Wie passten private Handwerksbetriebe in die DDR-Planwirtschaft und was motivierte Menschen dazu, in ihnen zu arbeiten? In ihrem Buch geben Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt einen Einblick in den Alltag des privaten Handwerks in der DDR. Sie beschreiben dessen Entwicklung bis heute.
| BUCHTIPP:
Alexia Pooth, Thomas Schaarschmidt: „Handwerk Ost: Arbeits- und Lebenswelten zwischen Plan und Markt“, Berlin 2026, 360 Seiten, 28 €. |
Das Buch zeichnet die Entwicklung des ostdeutschen Handwerks von der Gründung der DDR über die Umbruchzeit 1989/90 bis zur Jahrtausendwende und darüber hinaus nach. Grundlage ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Forschungsprojekt zur Gesellschaftsgeschichte des ostdeutschen Handwerks, das 2021 am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam durchgeführt wurde. Dafür interviewten die Kunst- und Kulturhistorikerin Alexia Pooth und der Zeithistoriker Thomas Schaarschmidt Handwerkerinnen und Handwerker verschiedener Gewerke. In ihren Erinnerungen berichten diese über ihre Ausbildung, den Arbeitsalltag in privaten Handwerksbetrieben der DDR, die Herausforderungen ihres Berufs und die Entwicklung des ostdeutschen Handwerks über mehrere Jahrzehnte. Zusätzlich zu den Interviews griffen die Autoren auf bestehende Literatur und Forschungsarbeiten zurück.
Zu Beginn ordnet das Buch die Entwicklung des Handwerks in der DDR historisch ein. Bereits unmittelbar nach der Staatsgründung wurde das Handwerk durch gesetzliche Vorgaben von der Industrie abgegrenzt und stärker staatlich reguliert. Dazu gehörte, dass der Staat Handwerksbetriebe mit über zehn Mitarbeitenden der Industrie zurechnete. Mit dem Gesetz zur Förderung des Handwerks von 1950 sowie der Förderung der Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) ab 1955 wurden genossenschaftliche Betriebe gegenüber privaten Handwerksbetrieben unter anderem bei der Materialversorgung und Kreditvergabe bevorzugt. Um die Importabhängigkeit von der Bundesrepublik zu verringern und die wirtschaftliche Krise zu überwinden, führte die DDR 1963 das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“ (NÖS) ein. In diesem Zusammenhang wurde die Örtliche Versorgungswirtschaft (ÖVW) in den Räten der Kreise, Städte und Gemeinden geschaffen, um das private und genossenschaftliche Handwerk in das Reformprogramm einzubinden. Auf das NÖS folgte 1967 das Ökonomische System des Sozialismus (ÖSS).
Mit dem Machtwechsel zu Erich Honecker 1971 wurden NÖS und ÖSS beendet und es kam zu einer planwirtschaftlichen Zentralisierung, wie zuvor in den 1950er-Jahren. Die örtlichen Staatsorgane wurden gestärkt, die Handwerkskammern den Räten der Bezirke unterstellt, die Lehrlingszuteilung reglementiert und die Meisterausbildung in das staatliche Bildungssystem integriert. Nachdem sich Mitte der 1970er-Jahre Produktionsprobleme und Nachwuchssorgen zeigten, reagierte der Staat mit einer höheren Zahl an Gewerbegenehmigungen, besseren Kreditbedingungen, Steuererleichterungen und einer Ausweitung der Lehrlingszahlen. In den 1980er-Jahren nahm das private Handwerk schließlich eine nicht zu ersetzende Stellung ein, da sich die wirtschaftliche Lage verschlechterte und ein Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage entstand. Der Staat musste den Autoren zufolge akzeptieren, dass das private Handwerk seine Dienstleistungen schneller, freundlicher und kundenorientierter anbot als staatliche Betriebe.
Einen weiteren Schwerpunkt des Buches bilden Ausbildung und Berufsalltag. Anhand der Interviews sowie bestehender Forschung und vorhandener Literatur arbeiten die Autoren fünf unterschiedliche Gruppen heraus, die aus verschiedenen Gründen einen Handwerksberuf ergriffen – von Handwerkskindern über junge Menschen, denen der Weg zum Abitur oder Studium verwehrt blieb, bis hin zu Jugendlichen, die im Handwerk größere persönliche Freiräume oder bessere Verdienstmöglichkeiten sahen. Darüber hinaus wird erläutert, wie Schülerinnen und Schüler der Polytechnischen Oberschule beispielsweise durch das Fach Produktive Arbeit (PA) an das Berufsleben herangeführt wurden. Die Zeitzeugenberichte vermitteln zugleich einen anschaulichen Eindruck vom Arbeitsalltag. Sie schildern die technische Ausstattung der Betriebe, die Planbilanzen, die schwierige Materialbeschaffung und den Umgang mit staatlichen Vorgaben. So berichten die Buchbinder Cornelius und Christian Rüss, wie ein Buchbinder zur damaligen Zeit im Papierkontor in Berlin dringend benötigte Pappe mithilfe von Tauschgeschäften beschaffen konnte und dabei immer Gefahr lief, gegen das Gesetz zur spekulativen Warenhortung zu verstoßen.
Darüber hinaus thematisiert das Buch die finanziellen Spielräume privater Handwerker, die Urlaubsregelungen sowie die sogenannte Feierabendarbeit. Dabei wird zwischen der offiziell erwünschten Arbeit für das sozialistische Gemeinwohl und privat ausgeführten, nicht erfassten Arbeiten unterschieden. Zugleich zeigen die Interviews, dass diese Grenzen in der Praxis häufig fließend waren.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Umbruchzeit 1989/90 und der Übergang des privaten Handwerks von der DDR in die Bundesrepublik. Anhand verschiedener Lebensgeschichten wird deutlich, wie unterschiedlich Handwerker diese Zeit erlebten. Während der Weimarer Kfz-Mechaniker Rainer Pirnke von einem bereits gut etablierten Betrieb profitierte und den Wandel erfolgreich bewältigte, entschied sich der Optiker Stefan Scharnbeck bewusst gegen eine Anstellung im Industrieladen von Zeiss Jena und für die Selbstständigkeit mit einem Optikerladen in Potsdam. Rückblickend erklärt er, die Wende sei für ihn fünf Jahre zu früh gekommen, da der für seinen Privatbetrieb aufgenommene Kredit noch nicht abbezahlt war.
Viele Interviewte nutzten nach Angaben der Autoren die Gespräche des Forschungsprojektes, auf dem das Buch basiert, um ihre Berufsbiografie zu reflektieren. Dabei war ihnen wichtig, den Alltag des privaten Handwerks in der DDR möglichst authentisch darzustellen. Diese Authentizität wird im Buch gut spürbar. Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt verbinden historische Einordnungen mit den persönlichen Erinnerungen der Interviewteilnehmer und eröffnen einen anschaulichen Einblick in ein für die DDR und Ostdeutschland prägendes Thema, das bislang von der Geschichtswissenschaft vergleichsweise wenig behandelt wurde.
































