Deutschlands wurde ganz offensichtlich vergessen, was es für Menschen – und für eine ganze Gesellschaft – bedeutet, sich komplett neu zu formen. Als könne man Identität, Erlebnisse und Erfahrungen einfach überschreiben oder neu coden. Der gestiegene materielle Wohlstand konnte die Lücke im Selbstbild nie wirklich füllen. Was auf dem Papier besser wurde, fühlte sich für viele innerlich nie wirklich an wie ein Fortschritt. Lohnlücken, fehlendes Vermögen, geringere Rentenansprüche – der ungewollte Vergleich zwischen Ost und West dringt nicht nur in Statistiken, sondern auch in Lebensrealitäten immer stärker an die Oberfläche.</p>
<p>Gerade im ländlichen Raum herrscht seit Jahren eine lähmende Machtlosigkeit. Arztpraxen schließen. Marktplätze veröden. Ein Riss zieht sich durch alle Generationen, denn viele sind fortgegangen – physisch oder innerlich. Die Wege werden weiter, der Leerstand wächst. Der Frust sitzt tief – wirtschaftlich, sozial, emotional. Wer viel arbeitet, verdient unangemessen wenig. Wer träumt, wird belächelt. Statt Hoffnung gibt es neue Regeln, Formulare, Pflichten. Und kaum jemanden, der zuhört.</p>
<p>Dieses Vakuum füllen Populisten mit einfachen Antworten und schmissigen Headlines. Doch sie liefern keine Lösungen, sondern nur mehr Wut. Sie ziehen Gräben – durch Familien, Freundeskreise, Gemeinden. Warum lassen wir das eigentlich unkommentiert zu?</p>
<p>Das öffentliche Narrativ über uns verdeckt die Themen, die wir eigentlich diskutieren müssten: Werksschließungen, Lehrermangel, finanzielle Ungleichheit und tiefsitzende Existenzängste.</p>
<div id="attachment_7325" style="width: 434px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7325" class="wp-image-7325" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/2_Stolz-wie-Bolle-neben-unserem-damaligen-Fortschritt-Ladekran-1995.jpg" alt="Stolz wie Bolle neben unserem damaligen Fortschritt Ladekran, 1995. Abbildung: privat" width="424" height="600"><p id="caption-attachment-7325" class="wp-caption-text">Stolz wie Bolle neben dem eigenen Fortschritt Ladekran, 1995. Abbildung: privat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Stimme zeigen bedeutet Verantwortung</span></h2>
<p>Wir sind keine Marionetten. Es ist an der Zeit, unsere Stimme zu finden – und sie auch zu nutzen. Denn ganz ehrlich: Wem überlassen wir eigentlich gerade den Raum?</p>
<p>Ich wünsche mir, dass wir (wieder) lernen, miteinander zu sprechen. Wirklich zu sprechen. Nicht nur zu senden oder zu urteilen, sondern zuzuhören. Das klingt einfach – ist es aber nicht. Denn allzu oft schalten wir ab, wenn es unbequem wird. Wir drehen uns weg, rollen mit den Augen, wechseln das Thema. Vielleicht wäre es genau in diesen Momenten wichtig, stehen zu bleiben. Fragen zu stellen. Ein echtes Gespräch zuzulassen – auch wenn es anstrengend ist.</p>
<p>Wir dürfen uns nicht in Lager zurückziehen. Nicht ins Schweigen. Nicht in den Zynismus. Die Verantwortung für das Miteinander liegt nicht nur bei „denen da oben“. Sie liegt auch bei uns. „Die machen doch eh, was sie wollen.“ Diesen Satz höre ich oft. Doch wer seine Geschichte teilt, bricht das Schweigen, schafft Sichtbarkeit – ob über Social Media, in Leserbriefen oder bei Bürgerforen. Es braucht keine Bühne, keine politische Karriere – nur den Mut, sichtbar zu werden.</p>
<p>Der Protest an der Wahlurne ist der einfache Weg. Doch echte Veränderung beginnt früher: dort, wo wir einander zuhören, Unterschiede aushalten, Differenzen überbrücken – und gemeinsam aktiv werden.</p>
<p>Wenn etwas Neues entsteht, lasst uns mit Offenheit darauf zugehen. Nicht misstrauisch beäugen, nicht vorschnell werten. Helft denen, die gestalten wollen, dabei erfolgreich zu sein – durch Unterstützung, durch Mitmachen, durch Zutrauen.</p>
<p>Unser Kollektiv gibt uns Macht. Es ist die Kraft der vielen, die Wandel möglich macht – aus der Gemeinschaft heraus.</p>
<div id="attachment_7326" style="width: 410px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7326" class="wp-image-7326" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/3_Ueber-5-Jahre-habe-ich-in-den-USA-gelebt-und-ausgerechnet-dort-.JPEG.jpeg" alt="Über fünf Jahre habe ich in den USA gelebt und ausgerechnet dort meine erste „Ossi-Erfahrung“ gemacht. Abbildung: privat" width="400" height="600"><p id="caption-attachment-7326" class="wp-caption-text">Über fünf Jahre in den USA gelebt und ausgerechnet dort die erste „Ossi-Erfahrung“ gemacht. Abbildung: privat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Orte der Kraft, Felder der Gestaltung</span></h2>
<p>Lokale Initiativen stärken: Es gibt unheimlich viele Menschen, die ehrenamtlich mit wenig Mitteln und viel Kreativität unglaublich viel auf die Beine stellen – Jugendklubs, Kulturinitiativen, engagierte Gruppen, die Räume für Begegnung schaffen. Die finanzielle Förderung muss verständlich und zugänglich sein. Nicht jeder, der Gutes tut, hat einen Vereinsstempel.</p>
<p>Bildung als Grundlage für Zukunft: Wie sollen Kinder träumen, wenn schon vier Schulstunden am Tag ohne Ausfälle Luxus sind? Wer auf dem Land lebt, braucht Perspektiven – nicht Personalnotstand und kilometerweite Wege. Der Zugang zu guter Bildung darf keine Frage des Wohnorts sein.</p>
<p>Landwirtschaft wertschätzen: Wir leben mit der Natur, nicht gegen sie. Aber Auflagen und Gesetze werden oft gemacht, als wolle man Betrug verhindern, statt Erfolg zu ermöglichen. Dokumentation frisst unsere Zeit. Und die Natur hält sich nicht an Verwaltungsraster. Bei uns halten viele landwirtschaftliche Betriebe über Generationen hinweg Traditionen aufrecht. Diese Arbeit verdient Vertrauen, nicht Misstrauen.</p>
<p>Prestigeprojekte der Wirtschaftsförderung: Sie müssen auch den ländlichen Raum erreichen. Wir möchten genauso eingebunden werden in Fortschritt und Innovation. Doch die PR-Maschinerie richtet sich an die eigenen Entscheidungsträger – nicht an jene, die tatsächlich Chancen und Mitgestaltung brauchen. Mehr ostdeutsche Repräsentation: Überhaupt, wir brauchen mehr Ostdeutsche in Führungs- und Entscheidungspositionen – selbstbewusst, sichtbar, hörbar. Kein Quoten-Ossi, kein Exot, kein Aber. Unsere Dialekte, unsere Biografien, unsere Geschichte sind kein Makel – sie sind ein Wert. Holt uns an den Tisch der Entscheidungen, gebt uns Zugang zu Netzwerken und Vitamin B.</p>
<div id="attachment_7327" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7327" class="wp-image-7327" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/4_Wanderung-um-Hohnstein-2018.-Die-Saechsische-Schweiz-ist-fuer-mich-einer-der-schoensten-Landstriche-ueberhaupt.jpg" alt="Wanderung um Hohnstein, 2018. Die Sächsische Schweiz ist für mich einer der schönsten Landstriche überhaupt. Abbildung: privat" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7327" class="wp-caption-text">Wanderung um Hohnstein, 2018. Die Sächsische Schweiz ist für Dominique Lellek einer der schönsten Landstriche überhaupt. Abbildung: privat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Ein Platz, der Worte trägt</span></h2>
<p>Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf dem Altmarkt in Dresden. Ich liebe meine Heimat und merke: Die Worte fließen hier anders. Hier, wo Geschichte hörbar wird.</p>
<p>Ich will keine Wahrheit verkünden – ich will den Graben ein Stück kleiner machen. Und ich denke: Vielleicht ist es genau das, was wir brauchen – Orte, an denen Worte wieder entstehen können. An denen Nähe entsteht, wo sonst Distanz war.</p>
<p>Mit Tränen in den Augen lausche ich den Glocken der Frauenkirche. Ich erinnere mich an ihren Schutthaufen – einst Symbol der Zerstörung. Heute steht sie wieder: stark, bestimmt, unübersehbar.</p>
<p>Genau das wünsche ich mir für Ostdeutschland: Dass wir aufstehen. Nicht trotzig, nicht angepasst – sondern aufrecht. Mit Stolz auf das, was war, mit Mut für das, was kommt. Mit dem Bewusstsein, dass wir viel erlebt, viel getragen und viel aufgebaut haben – oft leise, oft übersehen, aber niemals bedeutungslos.</p>
<p>Mit Stolz auf die Transformation der letzten 35 Jahre. Mit Mut zur Eigenständigkeit. Mit Lust auf Gestaltung.</p>
<p>Lasst uns laut sein. Nicht, um zu übertönen, sondern um gehört zu werden. Nicht gegen andere, sondern für das, was uns wichtig ist.</p>
<p>Damit die Zukunft nicht über uns hinwegrollt – sondern von uns mitgestaltet wird. Selbstbestimmt. Gemeinsam. Jetzt.</p>
<div id="attachment_7328" style="width: 455px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7328" class="wp-image-7328" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/5_Blick-aus-meinem-alten-Kinderzimmer-in-den-Garten-und-Rueckzugsort-meiner-Oma-2024.jpg" alt="Blick aus meinem alten Kinderzimmer in den Garten, dem Rückzugsort meiner Oma, 2024. Sie war eine der stärksten Frauen, die ich kenne. Abbildung: privat" width="445" height="600"><p id="caption-attachment-7328" class="wp-caption-text">Blick aus dem Kinderzimmer in den Garten, dem Rückzugsort der Oma, 2024. Sie war eine der stärksten Frauen, die Dominique Lellek kennt. Abbildung: privat</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1685" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg" alt="Label Impulsgeberin Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Dominique Lellek</span></h2>
<p><strong>GEBOREN:</strong> 1990/Sebnitz<br>
<strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Berlin<br>
<strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Juli Zeh: „Über Menschen“, 2021<br>
<strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „In einem Land, das es nicht mehr gibt“, 2022<br>
<strong>MEIN URLAUBSTIPP:</strong> Burg Hohnstein</p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/dominique-lellek-ostdeutsch-selbstbestimmt-fern-der-heimat-wurde-mir-klar-wie-viel-staerke-in-ihr-steckt/">Dominique Lellek: Ostdeutsch &amp; selbstbestimmt. Fern der Heimat wurde mir klar, wie viel Stärke in ihr steckt</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Dr. Tomasz Kurianowicz: 80 Jahre Berliner Zeitung. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/dr-tomasz-kurianowicz-80-jahre-berliner-zeitung-wenn-es-sie-nicht-gaebe-muesste-man-sie-erfinden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Apr 2026 05:30:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kessel Buntes]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7304</guid>

					<description><![CDATA[<p>Dr. Tomasz Kurianowicz, bis 2025 Chefredakteur der Berliner Zeitung, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7311" class="wp-image-7311 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Kurianowicz_DIAO2.png" alt="Dr. Tomasz Kurianowicz, Chefredakteur Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung" width="705" height="1000">Dr. Tomasz Kurianowicz, bis 2025 Chefredakteur Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung<br />
Wie sollte der ideale Journalist sein? Er sollte kritisch sein, staatsfern, [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/dr-tomasz-kurianowicz-80-jahre-berliner-zeitung-wenn-es-sie-nicht-gaebe-muesste-man-sie-erfinden/">Dr. Tomasz Kurianowicz: 80 Jahre Berliner Zeitung. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Dr. Tomasz Kurianowicz, bis 2025 Chefredakteur der Berliner Zeitung, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7304"></span></p>
<div id="attachment_7311" style="width: 715px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7311" class="wp-image-7311 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Kurianowicz_DIAO2.png" alt="Dr. Tomasz Kurianowicz, Chefredakteur Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung" width="705" height="1000"><p id="caption-attachment-7311" class="wp-caption-text">Dr. Tomasz Kurianowicz, bis 2025 Chefredakteur Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung</p></div>
<p>Wie sollte der ideale Journalist sein? Er sollte kritisch sein, staatsfern, mutig, nicht korrumpierbar, wach und vor allem: jeder Ideologie gegenüber skeptisch gesinnt. Er sollte sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten, sich selbst und seine Quellen immer hinterfragen, fähig dazu sein, die eigene Meinung zu ändern, bereit sein, auch mit jenen zu sprechen, denen er nicht vertraut (oder die er nicht mag) und mit offenen Augen durch die Welt laufen. Ein schlechter Journalist ist Ideologe, hat seine Meinung schon gefällt, bevor er recherchiert. Ist Kämpfer für ein Programm – Aktivist und nicht Berichterstatter.</p>
<p>Die Berliner Zeitung ist ein Ort für einen kritischen Journalismus, ein Ort für Menschen, die täglich darum ringen, dem Anspruch möglichst neutraler Berichterstattung gerecht zu werden. Nun feiert diese Zeitung ihren 80. Geburtstag und kann dabei auf eine lange, stolze Tradition blicken, in der das Austarieren von Freiheitsräumen immer schon eine besondere Rolle gespielt hat. Selbst in der DDR war die Berliner Zeitung ein Blatt, in dem man vorsichtig über den Tellerrand blicken, Autoritäten herausfordern, das staatlich Verordnete hinterfragen und den kritischen Geist anspitzen konnte, wo auf der Linie zwischen Erlaubtem und politisch Bekämpftem vorsichtig balanciert wurde. Heute treiben wir diese Renitenz – als Zeitung im Herzen der Stadt – in einem wiedervereinigten und freien Berlin weiter, manchmal auch auf die Spitze. Aus einem Grund: um die politischen Freiheiten, die uns die Wende geschenkt hat, zu verteidigen. Darauf bin ich als Chefredakteur der Berliner Zeitung stolz.</p>
<p>Ich bin überzeugt davon: Würde es die Berliner Zeitung nicht geben, müsste man sie erfinden. Eine Redaktion, in der Menschen mit verschiedenen Standpunkten, Biografien, Einstellungen zusammenkommen und mit divergierenden Perspektiven den Lesern ein allumfassendes Bild der Wirklichkeit bieten, ist ein Geschenk. Auch das muss gesagt werden: Es gab kaum eine Zeit seit der Wende, in der kritischer Journalismus so sehr gebraucht wurde wie heute. Jetzt, da die Grüppchenbildung zunimmt, sich zahllose Echokammern bilden, andere Meinungen lieber bekämpft statt als legitimer anderer Standpunkt akzeptiert werden, braucht es einen Journalismus, der Brücken baut über die Gräben und den Blick über den Tellerrand ermöglicht. Soziale Medien, gesteuert über Algorithmen, sind nicht das geeignete Medium für diese Aufgabe.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Die Berliner Zeitung ist als eines der wenigen bundesrepublikanischen Medien in ostdeutscher Hand. […] Das ist nicht trivial, sondern ein Pfund.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Reformbedarf nicht ignorieren</span></h2>
<p>Ein Schriftsteller hat mal gesagt, dass Journalismus dazu da sei, die Welt ein wenig nach links zu drehen, wenn sie nach rechts abdriftet, und sie nach rechts zu drehen, wenn sie zu sehr nach links kippt. Journalismus als Korrektiv, als Instanz, die den Zeitgeist prüft, ist genauso wichtig wie ein Journalismus, der in einer liberalen Demokratie auch jene in den Diskurs holt, die am Tisch der Mächtigen keinen Platz finden, egal von welcher Seite sie kommen.</p>
<p>Die Zeiten sind kompliziert und von Kulturkämpfen geprägt, die den Journalismus nicht unberührt lassen. Der Journalismus hat sich aus Angst vor Veränderung und wegen der Erosion etablierter Strukturen teilweise zu einem Verteidigungsinstrument des Bestehenden gewandelt. Ich kenne die Gründe. In einer Zeit, in der Demokratien auf dem Prüfstand stehen (auch durch die eigene Bevölkerung) und autoritäre Tendenzen um sich greifen, mutiert der Journalist, der die Demokratie verteidigen will, manchmal zum Kämpfer für das Altbewährte und vergisst, dass er auch Spiegel für das notwendige Neue sein kann.</p>
<p>Ich möchte ein Beispiel mit Bezug auf Deutschland geben: Es ist nicht immer klar zu sagen, ob ein Journalist, der für „Mehr Demokratie!“ auf die Straße geht und gegen die AfD protestiert, die demokratische Vielfalt und die freie Meinungs- und Willensbildung verteidigt – oder ob er für festgefahrene Strukturen einsteht, die eigentlich einer Reform bedürfen, um noch für einen großen Teil der wählenden Bevölkerung attraktiv zu bleiben. Ich bin überzeugt davon, dass alle, die den Istzustand unserer Gesellschaft nüchtern betrachten, zu einem ähnlichen Urteil kommen müssten wie ich: Wer den wirtschaftlichen, aber auch gesellschaftlich notwendigen Reformbedarf Deutschlands ignoriert, überlässt das Spielfeld der AfD.</p>
<div id="attachment_7306" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7306" class="wp-image-7306" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/11_Berliner-Zeitung.jpg" alt="Am 21. Mai 1945 erschien die Berliner Zeitung als erste Zeitung nach dem Kriegsende am 8. Mai. Abbildung: Bundespressekonferenz (Bpk)" width="600" height="415"><p id="caption-attachment-7306" class="wp-caption-text">Am 21. Mai 1945 erschien die Berliner Zeitung als erste Zeitung nach dem Kriegsende am 8. Mai. Abbildung: Bundespressekonferenz (Bpk)</p></div>
<p>Heute würde ich sagen: „Don‘t shoot the messenger.“ Das Überbringen unangenehmer, schmerzvoller Informationen ist in den vergangenen Jahren zum Kern der Berichterstattung der Berliner Zeitung geworden. Ich möchte nur anekdotisch einige Beispiele nennen: Schon früh hat die Redaktion über mögliche Kollateralschäden der Pandemiepolitik gewarnt. Schon früh haben Autoren der Berliner Zeitung über einen wahrscheinlichen zweiten Wahlsieg von Donald Trump nachgedacht. Dass in Meinungsbeiträgen und Berichten diskutiert wurde, ob die Ukraine eine kriegerische Auseinandersetzung mit einem aggressiven und auch atomar hochgerüsteten Russland gewinnen kann – und ob es eine Alternative zur Politik des Westens gibt, um die imperiale Expansion des Kremls einzudämmen; eine Alternative zu einer Strategie, die auch Eskalationspotenzial birgt –, hat immer wieder zu harschen, oft auch unfairen Reaktionen geführt. Als würde die Polemik gegenüber Teilen unserer Berichterstattung, je härter sie ausfällt, die Wirklichkeit von ihrer Komplexität und ihren Widersprüchen befreien. Das tut sie nicht. Daher ist es umso wichtiger, offen über Chancen und Risiken politischer Entscheidungen zu diskutieren, auch wenn es wehtut.</p>
<p>Donald Trump ist wieder Präsident der USA, die Ukraine hat den Krieg noch nicht gewonnen, die New York Times schreibt Leitartikel, in denen sie beklagt, über Corona und den Ursprung des Virus von der US-Regierung betrogen worden zu sein. Zudem beobachten wir (auch darüber hat die Berliner Zeitung mehrfach berichtet) ein Erstarken Chinas und des globalen Südens – und erleben das Selbstbewusstsein eines expansiven Russlands, das militärischen Expertisen zufolge über die notwendigen Reserven verfügt, um den Angriffskrieg gegen die Ukraine auch in diesem Jahr fortzusetzen und dabei den Druck auf die EU zu erhöhen.</p>
<div id="attachment_7307" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7307" class="wp-image-7307" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/238950552.jpg" alt="Gesperrte Sitzplätze im Zuschauerraum eines Gerichtssaals aufgrund der Abstandsregeln in der Coronapandemie. Abbildung: Sven Hoppe, Picture Alliance/dpa" width="600" height="388"><p id="caption-attachment-7307" class="wp-caption-text">Gesperrte Sitzplätze im Zuschauerraum eines Gerichtssaals aufgrund der Abstandsregeln in der Coronapandemie. Abbildung: Sven Hoppe, Picture Alliance/dpa</p></div>
<h2><span class="title-bg">Spiegelbild der politischen Gegenwart</span></h2>
<p>Der Journalist kann den Zustand dieser Realitäten beklagen, aber er kann nicht die Augen davor verschließen, wie sich die Welt entwickelt. Ansonsten gerinnt Journalismus zu reinem Wunschdenken, im schlimmsten Fall zu einer Abspielform von Propaganda, die den Leser über die Brüche und Widersprüche des eigenen Blickwinkels im Unklaren lässt, ob aus Absicht oder Unwillen. Wir bei der Berliner Zeitung spiegeln Risiken und Chancen der politischen Gegenwart, diskutieren sie, loten Lösungswege aus, auch ungemütliche, schwierige, unpopuläre, mit dem unstillbaren Willen, einen Weg zu zeichnen, wie wir Menschen in Berlin, Deutschland und Europa weiterhin in Frieden und Freiheit leben und als Teile der Gesellschaft koexistieren können. Vieles, wovor Texte der Berliner Zeitung in der Vergangenheit gewarnt haben, ist eingetroffen. Und wenn ich dies etwas keck formulieren darf: Hätten manche Entscheidungsträger unsere Berichterstattung genauer verfolgt, wären sie auf schwierige Situationen vielleicht besser vorbereitet gewesen, als wir das heute im politischen Berlin erleben.</p>
<p>Das ausgeprägte Problembewusstsein der Berliner Zeitung, das auf der Fähigkeit zum Multiperspektivismus basiert, hat sicher mit unserer wechselvollen 80-jährigen Geschichte zu tun. Aber vor allem damit, dass hier Menschen arbeiten, die sich mit Brüchen und Erfolgen, Chancen und Risiken sehr gut auskennen. Die Berliner Zeitung ist als eines der wenigen bundesrepublikanischen Medien in ostdeutscher Hand, der Berliner Verlag wurde vor sechs Jahren von Silke und Holger Friedrich erworben. Das ist nicht trivial, sondern ein Pfund.</p>
<div id="attachment_7308" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7308" class="wp-image-7308" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/MW_20250401_103.jpg" alt="Das Pressehaus am Berliner Alexanderplatz, Sitz der Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7308" class="wp-caption-text">Das Pressehaus am Berliner Alexanderplatz, Sitz der Berliner Zeitung. Abbildung: Markus Wächter, Berliner Zeitung</p></div>
<p>Die Brüche und Transformationserfahrungen, die die Menschen hinter der Berliner Zeitung erlebt und oft zu Erfolgsgeschichten umgemünzt haben, sollten bei unserer Konkurrenz nicht zu Abwehrhaltungen führen, sondern Neugier wecken für das, was wir zum Diskurs beitragen können. 80 Jahre nach Gründung der Berliner Zeitung und 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs braucht es eine breite, ergebnisoffene Debatte über die Bedingungen, wie wir dieses sich rasant verändernde Deutschland in Zukunft gestalten wollen. Diese Diskussion sollte alle Bereiche der Gesellschaft mit einschließen. In Ost- wie in Westdeutschland.</p>
<p>Damit das gelingt, müssen wir zueinanderfinden, uns respektvoll gegenübertreten, Differenzen offen ausdiskutieren, gerne auch kontrovers. Die Berliner Zeitung lädt dazu ein, sich dieser Diskussion zu stellen und ergebnisoffen über Lösungen zu diskutieren, um Möglichkeitsräume zu öffnen und den Weg für eine friedliche Zukunft zu sichern. Dafür arbeiten wir jeden Tag, mit ganzer Kraft, mit Engagement und Mut. Für eine offene, lebendige und anderen Meinungen gegenüber aufgeschlossene Gesellschaft.</p>
<div id="attachment_7309" style="width: 601px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7309" class="wp-image-7309" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/Mockup-Cover-BLZ-2025-10.jpg" alt="Ein Mockup-Cover der Berliner Zeitung, 2025. Abbildung: Berliner Zeitung" width="591" height="600"><p id="caption-attachment-7309" class="wp-caption-text">Ein Mockup-Cover der Berliner Zeitung, 2025. Abbildung: Berliner Zeitung</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Dr. Tomasz Kurianowicz</span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong>GEBOREN:</strong> 1983/Bremerhaven </span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Berlin </span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Dirk Oschmann: „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung: wie die Konstruktion des Ostens unsere Gesellschaft spaltet“, 2023 </span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Barbara“, 2012 </span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN URLAUBSTIPP:</strong> Gerswalde</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
</tr>
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<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/dr-tomasz-kurianowicz-80-jahre-berliner-zeitung-wenn-es-sie-nicht-gaebe-muesste-man-sie-erfinden/">Dr. Tomasz Kurianowicz: 80 Jahre Berliner Zeitung. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sebastian Krüger: Blumensträuße und Asteroiden. Wie der erste Deutsche im All keine Medaille aus Potsdam bekam</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/sebastian-krueger-blumenstraeusse-und-asteroiden-wie-der-erste-deutsche-im-all-keine-medaille-aus-potsdam-bekam/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Apr 2026 05:30:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kessel Buntes]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7290</guid>

					<description><![CDATA[<p>Sebastian Krüger, Redakteur bei SuperIllu, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7302" class="wp-image-7302 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Krueger_DIAO2.png" alt="Sebastian Krüger, Redakteur SuperIllu. Abbildung: Nikola Kuzmanic" width="703" height="1000">Sebastian Krüger, Redakteur SuperIllu. Abbildung: Nikola Kuzmanic<br />
SuperIllu, die größte Illustrierte Ostdeutschlands, bietet ihren Lesern jede Woche Neues über die Stars und Sternchen des ostdeutschen Showbiz. Doch auch über die „echte“ Astronomie [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/sebastian-krueger-blumenstraeusse-und-asteroiden-wie-der-erste-deutsche-im-all-keine-medaille-aus-potsdam-bekam/">Sebastian Krüger: Blumensträuße und Asteroiden. Wie der erste Deutsche im All keine Medaille aus Potsdam bekam</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Sebastian Krüger, Redakteur bei SuperIllu, ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7290"></span></p>
<div id="attachment_7302" style="width: 713px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7302" class="wp-image-7302 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Krueger_DIAO2.png" alt="Sebastian Krüger, Redakteur SuperIllu. Abbildung: Nikola Kuzmanic" width="703" height="1000"><p id="caption-attachment-7302" class="wp-caption-text">Sebastian Krüger, Redakteur SuperIllu. Abbildung: Nikola Kuzmanic</p></div>
<p>SuperIllu, die größte Illustrierte Ostdeutschlands, bietet ihren Lesern jede Woche Neues über die Stars und Sternchen des ostdeutschen Showbiz. Doch auch über die „echte“ Astronomie und Raumfahrt wird regelmäßig berichtet.</p>
<p>Als ich meinen Beitrag für diesen Sammelband schrieb, war am Himmel gerade mal wieder mächtig was los: Erst zog eine partielle Sonnenfinsternis über uns hinweg. Dann umkreiste die erste deutsche Frau, eine Berlinerin, in einem US-Raumschiff die Erde: Rabea Rogge. Beide Ereignisse hatten wir im Blatt – doch warum? Warum interessiert sich die ostdeutsche Illustrierte SuperIllu für Astronomie und Raumfahrt? Gibt es für die 1,1 Millionen Leser keine berichtenswerten „irdischen“ Probleme?</p>
<p>Unsere Aufmerksamkeit für „überirdische“ Themen rührt unter anderem daher, dass diese bei den Lesern, und eventuell generell bei Ostdeutschen, tief im Unterbewussten verankert sind. Eine steile These? Wohl kaum, denn der Osten steht, was etwa die sternenkundliche Infrastruktur betrifft, sehr gut da: Zwar hat er nur ein Fünftel der deutschen Bevölkerung – aber er stellt die Hälfte der Planetarien! Von den derzeit bundesweit rund 90 öffentlichen Tempeln der astronomischen Wissensvermittlung befinden sich über 40 im Osten! Erst 2023 wurde in Halle/Saale das modernste Planetarium Europas eröffnet.</p>
<p>Der hohe Stellenwert des Sternenwissens im Osten zeigt sich auch daran, dass die Astronomie hierzulande ein eigenständiges Schulfach war. Leider wurde es nach 1990 sukzessive abgebaut und wird heute nur noch im Physikunterricht kurz vor den Sommerferien durchgehechelt. Dass ein Großteil unserer Leser vor 1990 zur Schule ging, trägt vermutlich zum großen Interesse bei, auf das unsere „Astro-Seiten“ stoßen – kundige Leserbriefe legen das nahe.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Jähn leistete auch nach 1990 Großes – und zwar für die (west-)deutsche Raumfahrt.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Emotionale Amplituden</span></h2>
<p>Auch in Sachen Raumfahrt sind die emotionalen Amplituden unserer Leser hoch. Schließlich war doch der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn (1937–2019), „einer von uns“. Unterton in all unseren Raumfahrt-Berichten: Einst flogen „wir“ da oben ganz vorne mit! Dass der gebürtige Vogtländer, der am 26. August 1978 für sieben Tage zur sowjetischen Raumstation Saljut-6 flog, im Moment seiner Landung gleich wieder abhob – als „Star“ der Sonderklasse, mit nach ihm benannten Straßen, Schulen und Brigaden, das hat man schon oft gehört. Auch dass er den inszenierten Staatstrubel ertrug, ohne sein unprätentiöses Wesen zu verlieren, braucht hier nicht näher erwähnt zu werden.</p>
<p>Erwähnen möchte ich hingegen, und das ist es, woran ich gern denke, wenn ich an Ostdeutschland denke: Jähn leistete auch nach 1990 Großes – und zwar für die (west-)deutsche Raumfahrt. Er trug entscheidend dazu bei, dass gleich vier deutsche ESA-Astronauten in russischen Sojus-Kapseln zur Raumstation Mir fliegen konnten: Klaus Flade 1992, Ulf Merbold 1994, Thomas Reiter 1995 und Reinhold Ewald 1997.</p>
<p>Als einst Privilegierter des DDR-Systems und als ausgemusterter NVA-Generalmajor hätte er sich nach 1990 auch schmollend in seine Strausberger Villa mit Seeblick zurückziehen können. Stattdessen nahm er im Auftrag der ESA seine jüngeren Westkollegen unter die Fittiche und diente ihnen als Türöffner im Moskauer Sternenstädtchen sowie am Weltraumbahnhof Baikonur (auch Alexander Gerst profitierte noch davon, als er 2014 und 2018 zur ISS flog). Kurz: Dank seines hohen Ansehens in der (post-)sowjetischen Weltraumszene ebnete Jähn Deutschland den Weg über Russland ins All.</p>
<div id="attachment_7294" style="width: 437px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7294" class="wp-image-7294" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/1999-Goldene-Henne.jpg" alt="Jähn erhält 1999 den Publikumspreis „Goldene Henne“ für sein Lebenswerk – aus den Händen von Ulf Merbold, der 1983 als zweiter Deutscher ins All flog. Abbildung: SuperIllu" width="427" height="600"><p id="caption-attachment-7294" class="wp-caption-text">Jähn erhält 1999 den Publikumspreis „Goldene Henne“ für sein Lebenswerk – aus den Händen von Ulf Merbold, der 1983 als zweiter Deutscher ins All flog. Abbildung: SuperIllu</p></div>
<h2><span class="title-bg">Großer Bahnhof, „Astro-Alex“</span></h2>
<p>Dass er trotz dieser Verdienste nie eine offizielle bundesrepublikanische Anerkennung erhielt – das verwunderte Kenner der Materie und stieß Teilen seiner Fangemeinde, besonders im Osten, sauer auf. Viele hofften und erwarteten, dass man anlässlich seines 40. Raumflug-Jubiläums im August 2018 diese Ehrung nachholen würde. Jähn war zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 81 Jahre – vielleicht die letzte Gelegenheit, ihn lebend auszuzeichnen ...</p>
<p>Auch wir bei SuperIllu bereiteten uns auf dieses Jubiläum vor: Wir planten ein Sonderheft, und um Material zu sammeln, verabredete ich mich mit Jähn. Unvergessen der Schreckmoment, als wir, der Fotograf und ich, vor seiner Haustür in Strausberg standen und niemand öffnete. Nervös wählte ich seine Nummer, sofort hatte ich seinen Vogtland-Singsang im Ohr: Wie besprochen, so sagte er, warte er „daheim“ auf uns – in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz.</p>
<p>Wir fuhren direkt die 350 Kilometer nach Süden (in dieser Entfernung, nur senkrecht nach oben, war er 1978 um die Erde gekreist), und als wir am Abend endlich dort eintrafen, unterhielt er sich gerade gut gelaunt mit den Mitarbeiterinnen des Raumfahrtmuseums, das man 1979 zu seinen Ehren eingerichtet hatte. Ärger über unsere Verspätung? Nicht die Bohne! Einen Abend lang redeten und fachsimpelten wir über aktuelle Raumfahrtprojekte und seinen eigenen, vier Jahrzehnte zurückliegenden Flug zu den Sternen.</p>
<p>Wenige Wochen später – besagter Festakt. Es war Sonntag, der 26. August 2018. Nicht nur Fans und Politiker waren nach Morgenröthe gekommen, auch viele Weggefährten, darunter seine westdeutschen Raumfahrt-Kollegen, inzwischen selbst hochdekorierte und pensionierte Veteranen. Erstes Grußwort – Morgenröthes Bürgermeister. Zweites Grußwort – Alexander „Astro-Alex“ Gerst! Live zugeschaltet aus der ISS rief er: „Sig, wir deutschen Raumfahrer verdanken dir so viel! Auf deinen Schultern flogen wir ins All!“ Die Spannung knisterte, als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, CDU, ranghöchster Politiker vor Ort, ans Pult trat. Hatte er die erwartete Auszeichnung im Gepäck? Doch nach vielen netten Worten und einem Händedruck überreichte auch er nur einen Blumenstrauß …</p>
<div id="attachment_7300" style="width: 498px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7300" class="wp-image-7300" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/2018-Festakt-Foto-Yorck-Maecke.jpg" alt="Festakt zum 40. Raumfahrtjubiläum am 26. August 2018 in der Deutschen Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz – mit Live-Schalte zu „Astro-Alex“ in die ISS. Abbildung: SuperIllu/Yorck Maecke" width="488" height="600"><p id="caption-attachment-7300" class="wp-caption-text">Festakt zum 40. Raumfahrtjubiläum am 26. August 2018 in der Deutschen Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz – mit Live-Schalte zu „Astro-Alex“ in die ISS. Abbildung: SuperIllu/Yorck Maecke</p></div>
<p>Ein gutes Jahr später, am 21. September 2019, starb Jähn. Ohne Pomp wurde er im Kreis seiner Familie in Strausberg beerdigt, neben seiner Frau Erika. Seinen Grabstein ziert eine fußballgroße Erdkugel mit einem darauf montierten Sojus-Raumschiff.</p>
<p>Kurz darauf rief mich Klaus Flade an. Schnell redet sich der einstige Jähn-Schützling in Rage. „Eine empörende Vernachlässigung! Warum hat ihn Deutschland nicht anständig gewürdigt? Nun geht es nur noch posthum!“ Was war passiert? Er und die anderen „West-Kosmonauten“ hatten nach dem aus ihrer Sicht skandalösen Jubiläumsevent im Jahr zuvor an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geschrieben: um „Sigs Ehre zu retten“! In ihrem Brief schlugen sie Steinmeier vor, Jähn den Bundesverdienstorden zu verleihen, den seit 1951 immerhin schon über 250.000 Deutsche erhalten haben (darunter Flade, Merbold, Reiter und Ewald). Die Antwort aus dem Schloss Bellevue ließ auf sich warten. Und als sie endlich kam, kurz vor Jähns Tod, sei sie, so Flade, eine herbe Enttäuschung gewesen: Man könne ihn nicht auszeichnen, hieß es da mit verblüffender Offenheit, denn ein gleichlautender Ordensvorschlag sei zuvor schon an Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke, SPD, gerichtet und von diesem abgelehnt worden. Aus ordensrechtlichen Gründen sei das bindend (Faksimiles dieses Briefwechsels veröffentlichten wir in Heft 35/2021).</p>
<div id="attachment_7296" style="width: 449px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7296" class="wp-image-7296" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/2018-Portraet-Sigmund-Jaehn-Foto-Uwe-Toelle-Variante-2.jpg" alt="Sigmund Jähn (1937–2019) mit einem Modell seines Sojus-Raumschiffs. Abbildung 3: SuperIllu/Uwe Toelle" width="439" height="600"><p id="caption-attachment-7296" class="wp-caption-text">Sigmund Jähn (1937–2019) mit einem Modell seines Sojus-Raumschiffs. Abbildung: SuperIllu/Uwe Toelle</p></div>
<h2><span class="title-bg">Potsdamer Inkohärenz</span></h2>
<p>Ich übernahm es, in Potsdam nachzufragen. Die Brandenburgische Staatskanzlei teilte mir mit: „Die Verleihung ist ein außerrechtlicher Gunsterweis, der, wie die Ablehnung eines solchen, keinerlei Begründung bedarf.“ Schade! Wohl nicht nur ich hätte doch gern gewusst, warum Jähn zu Lebzeiten der Gunst Woidkes unwürdig war. Zumal er ihm nur wenig später in seiner Kondolenzanzeige nachrief: „Er war ein Held der Menschlichkeit, der nach seinem Himmelssturm nie die Bodenhaftung verlor. Er war ein besonderer Mensch, der in unsere Geschichtsbücher gehört.“</p>
<p>Nach wie vor kann ich mir auf diese Inkohärenz – rührende Worte einerseits, andererseits die Nicht-Auszeichnung – keinen Reim machen. Gibt es tatsächlich Menschen, die Jähn am Ende für eine Art schrägen Formel-1-Piloten halten? Doch fuhr er eben nicht mit 1.000 PS unter der Haube im Kreis, sondern er vollführte tatsächlich einen „Himmelssturm“ – mit 22 Millionen PS unterm Sitz! Und er setzte sich danach dafür ein, dass andere ihm folgen konnten!</p>
<p>Taten sich die Ordensverantwortlichen schon vor fünf, sechs Jahren schwer, die Schlüsselfigur der erfolgreichen deutsch-russischen Weltraum-Kooperation zu ehren – wie leicht dürfte es ihnen heute fallen, einer posthumen Ehrung aus dem Weg zu gehen, da sich der einstige Kooperationspartner, Russland, täglich weiter aus der Zivilisation herausbombt.</p>
<div id="attachment_7297" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7297" class="wp-image-7297" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/2018-Raumfahrtausstellung-Morgenroethe-Jaehn-Krueger-Foto-Uwe-Toelle.jpg" alt="Sigmund Jähn und Sebastian Krüger beim Interview in der Deutschen Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz. Abbildung: SuperIllu/Uwe Toelle" width="600" height="416"><p id="caption-attachment-7297" class="wp-caption-text">Sigmund Jähn und Sebastian Krüger beim Interview in der Deutschen Raumfahrtausstellung Morgenröthe-Rautenkranz. Abbildung: SuperIllu/Uwe Toelle</p></div>
<h2><span class="title-bg">Erlebniswelt im tiefen Wald</span></h2>
<p>Jede Geschichte, finde ich, sollte auf einer positiven Note enden. Wie wäre es damit: Gerade wird die ohnehin schon imposante Deutsche Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz erweitert, Bund und Freistaat Sachsen teilen sich die Kosten von gut neun (!) Millionen Euro. Unter anderem kommt eine „Erlebniswelt Mission Weltall“ dazu, geplante Eröffnung: Sommer 2026. Gerade heute ist ein solches Projekt, das sich zum Zwecke der naturwissenschaftlichen und raumfahrtlichen Wissensvermittlung an die Allgemeinheit richtet, nicht zu unterschätzen.</p>
<p>Und auch die Astronomie soll zum Schluss noch einmal zu ihrem Recht kommen: Im sogenannten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter kreist ein Himmelskörper namens „Sigmundjähn“ um die Sonne! Er hat einen Durchmesser von fünf Kilometern und ist 19,09 km/s schnell. Auch „Katarinawitt“, „Weissflog“, „Gojkomitic“ und „Ballack“ ziehen dort draußen ihre Bahnen. Wer diese Asteroiden entdeckt und auf ostdeutsche Prominente tauft, unter anderem ist es der sächsische Amateurastronom Jens Kandler an der Volkssternwarte Drebach im Erzgebirge, das ist eine andere ostdeutsche Himmelsgeschichte, die vielleicht eine der nächsten SuperIllu-„Astro-Seiten“ füllen wird …</p>
<div id="attachment_7295" style="width: 609px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7295" class="wp-image-7295" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/2019-Trauerfeier-Foto-Uwe-Mann.jpg" alt="Trauerfeier für Sigmund Jähn im September 2019 mit den ESA-Astronauten Ewald, Reiter, Flade und Merbold. Abbildung: Uwe Mann" width="599" height="600"><p id="caption-attachment-7295" class="wp-caption-text">Trauerfeier für Sigmund Jähn im September 2019 mit den ESA-Astronauten Ewald, Reiter, Flade und Merbold. Abbildung: Uwe Mann</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Sebastian Krüger</span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong>GEBOREN:</strong> 1972/Friedrichroda </span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Ostberlin</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Reiner Kunze: „Die wunderbaren Jahre“, 1976</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN FILMTIPP:</strong> Rainer Hällfritzsch, „Bitteres aus Bitterfeld“, 1988</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN URLAUBSTIPP:</strong> Vogtland</span></p>
<p>&nbsp;</p>
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<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
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<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/sebastian-krueger-blumenstraeusse-und-asteroiden-wie-der-erste-deutsche-im-all-keine-medaille-aus-potsdam-bekam/">Sebastian Krüger: Blumensträuße und Asteroiden. Wie der erste Deutsche im All keine Medaille aus Potsdam bekam</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Tobias Kremkau: Luxus der Leere. Realität der Verantwortung</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/tobias-kremkau-luxus-der-leere-realitaet-der-verantwortung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 05:30:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7272</guid>

					<description><![CDATA[<p>Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Altmark und Berater für die CoWorkLand e.G., ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7287" class="wp-image-7287" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Kremkau_DIAO2.png" alt="Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen, Altmark Berater für die CoWorkLand e.G. Abbildung: Ruben Engel" width="704" height="1000">Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen Altmark, Berater für die CoWorkLand e.G. Abbildung: Ruben Engel<br />
Wer [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/tobias-kremkau-luxus-der-leere-realitaet-der-verantwortung/">Tobias Kremkau: Luxus der Leere. Realität der Verantwortung</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen Altmark und Berater für die CoWorkLand e.G., ist ein wichtiger Impulsgeber für Ostdeutschland. Er setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist er auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7272"></span></p>
<div id="attachment_7287" style="width: 714px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7287" class="wp-image-7287" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Kremkau_DIAO2.png" alt="Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen, Altmark Berater für die CoWorkLand e.G. Abbildung: Ruben Engel" width="704" height="1000"><p id="caption-attachment-7287" class="wp-caption-text">Tobias Kremkau, Kreisvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen Altmark, Berater für die CoWorkLand e.G. Abbildung: Ruben Engel</p></div>
<p>Wer über politische Arbeit in Ostdeutschland spricht, denkt meist an Wahlergebnisse, an Polarisierung, an die Rolle der AfD. Selten richtet sich der Blick auf die Strukturen, die Tag für Tag demokratische Arbeit unter schwierigsten Bedingungen leisten – auf die kleinen Kreisverbände der demokratischen Parteien in ländlichen Regionen Ostdeutschlands.</p>
<p>Ich selbst bin Teil eines solchen Kreisverbands in der Altmark, einer dünn besiedelten Region im Norden von Sachsen-Anhalt, und weiß: Demokratische Arbeit hier draußen ist kein Selbstläufer, sondern eine tägliche Herausforderung – und genau genommen gar nicht mehr im eigentlichen Sinne möglich. Deshalb müssen wir neue Wege suchen, um politisch wirken zu können. Vor drei Jahren bin ich von Berlin-Friedrichshain in die Hansestadt Stendal gezogen und der (politische) Kulturschock hätte kaum größer sein können.</p>
<p>Eben noch war ich eines von mehreren Hundert Mitgliedern in einem Kreisverband, der nicht auf mein Engagement angewiesen war. Nun war ich einer von rund 70 Mitgliedern auf einer Fläche, die doppelt so groß ist wie das Saarland.</p>
<p>Und ich war eine von gerade einmal vier Personen, die zur nächsten Mitgliederversammlung erschienen, auf der der neue Kreisvorstand gewählt werden sollte. Eine Wahl war unter diesen Umständen nicht möglich. Der Verband stand kurz vor der Auflösung – was bedeutet hätte, dass die politische Arbeit meiner Partei in dieser Region wohl für lange Zeit zum Erliegen gekommen wäre.</p>
<p>Spontan erklärte ich mich bereit, Verantwortung zu übernehmen: im Vorstand mitzuarbeiten, den anstehenden Europa- und Kommunalwahlkampf zu organisieren und die Parteiarbeit sowie das Mitgliederengagement wiederzubeleben. Hier, anders als in Berlin, kam es unmittelbar auf mein persönliches Engagement an. Zwar verfügen wir inzwischen wieder über einen gewählten Kreisvorstand und erleben einen erfreulichen Zuwachs an engagierten Mitgliedern, doch die strukturellen Herausforderungen bleiben gewaltig.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Es braucht eine grundlegende Entlastung der Kommunen und eine überfällige Staatsreform.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Fläche, Vereinzelung und Integration</span></h2>
<p>Ländliche Kreisverbände – und das gilt nicht nur für meine Partei – kämpfen mit geografischen und demografischen Bedingungen, die politische Arbeit erschweren. Die Wege zwischen Mitgliedern sind lang, der ÖPNV ausgedünnt und digitale Kommunikation ist kein vollwertiger Ersatz, wenn der persönliche Austausch fehlt. Die geringe Bevölkerungsdichte spiegelt sich in kleinen Mitgliederzahlen wider. Wer sich engagiert, trägt oft überproportional viel Verantwortung und ist selten ersetzbar.</p>
<p>Hinzu kommt ein Phänomen, das vielleicht meiner Partei in besonderem Maße eigen ist: Der überwiegende Teil unserer Mitglieder – und nahezu alle Neumitglieder der letzten Jahre – sind Zugezogene, häufig westdeutsch sozialisiert. Das bringt durchaus Vorteile mit sich: Sie tragen ein anderes, oft selbstverständliches Bild unserer Partei in sich. Doch gleichzeitig fehlt es ihnen meist an gewachsenen lokalen Netzwerken und tiefen biografischen Bezügen zur Region.</p>
<p>Das führt zu einem Paradox: Viele Menschen in der Altmark haben eine Meinung zu uns – häufig geprägt von medialen Narrativen –, doch kaum jemand kennt ein Mitglied persönlich. Unsere Mitglieder wiederum suchen in der Partei nicht nur politische Mitgestaltung, sondern auch Anschluss, Orientierung, ein soziales Netz in einer für sie neuen Umgebung. Das weckt neue Erwartungen an die Parteiarbeit – sie wird zur Integrationsaufgabe im besten Sinne.</p>
<div id="attachment_7282" style="width: 460px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7282" class="wp-image-7282" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Flyer-Pendleraktion-Zuhoeren.jpg" alt="Pendleraktion „Zuhören“: mit den Leuten ins Gespräch kommen. Abbildung: privat/Tobias Kremkau" width="450" height="600"><p id="caption-attachment-7282" class="wp-caption-text">Pendleraktion „Zuhören“: mit den Leuten ins Gespräch kommen. Abbildung: privat/Tobias Kremkau</p></div>
<h2><span class="title-bg">Ehrenamt unter Druck</span></h2>
<p>Hinzu tritt eine strukturelle Überforderung: Ohne hauptamtliche Unterstützung, ohne Geschäftsstellen oder angestelltes Personal schultern wenige Engagierte die gesamte politische Infrastruktur – von Organisation und Kommunikation über Veranstaltungen bis hin zu Wahlkämpfen. Viele dieser Aktiven sind im fortgeschrittenen Alter; jüngere Menschen fehlen. Sie zieht es – aus nachvollziehbaren Gründen – in die Städte. Wer in der Region bleibt, ist meist bereits stark eingespannt, sei es beruflich, familiär oder beides. Das ehrenamtliche Engagement, das die demokratische Arbeit vor Ort überhaupt erst ermöglicht, wird so zur dauerhaften Belastung.</p>
<p>Gleichzeitig schreitet ein besorgniserregender gesellschaftlicher Wandel voran: Der spürbare Rechtsruck und die zunehmenden Anfeindungen gegenüber ehrenamtlich Engagierten, die sich für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung einsetzen, schrecken immer mehr Menschen ab. Viele ziehen sich ins Private zurück und wünschen sich dies als unpolitischen Raum. Politik soll draußen bleiben: aus den Vereinen, von den Esstischen, aus den Skatrunden.</p>
<p>Doch wir leben in einer Parteiendemokratie. Es ist elementar für das Funktionieren unseres Gemeinwesens, dass sich Menschen in Parteien engagieren und über sie in die Räte und Parlamente auf allen Ebenen hineinwirken. In Ostdeutschland jedoch wirkt das historisch belastete Verhältnis zu Parteien und politischem Engagement fort – verschärft durch die fortschreitende Radikalisierung der politischen Rechten. Dies führt zu einer Atmosphäre der Abschreckung, die unser demokratisches Fundament ins Wanken bringt.</p>
<div id="attachment_7283" style="width: 462px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7283" class="wp-image-7283" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Flyer-verteilen-mit-Familie.jpg" alt="Flyer verteilen: mit Hilfe vom Nachwuchs. Abbildung: privat/Tobias Kremkau" width="452" height="600"><p id="caption-attachment-7283" class="wp-caption-text">Flyer verteilen: mit Hilfe vom Nachwuchs. Abbildung: privat/Tobias Kremkau</p></div>
<h2><span class="title-bg">Sichtbar bleiben – ohne Bühne</span></h2>
<p>Ein weiteres strukturelles Problem liegt in der öffentlichen Sichtbarkeit. In einer Region mit lediglich zwei Tageszeitungen und geringem medialen Interesse an politischen Themen jenseits der großen Schlagzeilen ist es schwer, überhaupt Gehör zu finden. Soziale Medien bieten zwar theoretisch alternative Kanäle – doch in der Praxis stoßen sie rasch an ihre Grenzen: mangelhafte Netzabdeckung, geringe Reichweiten und digitale Unsicherheit erschweren die Kommunikation zusätzlich. Oft ist nicht einmal klar, wer die Zielgruppe ist und wofür wir eigentlich kommunizieren. Strategische Öffentlichkeitsarbeit wird unter solchen Voraussetzungen zur Herausforderung.</p>
<p>Empfehlungen, auf Plattformen wie Tiktok zu setzen, laufen in einer dünn besiedelten Region mit einer überalterten Bevölkerung ins Leere. Und wir müssen uns – bei allem Verständnis für moderne Wahlkampfformate – nicht mit dem neuesten Trend-Tanz blamieren, nur um Parteifreunden in Stuttgart, Düsseldorf oder Hamburg zu gefallen. Solche Aktionen mögen anderswo sinnvoll sein, sie tragen jedoch kaum dazu bei, unsere Präsenz und unser Ansehen vor Ort zu stärken.</p>
<p>Immerhin leisten wir uns – im Gegensatz zu vielen anderen Kreisverbänden – noch eine eigene Geschäftsstelle. Auf über 4.500 km2 macht das immerhin zwei Fensterscheiben eines ehemaligen Ladengeschäfts mit unserem Logo sichtbar. Eine Teilzeitstelle mit zehn Wochenstunden können wir uns allerdings nur dank einer Förderung unseres Bundesverbandes leisten.</p>
<p>Dass progressiver Politik im ländlichen Osten mit Skepsis begegnet wird, ist kein Geheimnis. In vielen Regionen sitzen tief verwurzelte Ressentiments gegen „die da oben“, gegen Veränderung, gegen grüne Ideen. Wer sich öffentlich positioniert, setzt sich Anfeindungen aus. Die Dominanz rechter Diskurse prägt zunehmend das gesellschaftliche Klima – sie erschwert nicht nur die politische Arbeit, sondern macht sie mitunter auch riskant.</p>
<p>Und doch erfüllen gerade kleine Kreisverbände eine unverzichtbare Funktion: Sie sichern demokratische Präsenz – oft als einzig sichtbare Alternative zu autoritären und populistischen Kräften. Wir schaffen Räume für Austausch und Begegnung, engagieren uns in Bürgerinitiativen, wirken in Gemeinderäten mit und bringen lokale Perspektiven in politische Debatten ein: etwa zu Mobilität, Landwirtschaft, Daseinsvorsorge oder der Energiewende.</p>
<p>Dabei geht es nicht um Dauerpräsenz oder Lautstärke, sondern um Verlässlichkeit. Um die leisen Stimmen, die nicht verstummen. Um Orte, an denen Menschen zusammenkommen und gemeinsam überlegen, wie ein gutes Zusammenleben gelingen kann – auf dem Land, mit all seinen Besonderheiten und Herausforderungen. Deshalb lohnt es sich weiterhin, sich in einer demokratischen Partei zu engagieren. Aber wir müssen politische Arbeit neu denken.</p>
<div id="attachment_7284" style="width: 460px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7284" class="wp-image-7284" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Plakat-haengen-hochkant.jpg" alt="Werben für ein Miteinander in der Altmark und dem Jerichower Land. Abbildung: privat/Tobias Kremkau" width="450" height="600"><p id="caption-attachment-7284" class="wp-caption-text">Werben für ein Miteinander in der Altmark und dem Jerichower Land. Abbildung: privat/Tobias Kremkau</p></div>
<h2><span class="title-bg">Was sich ändern muss</span></h2>
<p>Aus meinen bisherigen Erfahrungen lassen sich einige grundlegende Einsichten ableiten.</p>
<p>Erstens: Kreisverbände im ländlichen Raum brauchen gezielte, dauerhafte Unterstützung durch ihre Bundes- und Landesverbände – personell, finanziell und organisatorisch. Ohne diese strukturelle Rückendeckung bleibt das Engagement Einzelner überlastet und auf Dauer kaum tragfähig. In den Parteizentralen muss ankommen, dass sich die politische Realität nicht allein nach der Zahl der Stimmen bemisst. Wer den ländlichen Raum nur als zahlenmäßig schwachen Wahlkreis betrachtet, verkennt seine Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn wenn Regionen aus dem demokratischen Konsens kippen, hilft keine progressive Mehrheit in der nächsten Großstadt – dann bricht das Fundament unserer Gesellschaft.</p>
<p>Zweitens: Der ländliche Raum darf nicht länger nur mitgedacht werden – er muss als gleichwertiger politischer Gestaltungsraum anerkannt werden. Mit eigenen Herausforderungen, aber auch mit eigenem Potenzial. Es reicht nicht, von der Landeshauptstadt aus mit der Gießkanne über Förderprogramme zu handeln. Es braucht echte Beteiligung, echte Gestaltungshoheit. Menschen vor Ort müssen selbst entscheiden können, was gefördert wird und wie.</p>
<p>Drittens: Wer demokratische Verankerung flächendeckend sichern will, muss dort investieren, wo es unbequem, kleinteilig und wenig prestigeträchtig ist. Das heißt: in Strukturen, die heute zu oft auf Verschleiß laufen. Doch dafür braucht es mehr als wohlmeinende Sonntagsreden – es braucht eine grundlegende Entlastung der Kommunen und nicht weniger als eine überfällige Staatsreform. Denn – und hier spannt sich der Bogen vom kleinen, überlasteten Kreisverband bis hin zur Bundesrepublik – unser demokratisches Fundament bröckelt. Und das beginnt ganz unten, auf kommunaler Ebene.</p>
<p>Der viel zitierte „Luxus der Leere“ ist dabei keine romantische Kulisse, sondern eine widersprüchliche Realität. Sie bietet Freiraum für neue Ideen, für ein anderes Miteinander. Aber sie verlangt auch Verantwortung: für Zugehörigkeit, Beteiligung, Vertrauen – die Grundpfeiler einer lebendigen Demokratie.</p>
<p>Diesen Raum dürfen wir nicht den Lautesten und Radikalsten überlassen. Sondern wir müssen diejenigen stärken, die bereit sind, ihn gemeinsam mit anderen zu gestalten – verlässlich, empathisch, demokratisch.</p>
<div id="attachment_7285" style="width: 460px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7285" class="wp-image-7285" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Plakate-sortieren.jpg" alt="Wahlkampf: wenige Schultern tragen viel. Abbildung: privat/Tobias Kremkau" width="450" height="600"><p id="caption-attachment-7285" class="wp-caption-text">Wahlkampf: Wenige Schultern tragen viel. Abbildung: privat/Tobias Kremkau</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Tobias Kremkau</span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong>GEBOREN:</strong> 1985/Magdeburg</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Magdeburg</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Christian Bangel: „Oder Florida“, 2017</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Zwei zu eins“, 2024</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>MEIN URLAUBSTIPP: </strong></span>Kühlungsborn, Mecklenburg-Vorpommern</p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>&nbsp;</p>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Janka Kreißl: Ich glaube an nichts. Wie der Osten mich radikalisiert hat – und der Westen auch</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/janka-kreissl-ich-glaube-an-nichts-wie-der-osten-mich-radikalisiert-hat-und-der-westen-auch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Apr 2026 05:30:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7262</guid>

					<description><![CDATA[<p>Janka Kreißl, Partnerin bei der Dunkelblau GmbH &#38; Co KG, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7270" class="wp-image-7270 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Kreissl_DIAO2.png" alt="Janka Kreißl, Partnerin Dunkelblau GmbH &#38; Co KG. Abbildung: Noa Marie Sandke" width="703" height="1000">Janka Kreißl, Partnerin Dunkelblau GmbH &#38; Co KG. Abbildung: Noa Marie Sandke<br />
Ich glaube an nichts. Nicht an Gott, nicht an einen [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/janka-kreissl-ich-glaube-an-nichts-wie-der-osten-mich-radikalisiert-hat-und-der-westen-auch/">Janka Kreißl: Ich glaube an nichts. Wie der Osten mich radikalisiert hat – und der Westen auch</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Janka Kreißl, Partnerin bei der Dunkelblau GmbH &amp; Co KG, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><span id="more-7262"></span></p>
<div id="attachment_7270" style="width: 713px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7270" class="wp-image-7270 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Kreissl_DIAO2.png" alt="Janka Kreißl, Partnerin Dunkelblau GmbH &amp; Co KG. Abbildung: Noa Marie Sandke" width="703" height="1000"><p id="caption-attachment-7270" class="wp-caption-text">Janka Kreißl, Partnerin Dunkelblau GmbH &amp; Co KG. Abbildung: Noa Marie Sandke</p></div>
<p>Ich glaube an nichts. Nicht an Gott, nicht an einen Staat, nicht daran, dass Dinge so bleiben wie sie sind. Ich wuchs auf in einem Land, das mir per Pioniergebot verordnete, Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion zu halten, Sport zu treiben und überall tüchtig mitzuhelfen. In einer Region, die von Bergen, Sperrzonen und einer Mauer begrenzt war. In einer Familie, in der mein Verständnis von Religion darin bestand, dass die Nachbarstochter zu Weihnachten eben in die Kirche ging und ich nicht.</p>
<p>Als ich 13 wurde, spielte ich mit Freundinnen in meinem Kinderzimmer das Spiel, bei dem man eine Sechs würfeln, dann schnell Mütze und Handschuhe anziehen, eine in Zeitung verpackte Schokolade auspacken und mit Besteck zerschneiden musste. Im Wohnzimmer saßen die Erwachsenen zusammen und stießen auf meinen Geburtstag an. Der Fernseher lief, und irgendwann kam jemand herein und sagte: „Die Grenzen sind offen.“ Mir war das egal, ich hatte ein Pferdebuch geschenkt bekommen und Jeans aus einem Westpaket. In den nächsten Tagen fehlten Schüler in meiner Klasse: Ihre Familien waren direkt losgefahren, ein paar Kilometer weiter, in den Westen.</p>
<p>Bis wir die Grenze das erste Mal überquerten, dauerte es noch zwei, drei Wochen. „Woher sollen wir wissen, dass die nicht einfach wieder zumachen?“, fragten sich meine Eltern und zögerten. Im Vergleich dazu kam der Westen relativ schnell zu uns. Autos mit bayerischen Kennzeichen holperten über die Hauptstraße unserer Kleinstadt, wir Jugendlichen hatten Langeweile und sahen sie uns an. Durch die Fenster wurden uns Bananen, Kulis und CDU-Aufkleber gereicht.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Die erfolgreichste Geschichte ist die, die Widersprüche aushält. Die verlässlichste Gewissheit ist, dass es immer irgendwie weitergehen wird.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Mauer weg, Staat weg, Orientierung weg</span></h2>
<p>Meine Eltern erhielten ihren ersten Betrüger-Brief – sie hätten 10.000 Mark gewonnen – und luden die ganze Nachbarschaft zum Feiern ein. Irgendwann kamen immer mehr solcher Briefe und sie begriffen, dass sie nichts gewonnen hatten. Ich hingegen spürte, dass so manche Erwachsenen um mich herum gerade einiges verloren: das gewohnte Leben, wie es mal gewesen war. Die Hoffnung, dass Dinge anders bzw. besser würden. Das Vertrauen in den „goldenen Westen“, der viele von ihnen erst mal ganz schön verarschte.</p>
<p>Meine Freunde und ich wurschtelten uns so durch. Wir suchten nach unseren eigenen Erklärungen und Wegen in die Zukunft – zwischen Kollektiven, die auseinanderbrachen und überforderten Erwachsenen, die selbst nach Orientierung rangen. Kaum jemand konnte uns erklären, wie das Neue einzuordnen wäre, wie es weitergehen würde, was nun klug oder angebracht sei. Die meisten Großeltern, Eltern oder Lehrer wussten es vermutlich selbst nicht genau. Gewohnte Alltagsstrukturen gerieten durcheinander, Autoritäten gingen verloren, einen Ersatz gab es nicht. Für den Staat DDR waren Wende und Wiedervereinigung der Endpunkt seiner Geschichte – für seine Bürgerinnen und Bürger ein Anfang in einem neuen Land.</p>
<p>Irgendwann sehr viel später zeichnete ein Psychotherapeut mir daraus ein Bild: Aus einem Hafen, der in Windeseile abgerissen wurde, steuerten wir mit einem Boot, das nur aus dem Allernötigsten bestand, auf ein Ziel zu, von dem wir keine Ahnung hatten, wie es aussehen sollte. Nicht mal wussten, wo und wie es existiert.</p>
<div id="attachment_7264" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7264" class="wp-image-7264" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/01_09.-Nov.-1989.jpg" alt="9. November 1989: Tag des Mauerfalls – der 13. Geburtstag. Im Kinderzimmer erfuhr das historische Ereignis wenig Beachtung. Abbildung: privat" width="600" height="389"><p id="caption-attachment-7264" class="wp-caption-text">9. November 1989: Tag des Mauerfalls – der 13. Geburtstag. Im Kinderzimmer erfuhr das historische Ereignis wenig Beachtung. Abbildung: privat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Auf der Suche nach Heimat</span></h2>
<p>„Die ganze Welt ist voll von Sachen und es ist wirklich nötig, dass jemand sie findet“, ließ Astrid Lindgren meine Kindheitsheldin Pippi Langstrumpf sagen – und ich glaubte und glaube ihr mit jeder Faser meines Herzens. Ich habe in meinem Leben viele Steine umgedreht in der Hoffnung, zu finden – auch solche, die besser liegen geblieben wären.</p>
<p>Als junge Erwachsene war ich ständig auf Reisen, oft außerhalb meiner Komfortzone und immer mit Anlauf ins Unbekannte. Ich fühlte mich rastlos und stets auf der Suche – nach irgendeinem Leuchtturm, an dem ich mich ausrichten konnte, nach Ankommen und Heimat. Irgendwann wurde mir klar, dass ich diese Heimat in mir finden musste – und dass sie nicht aus einem Ort bestehen würde.</p>
<p>Vieles über mich, meine ostdeutsche Herkunft und Identität habe ich in der Ferne erfahren, im Austausch mit anderen. Beim Auslandssemester in Wales, wo ich bei einem iranischen Pizzabäcker arbeitete, der ein großer Fan von „the communism“ war und mich mit Fragen zu volkseigenen Betrieben und Pionierorganisation löcherte. Beim Work and Travel in Australien, wo ich am Lagerfeuer Diskussionen mit Kölnern führte, die die ganze Welt bereist hatten, aber noch nie in Berlin, Weimar oder Dresden waren. Im Kino in Sydney, wo ich 2004 bei „Goodbye Lenin“ in Tränen ausbrach, 15 Jahre nach dem Mauerfall-Kindergeburtstag, weil das Gefühl von Verlust und Verlorensein mich plötzlich überwältigte. Auf dem Kreuzfahrtschiff, wo ich drei Jahre lang arbeitete – gemeinsam mit vielen anderen Menschen aus der ganzen Welt, die ihre Familie auf Zeit irgendwo auf den Ozeanen hatten und für die Entwurzelung auch Freiheit bedeutete. Und in Bayern, wo ich dachte, ich könne durch Events für Ossis und Einheimische ein besseres Verständnis schaffen für uns „Zugereiste“ aus den neuen Bundesländern. „Von denen haben wir schon genug hier“, hörte ich mal, als ich Werbung für meine Ostpartys machte. „Ach so, du bist auch von drüben. Sprichst ja aber gar kein Sächsisch.“</p>
<div id="attachment_7265" style="width: 410px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7265" class="wp-image-7265" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/02_Jugendweihe.jpg" alt="1991: Jugendweihe – mit einem Kleid aus dem Ausverkauf der „Jugendmode“ und der ersten Dauerwelle. Abbildung: privat" width="400" height="600"><p id="caption-attachment-7265" class="wp-caption-text">1991: Jugendweihe – mit einem Kleid aus dem Ausverkauf der „Jugendmode“ und der ersten Dauerwelle. Abbildung: privat</p></div>
<p>Im weiß-blauen Teil Westdeutschlands spürte ich überdeutlich, wie sehr ich mich im Denken und Handeln von anderen in meiner Altersklasse dort unterscheide. Schon allein deshalb, weil ich mich nicht auf ein familiäres Sicherheitsnetz aus Wohneigentum und Erbkapital verlassen konnte, sondern mir meine Existenzgrundlage und alles darüber hinaus selbst erarbeiten und erkämpfen musste und muss. Mir wurde zudem klar, wie fremd mir Eliten sind, wie wenig mir an Macht und Einfluss liegt: Ich will nicht aufsteigen um des sozialen Status willen. Auch wenn es eine logische Folge hätte sein können: Dass in meiner Pubertät fast alle stabilisierenden Strukturen weggebrochen waren, führte bei mir eben nicht zu einer individualisierten Einzelkämpfermentalität. Stattdessen löste es eine noch stärkere Ausrichtung auf gemeinschaftliches Vorankommen aus. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich in Begegnungen und Gesprächen das Gemeinsame suche und nach einem wirklichen Miteinander strebe. Das Bestreben, solidarisch zu handeln, ist tief in mir verankert. Vielleicht wurzelt es in der Timurhilfe, den Pioniernachmittagen, dem Kollektivgedanken – auch wenn dieses Wir eingebettet war in ein autoritäres System, aus dem so mancher heute die wütenden und abschottenden Elemente weiterträgt.</p>
<p>In Bayern eckte ich mit meiner Art, Dinge hartnäckig zu hinterfragen und etablierte Hierarchien und Autoritäten nicht als gesetzt zu respektieren, häufig an. Es wurde selten direkt kommuniziert, und doch habe ich immer sehr genau gespürt, wann eine Grenze erreicht war, ab der ein Weiterkommen als „Ossi“ nahezu unmöglich war. Wo die gläserne Decke erreicht war; wo der innere Kreis, der sich vermeintlich nach außen geöffnet hatte, die Reihen wieder schloss. Und mit jedem Mal, mit dem ich mich gegen diese Mauern stemmte, verlor ich ein bisschen mehr an Kraft – und auch an Willen. 2020 beschloss ich, wieder dorthin zu gehen, wo noch nicht alles festgelegt ist. Wo man Dinge nicht einfach tut, weil man das „schon immer so“ gemacht hat. Wo eine gewisse Unvollkommenheit noch mehr Gestaltungsspielraum lässt.</p>
<div id="attachment_7266" style="width: 457px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7266" class="wp-image-7266" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/03_Ostparties.jpg" alt="2009: Ostpartys in Augsburg – über 450 Gäste feierten, die dpa berichtete über das „außergewöhnliche Event“ in Bayern. Abbildung: dpa" width="447" height="600"><p id="caption-attachment-7266" class="wp-caption-text">2009: Ostpartys in Augsburg – über 450 Gäste feierten, die dpa berichtete über das „außergewöhnliche Event“ in Bayern. Abbildung: dpa</p></div>
<h2><span class="title-bg">Sicher ist nichts</span></h2>
<p>Ich wollte zurück in den Osten – mit all seinen Vorzeigestädten und vergessenen Orten, seinen Herausforderungen und Erfolgen. Seit vier Jahren lebe ich nun wieder in Leipzig, und alles daran fühlt sich richtig und gut an. Es verschafft mir ein Gefühl von Leichtigkeit und Unbeschwertheit, dass ich mich hier im Osten nicht so oft erklären muss. Weil die Menschen in meinem Umfeld und Alter ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sich unsere Biografien und deren Brüche oft gleichen.</p>
<div id="attachment_7267" style="width: 444px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7267" class="wp-image-7267" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/04_MeinSchiff.jpg" alt="2015: Offizierin auf dem Kreuzfahrtschiff – auf hoher See mit Crew-Mitgliedern aus 45 Nationen. Abbildung: privat" width="434" height="600"><p id="caption-attachment-7267" class="wp-caption-text">2015: Offizierin auf dem Kreuzfahrtschiff – auf hoher See mit Crew-Mitgliedern aus 45 Nationen. Abbildung: privat</p></div>
<p>Offenbar brauche ich es, dass die Dinge im Wandel sind, selbst wenn dieser oft schmerzhaft ist: Beruflich habe ich mich auf den Bereich Krisenkommunikation und -management spezialisiert – eine durchaus passende Entwicklung angesichts meines bisherigen Lebensweges: Gemeinsam mit meinem Team unterstütze ich Organisationen dabei, sich auf Ausnahmesituationen vorzubereiten und diese durch kluge Entscheidungen und professionelle Kommunikation zu meistern. Nicht selten begleite ich hierbei Menschen, für die sich plötzlich alles im Umbruch befindet. In Zeiten, in denen Orientierung fehlt und Vertrauen bröckelt, gibt es oftmals keine perfekten Antworten, gut gemeinte Ratschläge helfen oft nicht. Was aber hilft, sind Empathie und Haltung, Loyalität und Solidarität. Klare Worte, die sagen, was ist – und was nicht. Die beste Art der Kommunikation in Zeiten der Krise ist die, die verbindet. Die erfolgreichste Geschichte ist die, die Widersprüche aushält. Die verlässlichste Gewissheit ist, dass es immer irgendwie weitergehen wird.</p>
<p>So oft schon habe ich miterlebt, wie von heute auf morgen alles anders war: nach dem Mauerfall 1989, während der Coronalockdowns, als ich 2024 meine ukrainische Brieffreundin mit ihren Kindern in Leipzig betreute, in meinem Job als Krisenmanagerin. All diese Erlebnisse haben mir eines immer wieder gezeigt: Von heute auf morgen kann die Wucht der Veränderung Grundfesten ins Wanken bringen und Sichergeglaubtes mit sich reißen. Strukturen sind nicht unverrückbar, Systeme bestehen nicht für immer. Ob das gut ist oder besser, schlechter oder anders – das stellt sich oft erst später heraus.</p>
<p>Ich glaube an nichts. Und an alles.</p>
<div id="attachment_7268" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7268" class="wp-image-7268" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/05_Dunkelblau.jpg" alt="2025: Vortrag zu Krisenkommunikation – Bewältigung von Cyber-Angriffen, Restrukturierungen, Produktrückrufen etc. Abbildung: itiso GmbH" width="600" height="395"><p id="caption-attachment-7268" class="wp-caption-text">2025: Vortrag zu Krisenkommunikation – Bewältigung von Cyber-Angriffen, Restrukturierungen, Produktrückrufen etc. Abbildung: itiso GmbH</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1684" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_4c.jpg" alt="Label Impulsgeber Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Dunkelblau GmbH &amp; Co. KG</span></h2>
<p><strong>GEGRÜNDET:</strong> 2012<br>
<strong>STANDORT:</strong> Leipzig<br>
<strong>MITARBEITENDE:</strong> 10<br>
<strong>WEBSITE:</strong> <a href="https://dunkelblau.com/" target="_blank" rel="noopener">dunkelblau.com</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1685" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg" alt="Label Impulsgeberin Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Janka Kreißl</span></h2>
<p><span style="color: #000000;"><strong>GEBOREN:</strong> 1976/Sonneberg</span><br>
<span style="color: #000000;"><strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Leipzig<br>
<strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Daniel Schulz: „Wir waren wie Brüder“, 2022<br>
<strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Mit der Faust in die Welt schlagen“, 2025<br>
<strong>MEINE URLAUBSTIPPS:</strong> Steinach im Thüringer Wald, Dahlener Heide, Görlitz<br>
</span></p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
</tr>
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<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/janka-kreissl-ich-glaube-an-nichts-wie-der-osten-mich-radikalisiert-hat-und-der-westen-auch/">Janka Kreißl: Ich glaube an nichts. Wie der Osten mich radikalisiert hat – und der Westen auch</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Petra Köpping: Damit die Wut nicht zerreißt. Warum wir für eine Zukunft gegen die Polarisierung polarisieren müssen</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/petra-koepping-damit-die-wut-nicht-zerreisst-warum-wir-fuer-eine-zukunft-gegen-die-polarisierung-polarisieren-muessen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Apr 2026 05:30:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7243</guid>

					<description><![CDATA[<p>Petra Köpping, die Stellvertretende Ministerpräsidentin und Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Freistaates Sachsen (SPD), ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7260" class="wp-image-7260 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Koepping_DIAO2.png" alt="Petra Köpping, Stellvertretende Ministerpräsidentin und Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Freistaates Sachsen (SPD). Abbildung: Sozialministerium Sachsen" width="705" height="1000">Petra Köpping, Stellvertretende Ministerpräsidentin und Staatsministerin für [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/petra-koepping-damit-die-wut-nicht-zerreisst-warum-wir-fuer-eine-zukunft-gegen-die-polarisierung-polarisieren-muessen/">Petra Köpping: Damit die Wut nicht zerreißt. Warum wir für eine Zukunft gegen die Polarisierung polarisieren müssen</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Petra Köpping, die Stellvertretende Ministerpräsidentin und Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Freistaates Sachsen (SPD), ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7243"></span></p>
<div id="attachment_7260" style="width: 715px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7260" class="wp-image-7260 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/04/Koepping_DIAO2.png" alt="Petra Köpping, Stellvertretende Ministerpräsidentin und Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Freistaates Sachsen (SPD). Abbildung: Sozialministerium Sachsen" width="705" height="1000"><p id="caption-attachment-7260" class="wp-caption-text">Petra Köpping, Stellvertretende Ministerpräsidentin und Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Freistaates Sachsen (SPD). Abbildung: Sozialministerium Sachsen</p></div>
<p>„Euch wird es nicht besser gehen als uns.“ Diesen Pessimismus höre ich in den vergangenen Jahren immer öfter von Eltern, wenn sie gegenüber ihren Kindern und Enkelkindern in die Zukunft schauen. Geprägt und manchmal auch gezeichnet von den eigenen Erfahrungen der Wende und Nachwendezeit, sehen sie sich und ihre Familien heute wieder vor grundlegenden Umbrüchen. Sie wissen, man kann es schaffen. Sie wissen aber auch, wie schwer es ist. Wenn man noch einmal bei null anfangen musste. Sich wieder etwas Wohlstand aufzubauen. Ein zweites Mal schafft man so eine Transformation – wie diese tiefgreifenden Umbrüche heute gern genannt werden – nicht.</p>
<p>Diese Einstellungen spiegeln sich auch in Umfragen. Der „Sachsenmonitor“ erfasst regelmäßig den Blick auf das Leben und die Zukunftserwartungen der Menschen in Sachsen. Sie bewerten ihre eigene Situation als gut, die Gesamtsituation dagegen nicht, was sich in einem negativen Zukunftsbild niederschlägt. Diese Diskrepanz zeigt sich auch im Zukunftsbild junger Menschen. Für die Studie „Wie ticken junge Menschen in Sachsen?“ wurden junge Menschen während der Coronazeit im Februar 2022 befragt. Sie blickten ihrer eigenen Zukunft positiv entgegen. Die Zukunftschancen ihrer Generation dagegen schätzten sie deutlich pessimistischer ein.</p>
<p>Die Elterngeneration „vererbt“ am Küchentisch ihre Erfahrungen und auch ihren Blick in die Zukunft: Euch wird es nicht besser gehen als uns. Aber es kann ihnen besser gehen. Für das Projekt „Wir sind der Osten“ habe ich es vor Jahren schon gesagt: In Ostdeutschland ist noch ganz viel neu zu bewegen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Feld in Westdeutschland schon oft bestellt ist. Die Chance ist da, dass es jungen Menschen besser gehen wird. Weil sie Möglichkeiten in Ostdeutschland finden, die sie bisher so in dieser Form nicht gefunden haben.</p>
<p>Hier im Osten, auch in Sachsen, wurden zuletzt ganz starke Zeichen gesetzt. 30 Milliarden Euro werden in den nächsten Jahren investiert. 30 zusätzliche Milliarden. Das ist deutlich mehr als ein sächsischer Jahreshaushalt, was gerade investiert wird: in Stahl, Optik, Breitband, Halbleiter, Wasserstoff und Großforschungszentren. In Zukunft. Trotz der schwierigen Lage.</p>
<p>Aber die Schwierigkeiten müssen wir genauso sehen – und was sie im Alltag der Menschen anrichten. Von Kriegen, den Folgen der Inflation, der Coronakrise und Zukunftsaufgaben der Digitalisierung über den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft bis hin zum Umgang mit dem demografischen Wandel: Jedes dieser Themen allein wäre schon eine Herausforderung für unsere Gesellschaft. Das schlägt sich nieder. Wenn ich in Sachsen in den letzten Jahren unterwegs war, habe ich oft drei Dinge beobachtet: Die Menschen sind erschöpft. Sie sind verunsichert. Sie ziehen sich zurück.</p>
<p>Dass in solchen Zeiten viele Leute zweifeln, dass sich Pessimismus ausbreitet, ist nicht verwunderlich. Das Gefühl der Unsicherheit trifft im Osten Deutschlands dazu auf ein Grundgefühl einer entsicherten Gesellschaft.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>Wir sollten endlich wieder den moderaten, differenzierten Stimmen einen ausreichenden Raum geben.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<p>In den Nachwendejahren war ich Bürgermeisterin von Großpösna und später Landrätin. In vielen Gesprächen über die letzten Jahre wurde mir immer wieder deutlich: Hinter Wut und Frust von vielen Menschen, die sich Jahrzehnte später auch noch entladen und auf die von außen oft fassungs- und hilflos geschaut wurde, standen sehr oft schmerzhafte persönliche Geschichten. Mir erzählten Menschen aus der Nachwendezeit von Verlust der Arbeit, Abwertung ihrer Lebensleistung durch die Gesellschaft und folglich Verletzungen in ihrer ganzen Biografie. Verletzungen brennen sich ins Gedächtnis, ganz besonders unbehandelte und solche, die immer wieder geschehen. Und sie brennen sich eben nicht nur ins eigene Gedächtnis, sondern auch in das der Kinder und Enkel. Auch durch die Erfahrungen der Nachwendezeit ausgelöst, schwelen bis heute soziale Konflikte, die den oberflächlichen kulturellen Kämpfen den Nährboden liefern und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt bedrohen.</p>
<p>In diesen Jahren hat sich auch ein fast greifbarer Egoismus in unsere Gesellschaft gefressen. Eine zunehmende Mehrheit der Menschen in ganz Deutschland sagt: Es geht immer egoistischer zu. Jeder ist sich nur noch selbst der Nächste. Daraus ziehen Menschen den Schluss: Dann muss ich mir auch der Nächste sein.</p>
<p>Gerade im Osten ist mir in den Erzählungen der Menschen der Nachwendezeit immer wieder begegnet: Jeder müsse sehen, wo er bleibt. Aus diesem Kampf um das „über die Runden kommen“ wurde ein verdrehtes „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das hat etwas mit den Menschen im Osten gemacht – eine Ellbogenmentalität hat sich ausgebreitet, zu der sich viele gezwungen sahen, auf die sie aber nie stolz waren.</p>
<div id="attachment_7252" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7252" class="wp-image-7252" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/596A3898.jpg" alt="Petra Köpping unterwegs in Sachsen: Hier in Leipzig, Chemnitz und Pulsnitz. Abbildung: Sozialministerium Sachsen" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7252" class="wp-caption-text">Petra Köpping unterwegs in Sachsen: Hier in Leipzig, Chemnitz und Pulsnitz. Abbildung: Sozialministerium Sachsen</p></div>
<h2><span class="title-bg">Polarisierung</span></h2>
<p>Auf diese emotionalen Glutnester stieß in den vergangenen Jahren die Polarisierung. Das Freund-Feind-Denken. Eine differenzierte Meinung scheint keine Rolle mehr in der Öffentlichkeit zu spielen. Es gibt eine Besserwisserei und Aggressivität von lauten Rändern, die viele von uns stumm macht. Dabei werden Fronten aufgebaut, indem mit immer schärferen Begriffen die andere Seite bewertet oder die eigene missliche Lage beschrieben wird.</p>
<p>Oft ist genau das leider der leichteste Weg, um Gehör zu finden – zumindest kurzfristig. Geschuldet ist das auch den konfliktbelohnenden Algorithmen der „sozialen Medien“ und der überhandnehmenden Medienlogik, die nur auf Konflikt und Lautstärke schaut. Gute Nachrichten verkaufen sich nicht.</p>
<p>Es gibt politische Akteure, die diese Mechanismen gezielt nutzen. Sie haben daraus eine Polarisierungsmaschine gebaut, die bei jeder Gelegenheit angeworfen wird. Gefüttert mit Falschinformationen und Halbwahrheiten werden so bewusst Gräben gerissen, wo in der eigentlichen Sache keine sind.</p>
<p>Langfristig richtet diese Form der Debatte unglaublichen Schaden an. Das können wir heute schon beobachten. Alles scheint politisch empörend, selbst die einfachsten Dinge, die eigentlich nicht politisch sind. Die Folge ist: Viele Menschen sind frustriert. Davon, wie öffentliche Diskurse geführt werden und wie dort miteinander umgegangen wird. Das Ergebnis ist: Sie ziehen sich zurück. Der Zukunftspessimismus gewinnt an Kraft. Oder richtiger: Der Zukunftsoptimismus wird erstickt.</p>
<div id="attachment_7253" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7253" class="wp-image-7253" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/A19A5153.jpg" alt="Petra Köpping unterwegs in Sachsen: Hier in Leipzig, Chemnitz und Pulsnitz. Abbildung: Sozialministerium Sachsen" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7253" class="wp-caption-text">Abbildung: Sozialministerium Sachsen</p></div>
<h2><span class="title-bg">Wir sind uns einiger, als wir denken</span></h2>
<p>Aber wir sind uns einiger, als wir denken! Das wird schnell klar, wenn man sich länger unterhält und hinter die Reizworte schauen kann. Man ist bei sehr vielem inhaltlich gar nicht so weit entfernt! Viele wollen, dass Probleme gelöst werden. Und zwar machbar und gerecht.</p>
<p>Die einen und die anderen – das ist falsch! Auch wenn es noch so oft wiederholt wird. Es gibt weiter eine breite Mitte, die differenziert denkt. Eine breite Mitte, die von sich radikalisierenden Rändern aus der Debatte gedrängt wird. Aber genau diese muss zu Wort kommen und sich das Wort nehmen!</p>
<p>Deswegen finde ich die neue ostdeutsche Arbeiterbewegung so wichtig, die in immer mehr Betrieben für ihre Rechte und höhere Löhne kämpft. Das bringt vielen ostdeutschen Beschäftigten den Respekt zurück! Deswegen finde ich auch die Großdemonstrationen der vergangenen Jahre gegen Rechtsextremismus und für Demokratie so wichtig. Sie verkörpern ein „Wir“ der Mitte statt „ich, ich, ich“. Ein „Wir“, das respektvoll um die besten Lösungen für unsere Aufgaben streiten kann, aber sich gleichzeitig in Gemeinsamkeit gegen den Wutruf: „Wir [und nur wir] sind das Volk, [alle anderen sind der Feind]“ stellt.</p>
<p>Genau das „Wir“, wie auf den Demonstrationen, sehe ich immer dort, wo Menschen gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Wenn ich in Sachsen unterwegs bin, sehe ich täglich Menschen, die einfach „machen“. Sie sind oft still, erzeugen keine Aufreger und finden deswegen oft nicht ihre verdiente Anerkennung in der überlauten Polarisierung. Zu Unrecht! Erzählen wir uns auch diese guten Geschichten! Besonders junge Menschen bauen in Sachsen viel auf – nicht nur im Haupt-, sondern auch im Ehrenamt: Vereine, Unternehmen, Nachbarschaftsstrukturen. Diese Menschen verkörpern, was sich die übergroße Mehrheit wünscht: dass nicht jeder auf sich selbst schaut. Die gleichen Befragungen, die belegen, dass viele denken, jeder sei sich nur noch selbst der Nächste, zeigen auch: Die gleichen Menschen wollen, dass es anders ist.</p>
<div id="attachment_7256" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7256" class="wp-image-7256" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/A19A6789.jpg" alt="Es gibt weiterhin eine breite Mitte, die differenziert denkt. Sie muss zu Wort kommen und sich das Wort nehmen. Abbildung: Sozialministerium Sachsen" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7256" class="wp-caption-text">Es gibt weiterhin eine breite Mitte, die differenziert denkt. Sie muss zu Wort kommen und sich das Wort nehmen. Abbildung: Sozialministerium Sachsen</p></div>
<h2><span class="title-bg">Jetzt und hier</span></h2>
<p>Es muss darum gehen, tatsächliche Probleme zu lösen, statt sich an unnötigen und fabrizierten Debatten zu zerreiben. Nicht das Gendersternchen, das Tofu-Schnitzel oder der Flug in den Urlaub. Es geht darum, unsere Infrastruktur wieder stark zu machen. Für gute Arbeitsplätze. Für eine starke Gesundheits-, Pflege- und Soziallandschaft. Das ist der Rahmen für die Zukunft der heutigen Kinder und Enkelkinder, innerhalb dessen sie sich etwas aufbauen können. In diesen Umbruchzeiten müssen wir die Chancen nutzen und gleichzeitig die Fehler der Nachwendezeit meiden.</p>
<p>Polarisierung und Egoismus machen hingegen unsere Gesellschaft kaputt. Ich will nicht, dass Deutschland, der Osten und Sachsen wie die USA werden. Wir sollten endlich wieder den moderaten, differenzierten Stimmen einen ausreichenden Raum geben. Eine vermittelnde Position ist keine Schwäche, sondern etwas Gutes. Dafür müssen wir auch laut einstehen. Wir müssen gemeinsam gegen die Polarisierung polarisieren! Wir müssen gemeinsam dem Egoismus entgegentreten. So kann es gelingen, dass die Wut unsere Gesellschaft nicht auseinanderreißt.</p>
<p>Dieser Weg gibt mir die Zuversicht zu sagen: Denke ich an Ostdeutschland, sehe ich – trotz der Schwierigkeiten, trotz der manchmal fast zum Zerreißen gespannten gesellschaftlichen Nerven – unglaublich viele Chancen. Chancen, für die nächsten Generationen etwas aufzubauen. Das motiviert mich, jungen Menschen zu sagen: Probiert euch jetzt und hier aus.</p>
<p>Ich wünsche, dass sie Stolz entwickeln auf das, was sie leisten. Im Kleinen wie im Großen: für ihre Stadt, ihr Dorf und ihre ganze Region.</p>
<div id="attachment_7257" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7257" class="wp-image-7257" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/A19A8836.jpg" alt="Abbildung: Sozialministerium Sachsen" width="600" height="400"><p id="caption-attachment-7257" class="wp-caption-text">Abbildung: Sozialministerium Sachsen</p></div>
<hr>
<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1685" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg" alt="Label Impulsgeberin Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Petra Köpping</span></h2>
<p><strong>GEBOREN:</strong> 1958/Nordhausen<br>
<strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Grimma<br>
<strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Steffen Mau, Thomas Lux, Linus Westheuser: „Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwarts­gesellschaft“, 2023<br>
<strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Gundermann“, 2018<br>
<strong>MEIN URLAUBSTIPP:</strong> Leipziger Neuseenland</p>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tbody>
<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
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<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/petra-koepping-damit-die-wut-nicht-zerreisst-warum-wir-fuer-eine-zukunft-gegen-die-polarisierung-polarisieren-muessen/">Petra Köpping: Damit die Wut nicht zerreißt. Warum wir für eine Zukunft gegen die Polarisierung polarisieren müssen</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Manja Kliese: Ostdeutsche Augen und Ohren. Der auswärtige Dienst sollte kein westdeutscher Erbhof sein</title>
		<link>https://ostdeutschland.info/manja-kliese-ostdeutsche-augen-und-ohren-der-auswaertige-dienst-sollte-kein-westdeutscher-erbhof-sein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Robert Nehring]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Mar 2026 06:30:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Sammelband]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://ostdeutschland.info/?p=7212</guid>

					<description><![CDATA[<p>Manja Kliese, Leiterin des Krisenreaktionszentrums des Auswärtigen Amts, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7227" class="wp-image-7227 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/Kliese_DIAO2.png" alt="Manja Kliese, Leiterin des Krisenreaktionszentrums Auswärtiges Amt. Abbildung: Stevy Hochkeppel" width="706" height="1000">Manja Kliese, Leiterin des Krisenreaktionszentrums Auswärtiges Amt. Abbildung: Stevy Hochkeppel<br />
Meine Kindheit in der DDR war geprägt vom Privileg der Auslandstätigkeit meiner Eltern. Die fünf Jahre, [...]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/manja-kliese-ostdeutsche-augen-und-ohren-der-auswaertige-dienst-sollte-kein-westdeutscher-erbhof-sein/">Manja Kliese: Ostdeutsche Augen und Ohren. Der auswärtige Dienst sollte kein westdeutscher Erbhof sein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #000000;">Manja Kliese, Leiterin des Krisenreaktionszentrums des Auswärtigen Amts, ist eine wichtige Impulsgeberin für Ostdeutschland. Sie setzt sich ein für Vergewisserung, Verständigung und Versöhnung. Mit diesem Beitrag ist sie auch im zweiten Sammelband „Denke ich an Ostdeutschland ...“ vertreten.</span></p>
<p><span id="more-7212"></span></p>
<div id="attachment_7227" style="width: 716px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7227" class="wp-image-7227 size-full" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/Kliese_DIAO2.png" alt="Manja Kliese, Leiterin des Krisenreaktionszentrums Auswärtiges Amt. Abbildung: Stevy Hochkeppel" width="706" height="1000"><p id="caption-attachment-7227" class="wp-caption-text">Manja Kliese, Leiterin des Krisenreaktionszentrums Auswärtiges Amt. Abbildung: Stevy Hochkeppel</p></div>
<p>Meine Kindheit in der DDR war geprägt vom Privileg der Auslandstätigkeit meiner Eltern. Die fünf Jahre, die ich in den 1980ern in Zagreb und Pjöngjang verbrachte, weckten in mir das Interesse an anderen Kulturen und Sprachen, am Austausch zwischen Völkern und Nationen. Ich kaufte von meinem Taschengeld ein deutschkoreanisches Wörterbuch und simulierte an einem alten Sekretär das, was ich mir in meiner kindlichen Fantasie unter internationalen Verhandlungen vorstellte. Obgleich meine Eltern selbst keine Diplomaten waren, kam ich damals mit diplomatischen Gepflogenheiten in Berührung und entwickelte eine gewisse Faszination für Staatsbesuche und andere protokollarische Ereignisse.</p>
<p>Kurz nach unserer Rückkehr nach Karl-Marx-Stadt kam die Wende und in dieser von massiven Umbrüchen geprägten Zeit trat die Auslandserfahrung zunächst in den Hintergrund. Mir blieb die Begeisterung für Fremdsprachen und ein gewisses Fernweh. Als ich Mitte der 1990er-Jahre dann eine Berufs- bzw. Studienwahl treffen sollte, reizte mich das Ausland daher sehr. In jener von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Zeit konnten mir Eltern oder Lehrer dabei jedoch kaum beratend zur Seite stehen. Sie waren mit den Brüchen in ihrem eigenen Berufsleben beschäftigt, waren herausgefordert von der neuen Zeit, standen oft vor großen Unbekannten. Für meine Generation im Osten bedeutete dies gleich zu Beginn unserer beruflichen Karrieren einen gravierenden Nachteil – ein Phänomen, das man zwar durchaus auch im Westen kannte, dort jedoch eher im migrantischen oder bildungsfernen Umfeld beobachtete.</p>
<hr>
<blockquote><p><span style="color: #000000;"><strong>In diesen Gesprächen ging es mir ganz zentral darum, zu zeigen, dass Diplomatie keine Erbdynastie ist, sondern ein Beruf, der allen offensteht.”</strong></span></p></blockquote>
<hr>
<h2><span class="title-bg">Mut statt Entmutigung</span></h2>
<p>In dieser Phase der allgemeinen Orientierungslosigkeit führte mich der Weg ins Berufsinformationszentrum des lokalen Arbeitsamts. Die „Blätter zur Berufskunde“ arbeitete ich akribisch durch und ließ dabei alle Berufe außer Acht, die einen Studienabschluss verlangt hätten. Trotz meiner ausgezeichneten Schulnoten schüchterte mich der Gedanke an ein Studium ein, da es neben ungewissen Jobaussichten vor allem jahrelange Kosten bedeuten würde, die ich meinen Eltern keinesfalls aufbürden wollte. Das einzige von der Arbeitsamtspublikation vorgeschlagene Berufsbild, das sofort monatliche Ausbildungsbezüge versprach und meinen Interessen entsprach, war der gehobene Dienst im Auswärtigen Amt. Jobsicherheit durch Beamtenstatus, Fachhochschulabschluss und Auslandsaufenthalte an den deutschen Botschaften weltweit – ich war mir sicher, dass es genau diese Kombination war, nach der ich gesucht hatte. Der sächsische Berufsberater sah das gänzlich anders und beschied: „Die nehmen nur 25 Leute im Jahr, das können Sie gleich vergessen.“</p>
<p>Zum Glück fühlte ich mich von dieser pauschalen Absage nicht entmutigt, sondern eher herausgefordert. Ein wenig auch aus Trotz bewarb ich mich daher im Auswärtigen Dienst und wurde entgegen meiner eigenen Erwartungen als angehende Konsularbeamtin angenommen. Dass ich mit der Wahl meines künftigen Jobs richtig lag, offenbarte sich unvermutet auch an anderer Stelle. Im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens bei der sächsischen Finanzverwaltung, das ich zur Sicherheit parallel betrieben hatte, wurde ich gefragt, was mein Traumberuf wäre, wenn Schulnoten, Geld, familiäre Umstände und körperliche Voraussetzungen keine Rolle spielen würden. Ich war 17 und hatte mir um einen voraussetzungslosen Berufswunsch nie Gedanken gemacht. Gleichwohl sagte ich spontan und aus tiefstem Innern „Botschafterin“. Die Jury schaute mich an und stimmte zu: „Ja, das passt zu Ihnen“. Ich bekam kurz darauf ein Absageschreiben der Finanzbehörde, aber die Zustimmung der Juroren zu meinem Karrierewunsch hallte lange in mir nach.</p>
<div id="attachment_7220" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7220" class="wp-image-7220" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/Kliese_3.jpeg" alt="1987 mit dem letzten Botschafter und Wirtschaftsrat der DDR in Pjöngjang. Abbildung: privat" width="600" height="406"><p id="caption-attachment-7220" class="wp-caption-text">1987 mit dem letzten Botschafter und Wirtschaftsrat der DDR in Pjöngjang. Abbildung: privat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Metamorphose zur Diplomatin</span></h2>
<p>Mit Beginn meiner Ausbildung in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn begann für mich 1996 die rasche Metamorphose zur Diplomatin – natürlich nach westdeutschem Vorbild und Verständnis, denn für eine irgendwie geartete ostdeutsche Färbung war dort kaum Platz. Im Gegenteil ging es in dieser Phase vor allem darum, mich chamäleongleich anzupassen. Keinesfalls wollte ich mit als typisch ostdeutsch betrachteten und in Bonn durchaus negativ konnotierten Eigenheiten auffallen und so eine hochgezogene Augenbraue riskieren. Die Bandbreite des zu Erlernenden war dabei groß und ging weit über rein fachliche Kenntnisse hinaus. Soziale Kodizes waren ebenso wichtig wie der einwandfreie Kleidungsstil oder die Lektüre der richtigen Bücher. Dass ich von Haus aus keinen Dialekt sprach, war ein Vorteil, meine anfangs noch offensichtlichen Defizite in den Fremdsprachen Englisch und Französisch stellte ich schnellstmöglich ab. Meine ostdeutsche Herkunft fiel so immer weniger auf und war nach meiner Ausbildung auf meinen Auslandsverwendungen in Istanbul und Paris kaum mehr ein Thema. Andererseits habe ich meine Heimat nie verleugnet, ich zeigte in Lehrveranstaltungen und bei sonstigen Diskussionen bewusst ostdeutsche Perspektiven auf und freute mich stets, wenn ich zum Beispiel mit osteuropäischen Diplomaten schnell eine gemeinsame Wellenlänge fand.</p>
<div id="attachment_7221" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7221" class="wp-image-7221" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/Kliese_4.jpg" alt="Erste Versuche internationaler Verständigung. Abbildung: privat" width="600" height="575"><p id="caption-attachment-7221" class="wp-caption-text">Erste Versuche internationaler Verständigung. Abbildung: privat</p></div>
<p>Mit fortschreitender Berufserfahrung musste ich im Laufe der Jahre feststellen, dass meine vor allem aus Vorsicht und Unsicherheit getroffene Wahl der gehobenen Beamtenlaufbahn einer Korrektur bedurfte. Mir war klar geworden, dass ich ohne einen universitären Studienabschluss kaum Chancen auf Führungspositionen im Auswärtigen Amt hatte, für die ich zunehmend Ambitionen entwickelte. Ich holte meinen Masterabschluss nach und bewarb mich erneut bei meinem eigenen Arbeitgeber – diesmal für die „klassische“ Diplomatenkarriere im höheren Dienst, in der Hoffnung und mit dem Vorsatz, eines Tages Deutschland als Botschafterin vertreten zu können. Ich wollte, ganz im Sinne eines Zitats des italienischen Staatsmannes Francesco Guicciardini, zu den Augen und Ohren meines Landes werden.</p>
<p>Dass Ostdeutsche in dieser Berufsgruppe stark unterrepräsentiert waren, fiel mir damals nicht unbedingt als Problem auf. Zu einer Zeit, in der mit Angela Merkel und Joachim Gauck zwei der höchsten Repräsentanten des Landes aus Ostdeutschland stammten, schien mangelnde Sichtbarkeit von Ostdeutschen in Führungspositionen kein Thema zu sein. Vordringlicher war für mich zu dem Zeitpunkt eher die Frage, ob ich als Frau in der Männerdomäne Diplomatie gleichberechtigte Karrierechancen haben würde. Immerhin waren noch im Jahr 2012 lediglich elf von 142 deutschen Botschaften von Frauen geleitet.</p>
<div id="attachment_7223" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7223" class="wp-image-7223" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/Kliese_1.jpg" alt="Familienmoment: Manja Kliese mit ihren drei Töchtern an der lettischen Ostsee. Abbildung: privat" width="600" height="450"><p id="caption-attachment-7223" class="wp-caption-text">Familienmoment: Manja Kliese mit ihren drei Töchtern an der lettischen Ostsee. Abbildung: privat</p></div>
<h2><span class="title-bg">Konsequenzen des Ostdeutschseins</span></h2>
<p>Erst ab 2015 begann ich, mich intensiver mit der Frage auseinanderzusetzen, ob und wie sich aus meinem Ostdeutschsein praktische Konsequenzen für die Ausübung meines Berufs ergeben. Zwar war mir zuvor schon der Gedanke gekommen, dass mein eigenes Erleben von zwei Systemen und die Erfahrung der Transformation eine besondere Kompetenz gerade für eine Diplomatin darstellt, ich hatte dies jedoch nie offensiv als Stärke reklamiert. Nicht zuletzt mit dem Entstehen von „Pegida“ in Dresden gab es jedoch im Ausland verstärkt Fragen nach einer möglichen Besonderheit der Ostdeutschen und nach dem Gelingen der deutschen Einheit ganz allgemein. Derlei Fragen wurden selbstverständlich von zumeist westdeutschen Diplomaten beantwortet, die sich nur im Ausnahmefall intensiver mit diesem Bereich der deutschen Innenpolitik befasst hatten. Ich hingegen konnte im Gespräch mit ausländischen Repräsentanten durchaus ein authentischeres Zeugnis über die Situation in Ostdeutschland abliefern. Die Entwicklungen in Sachsen ab 2015 wurden so für mich zum konkreten Auftrag, meine Heimat wieder genauer zu beobachten, um sie im Ausland besser erklären zu können.</p>
<p>Aufbauend auf diese Rückbesinnung auf meine Wurzeln erschloss sich mir ein größeres Handlungsfeld: Als stellvertretende deutsche Botschafterin in Riga beließ ich es nicht dabei, meinen lettischen Gesprächspartnern ostdeutsche Phänomene aus einer Innenperspektive zu erläutern, sondern ich suchte bewusst nach Anknüpfungspunkten zwischen Lettland und den ostdeutschen Bundesländern. So vermittelte ich zum Beispiel ostdeutsche Experten zum Thema Aufarbeitung und organisierte die offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Lettland in Kooperation mit dem Freistaat Sachsen. Bei Besuchsdelegationen aus Deutschland achtete ich nunmehr darauf, meine Herkunft offen anzusprechen. Gerade bei ostdeutschen Besuchern hat dies zu einem spürbar natürlicheren und transparenteren Austausch zu sensiblen Fragen geführt, etwa zum außenpolitischen Umgang mit Russland nach der Annexion der Krim. Und auch mein persönlicher Karriereweg wurde stärker thematisiert, weil gerade Ostdeutsche häufig glauben, man könne nur über Beziehungen an einen Job im Auswärtigen Amt gelangen. In diesen Gesprächen ging es mir ganz zentral darum, zu zeigen, dass Diplomatie keine Erbdynastie ist, sondern ein Beruf, der allen offensteht.</p>
<div id="attachment_7374" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7374" class=" wp-image-7374" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2026/03/Kliese_2-web.jpg" alt="1988 als Auszubildende an der deutschen Botschaft in Paris. Abbildung: privat" width="600" height="404"><p id="caption-attachment-7374" class="wp-caption-text">1988 als Auszubildende an der deutschen Botschaft in Paris. Abbildung: privat</p></div>
<p>Dass ich mit diesen Gedanken nicht allein bin, merkte ich alsbald nach meiner Rückkehr nach Berlin. Mittlerweile habe ich mich mit anderen Ostdeutschen im Auswärtigen Amt vernetzt und wir haben 2024 die Beschäftigteninitiative „Netzwerk Ost“ gegründet. Unser gemeinsames Anliegen ist es, unsere ostdeutsche Sozialisations- und Transformationserfahrungen verstärkt in die Gestaltung der deutschen Außen- und Europapolitik einzubringen. Indem wir ostdeutsche Diplomatinnen und Diplomaten sichtbarer machen, schaffen wir Rollenvorbilder und wollen so gezielt Beschäftigte mit ostdeutschem Hintergrund für den Auswärtigen Dienst gewinnen. Darüber hinaus geben wir auch intern Anregungen, wie verschiedene Prozesse angepasst werden könnten, um für eine höhere Repräsentanz von Ostdeutschen in unserer Behörde zu sorgen. Wir sind überzeugt, dass wir mit dieser Art der inklusiveren Außenpolitik auch einen Beitrag dazu leisten können, das Vertrauen in staatliche Institutionen und das Verständnis für Politikgestaltung in der ostdeutschen Bevölkerung zu erhöhen. Gleichzeitig wollen wir erreichen, dass Ostdeutschland als entdeckungswerte Region und erfolgreicher Standort eine deutlichere Rolle spielt, wenn sich Deutschland im Ausland präsentiert. Das Netzwerk Ost im Auswärtigen Amt hat in kurzer Zeit bereits viele sehr gute Anregungen und Initiativen in diesem Sinne entwickelt – jetzt kommt es darauf an, diese gemeinsam umzusetzen. In diesen Gesprächen ging es mir ganz zentral darum, zu zeigen, dass Diplomatie keine Erbdynastie ist, sondern ein Beruf, der allen offensteht.</p>
<div id="attachment_7225" style="width: 610px" class="wp-caption aligncenter"><img loading="lazy" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7225" class="wp-image-7225" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/08/Kliese_6.jpg" alt="2023 als Leiterin des Krisenreaktionszentrums während der Evakuierungen aus Sudan. Abbildung: Photothek, Thomas Köhler" width="600" height="488"><p id="caption-attachment-7225" class="wp-caption-text">2023 als Leiterin des Krisenreaktionszentrums während der Evakuierungen aus Sudan. Abbildung: Photothek, Thomas Köhler</p></div>
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<p><a href="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignright wp-image-1685" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2024/08/Ost_Button_Impulsgeberin_4c.jpg" alt="Label Impulsgeberin Ost" width="200" height="200"></a></p>
<h2><span class="title-bg">Manja Kliese</span></h2>
<p><strong>GEBOREN:</strong> 1978/Pasewalk<br>
<strong>WOHNORT (aktuell):</strong> Berlin<br>
<strong>MEIN BUCHTIPP:</strong> Anne Raabe: „Die Möglichkeit von Glück“, 2023<br>
<strong>MEIN FILMTIPP:</strong> „Deutschland 83“, 2015<br>
<strong>MEIN URLAUBSTIPP:</strong> Tour durch die Hansestädte Wismar, Rostock und Greifswald</p>
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<tr>
<td><strong><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6691 alignleft" src="https://ostdeutschland.info/wp-content/uploads/2025/09/PV_Buch_DIAO_Band02_Cover_RGB_klein.jpg" alt="Denke ich an Ostdeutschland ... Band 2" width="342" height="484">BUCHTIPP:</strong>
<h2><span class="title-bg">„Denke ich an Ostdeutschland ...“</span></h2>
<p><span style="color: #000000;">In der Beziehung von Ost- und Westdeutschland ist 35 Jahre nach dem Mauerfall noch ein Knoten. Auch dieser zweite Sammelband will einen Beitrag dazu leisten, ihn zu lösen. Die weiteren 60 Autorinnen und Autoren geben in ihren Beiträgen wichtige Impulse für eine gemeinsame Zukunft. Sie zeigen Chancen auf und skizzieren Perspektiven, scheuen sich aber auch nicht, Herausforderungen zu benennen. Die „Impulsgeberinnen und Impulsgeber für Ostdeutschland“ erzählen Geschichten und schildern Sachverhalte, die aufklären, Mut machen sowie ein positives, konstruktiv nach vorn schauendes Narrativ für Ostdeutschland bilden.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">„Denke ich an Ostdeutschland ... Impulse für eine gemeinsame Zukunft“, Band 2, Frank und Robert Nehring (Hgg.), PRIMA VIER Nehring Verlag, Berlin 2025, 224 S., DIN A4.</span></p>
<p><span style="color: #000000;">Als Hardcover und E-Book <a style="color: #000000;" href="https://ostdeutschland.info/denke-ich-an-ostdeutschland/" rel="noopener">hier</a> erhältlich.</span></p></td>
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<p>Der Beitrag <a href="https://ostdeutschland.info/manja-kliese-ostdeutsche-augen-und-ohren-der-auswaertige-dienst-sollte-kein-westdeutscher-erbhof-sein/">Manja Kliese: Ostdeutsche Augen und Ohren. Der auswärtige Dienst sollte kein westdeutscher Erbhof sein</a> erschien zuerst auf <a href="https://ostdeutschland.info">ostdeutschland.info</a>.</p>
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