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Buchvorstellung: „Postwendekinder“

2025 jähr­te sich die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung zum 35. Mal. In der Antho­lo­gie „Post­wen­de­kin­der“ kommt die Gene­ra­ti­on der Ost­deut­schen zu Wort, die nach der Wen­de gebo­ren wur­de. Die Autorin­nen und Autoren erzäh­len von ihren Erfahrungen.

BUCHTIPP:

Das Cover vom Buch Postwendekinder von Alma Jahn, Marlene Mähler und Angelique Pershon

Alma-Emi­lia Jahn, Mar­le­ne Mäh­ler, Ange­li­que Pershon (Hgg.): „Post­wen­de­kin­der: Für eine soli­da­ri­sche und gleich­be­rech­tig­te deutsch-deut­sche Zukunft“, Neo­fe­lis Ver­lag, Ber­lin 2026, 304 Sei­ten, 26 €.

Die Idee zu dem Buch ent­stand, als sich die drei Her­aus­ge­be­rin­nen im Früh­som­mer 2024 beim Work­shop „Ost, West: Schnee von ges­tern?“ ken­nen­lern­ten. Dar­aus ent­wi­ckel­te sich das Vor­ha­ben, ein Buch mit Betrof­fe­nen der Gene­ra­ti­on „Post­wen­de­kin­der“ bzw. deren Bei­trä­gen in Form von Essays, per­sön­li­chen Erzäh­lun­gen, Gedich­ten, Illus­tra­tio­nen und Graf­fi­ti-Kunst zu ver­öf­fent­li­chen. Ziel war es, sich mit dem Leben im post­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land sowie Fra­gen nach Zuge­hö­rig­keit, Auf­ar­bei­tung und Bewäl­ti­gung auseinanderzusetzen.

Ein zen­tra­les The­ma des Buches ist die Fra­ge, wann und wie ein ost­deut­sches Bewusst­sein ent­steht. Die Bei­trä­ge zei­gen, dass Her­kunft für vie­le Autorin­nen und Autoren zunächst kaum eine Rol­le spiel­te und erst durch Begeg­nun­gen mit Vor­ur­tei­len oder Fremd­zu­schrei­bun­gen an Bedeu­tung gewann. Dies wird etwa am Bei­spiel von Wer­o­ni­ka Vogel, Pro­mo­ven­din in Kir­chen­ge­schich­te, deut­lich. Sie wächst zwi­schen deut­scher und pol­ni­scher Iden­ti­tät auf und wird erst außer­halb ihres ver­trau­ten Umfelds ver­stärkt mit Fra­gen der Zuge­hö­rig­keit kon­fron­tiert. Ihre Erfah­run­gen mit Ste­reo­ty­pen über Ost­deutsch­land und die resul­tie­ren­de Aus­ein­an­der­set­zung mit ihrer ost­deut­schen Iden­ti­tät füh­ren schließ­lich zur Grün­dung des Blogs „East­plai­ning“.

Das Buch rich­tet den Blick auch auf die Suche nach der Ver­gan­gen­heit und die Fra­ge, wie die DDR bis heu­te in Fami­li­en­ge­schich­ten prä­sent ist. Dabei ste­hen weni­ger his­to­ri­sche Ereig­nis­se als viel­mehr per­sön­li­che Erin­ne­run­gen und deren Wei­ter­ga­be zwi­schen den Gene­ra­tio­nen im Vor­der­grund. Die Jour­na­lis­tin Alma Dewer­ny schil­dert bei­spiels­wei­se die Sicht ihrer Mut­ter auf die Revo­lu­ti­on von 1989 und die Ent­täu­schung über die Ent­wick­lung nach dem Mau­er­fall. Dar­an anschlie­ßend set­zen sich meh­re­re Bei­trä­ge kri­tisch mit den Fol­gen des Sys­tem­wan­dels nach 1990 aus­ein­an­der. Sie the­ma­ti­sie­ren unter­schied­li­che Erin­ne­run­gen an die DDR sowie die Erfah­run­gen der Trans­for­ma­ti­ons­zeit. Die Kunst­wis­sen­schaft­le­rin Domi­ni­que Falen­tin etwa schil­dert Per­spek­ti­ven aus der Gene­ra­ti­on ihrer Groß­mutter, ihrer Mut­ter und von sich selbst, jeweils exem­pla­risch für vie­le ost­deut­sche Frauen.

Ein wei­te­rer Schwer­punkt liegt auf den emo­tio­na­len Fol­gen der Wie­der­ver­ei­ni­gung. In den Bei­trä­gen wer­den Erfah­run­gen zwi­schen Stolz, Schuld­ge­füh­len und Recht­fer­ti­gungs­druck beschrie­ben sowie die Kon­fron­ta­ti­on mit Vor­ur­tei­len gegen­über Ost­deut­schen. So berich­tet die in Mag­de­burg gebo­re­ne Stu­den­tin Jara Schul­ze von Erfah­run­gen wäh­rend ihres Frei­wil­li­gen­diens­tes in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na, bei dem sie mit ver­ein­fa­chen­den Vor­stel­lun­gen über den Osten Deutsch­lands kon­fron­tiert wird. Sie möch­te den Osten nicht auf ein Podest heben, wünscht sich jedoch, dass er für die lan­ge feh­len­de Auf­ar­bei­tung mehr Aner­ken­nung aus dem Wes­ten erfährt und es einen Dis­kurs mit dem Osten gibt und nicht über ihn.

Abschlie­ßend rich­tet das Buch den Blick nach vorn. Es wird danach gefragt, wel­che Chan­cen und Her­aus­for­de­run­gen die Post­wen­de-Gene­ra­ti­on prä­gen und wie ihre Zukunft aus­se­hen könn­te. Die in Karls­ru­he leben­de gebür­ti­ge Thü­rin­ge­rin Kris­tin Ulitzsch beschreibt bei­spiels­wei­se die Weih­nachts­fahr­ten in ihre thü­rin­gi­sche Hei­mat und die jewei­li­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fra­ge, ob sie in ihre Hei­mat zurück­keh­ren oder ihr Leben dau­er­haft im Wes­ten fort­füh­ren will. Ein The­ma, mit dem vie­le „Post­wen­de­kin­der“ kon­fron­tiert sind.

Den Her­aus­ge­be­rin­nen des Buches, die auch eige­ne Arti­kel bei­gesteu­ert haben, gelingt es mit den unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven einen viel­schich­ti­gen Ein­blick in die Gefühls­welt der Post­wen­de­kin­der zu geben. Die abwechs­lungs­rei­chen Stil­for­men und per­sön­li­chen Geschich­ten machen das Buch zu einem ein­drucks­vol­len Por­trät einer Gene­ra­ti­on, die die DDR selbst nicht erlebt hat, die deren Nach­wir­kun­gen aber bis heu­te spürt.

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